Ein Blick in einen Kreißsaal in der Helios Klinik: Die Beleghebammen haben geschlossen gekündigt. Foto: Brockhammer

Im November hatte das Team der Rottweiler Beleghebammen geschlossen den Vertrag mit der Helios-Klinik zum Ende März gekündigt. Wir haben nachgefragt, wie es weitergeht.

Bundesweit hatten die Rottweiler Beleghebammen im November mit ihrer gemeinschaftlichen Kündigung für Aufsehen gesorgt.

 

Grund für ihren Schritt ist der neue Hebammenhilfevertrag, der zum 1. November in Kraft trat, und der die Beleghebammen finanziell deutlich schlechter stellt und dafür sorgt, dass die Schwangeren und Gebärenden künftig aufgrund von Leistungen, die nicht mehr vergütet werden, nicht mehr in gewohnter Qualität versorgt werden können.

Viele Leistungen können nicht mehr abgerechnet werden. Die Vergütung der Beleghebammen wird vom GKV-Spitzenverband mit dem Deutschen Hebammenverband festgelegt. Helios hat darauf keinen Einfluss.

Mit einer großen Protestaktion mit mehr als 500 Beteiligten hatten die Hebammen Mitte November in der Rottweiler Innenstadt auf die Situation aufmerksam gemacht und viel Zuspruch bekommen. In den vergangenen Wochen ist es um die Hebammen allerdings still geworden.

Die Zeit rennt

Doch die Zeit rennt. Bis Ende März tragen die Rottweiler Beleghebammen im Kreißsaal noch die Verantwortung für die Frauen. Und derzeit haben sie auch gut zu tun. Doch was kommt danach? Wird Helios die Beleghebammen anstellen? Und wenn ja, wer geht den Weg mit? Wer geht einen anderen? Und wie steht es dann letztlich um die Rottweiler Geburtshilfe?

Derzeit in Verhandlungen

Derzeit sei man in Verhandlungen. Das lassen die Hebammen knapp ausrichten. Mehr möchten sie derzeit nicht sagen. Und auch Kliniksprecherin Julia Stapel bittet um Geduld. „Wir befinden uns noch im Gespräch mit den Hebammen, daher bitten wir um Verständnis, dass wir uns zu möglichen Entscheidungen derzeit nicht weiter äußern“, heißt es in ihrer Stellungnahme.

Gründe für den Frust

Aber warum sorgt der neue Hebammenhilfevertrag, der eigentlich alles besser machen sollte, für so viel Frust, vor allem bei den Beleghebammen? Grund dafür ist nicht nur, dass Leistungen künftig schlechter als bisher, oder gar nicht mehr vergütet werden, sondern auch der hohe bürokratische Aufwand. Im Fünf-Minuten-Takt müsse jetzt dokumentiert, Formulare und Bögen ausgefüllt und Uhrzeiten akribisch notiert werden, ansonsten laufen die Beleghebammen Gefahr, dass für erbrachte Leistungen von den Kassen gleich gar nicht bezahlt wird.

Ist der Kreißsaal voll, werden diese Vorgaben für die Hebammen zur Zerreißprobe. Sollten sie sich eigentlich um die Frauen kümmern, gilt es doch nun die Leistungen – die bislang pauschal vergütet wurden – nahezu minutiös festzuhalten. Viele der Geburtshelferinnen sind am Ende und sehen darin nicht ihre Berufung. Die Konsequenz: die Arbeit als Beleghebamme aufgeben. Für einige der einzige Ausweg. Denn hier geht es nicht um zusätzliche Arbeit, sondern um die pure Existenz. Eine Festanstellung ist für einige keine Alternative.

System hat 20 Jahre funktioniert

Nur als Beispiel: Das System der Rottweiler Beleghebammen ist kompliziert, aber es hat mehr als 20 Jahre funktioniert und es ist äußerst sozial. Denn die „Einnahmen“ bei Geburten und weiteren Behandlungen kommen in einen Pool und werden dann, unter den Kolleginnen gerecht aufgeteilt.

Geburtshilfe ist nicht planbar

Geld fließt allerdings nur, wenn es Geburten gibt. Und Geburten gibt es eben nicht jeden Tag. Der Kreißsaal muss rund um die Uhr besetzt sein. Auch wenn an manchen Tagen kein oder wenig Geld in den Pool fließt. Diese Vorhalteleistung oder die Rufbereitschaft werden nicht vergütet. Wenn die Hebammen nun schlechter vergütet werden, kommt auch weniger in den Pool. Dem System droht der Kollaps.

Bislang konnten die Hebammen für alle Frauen, die gleichzeitig in den Kreißsälen unter den Geburten betreut wurden, 100 Prozent abrechnen. Künftig sind das nur noch 80 Prozent, ab der zweiten Frau werden lediglich nur noch 30 Prozent bezahlt. Das bedeutet hohe finanzielle Einbußen für die Geburtshelferinnen. Verantwortung und Haftung bleibt aber bei jeder Frau bei 100 Prozent.

„Es ist eine Katastrophe“

Das Belegsystem sei eingeführt worden, um aus einem kaputten System für alle Beteiligten – Frauen, Eltern und Hebammen – das Beste rauszuholen. Und jetzt ist auch dies nahezu kaputt. „Es ist eine Katastrophe. Unser ganzer Frust und die Wut gelten dem GKV! Er zerstört ein bisher sehr gut funktionierendes System und will uns damit in die Anstellung zwingen, weil dies für die Krankenkassen günstiger ist.“, hatte Beleghebamme Simone Fischer im November im Interview gesagt. Geändert hat sich am System seither nichts, obwohl der Druck auch durch weitere Kündigungen deutschlandweit höher wurde.

Helios hat den Hebammen Rückhalt zugesagt. Wie die Verhandlungen letztlich enden ist derzeit aber noch völlig offen.