Weniger als die beste Sorge für Schwangere und Frauen im Wochenbett wäre mit ihrem Berufsethos nicht vereinbar: die beiden Weiler Hebammen Kristina Turkauf und Claudia Voitl. Foto: eatrice Ehrlich

Zwei Weiler Hebammen sprechen über Herausforderungen ihres Berufs, die prekäre Lage freiberuflicher Hebammen und Wertschätzung, die ihnen entgegengebracht wird.

Es sind oft starke Eindrücke, die einen Menschen dazu bewegen, den Beruf der Hebamme zu wählen.

 

Kristina Turkauf hatte mit 13 Jahren während eine Praktikums eine Geburt miterleben dürfen. „Danach war es um mich geschehen“, blickt sie auf den Schlüsselmoment für ihre Berufswahl zurück.

Claudia Voitl hatte, ebenfalls als Teenagerin, ihren Urgroßvater beim Sterben begleitet – für sie die Initialzündung, in die Geburtshilfe zu gehen. Geburt und Tod – Anfang und Ende des Lebens – als junge Frau fühlte sie sich von diesem Spannungsfeld angezogen. Eine Fernsehreportage über den Beruf der Hebamme, die sie kurz darauf sah, bestätigte sie in ihrer Entscheidung, diesen zu erlernen.

Heute hat Voitl mit der Geburt nur noch ganz am Rande zu tun. Als freischaffende Hebamme kümmert sie sich um Geburtsvor- und -nachsorge für Frauen in Weil am Rhein. Sie besucht die Frauen zu Hause oder sie kommen zu ihr.

Außer Geburtshilfe macht sie alles: Beratungsgespräche, Hilfe bei Beschwerden in der Schwangerschaft, Vorsorgeuntersuchungen sowie Nachsorge im Wochenbett. Kombiniert mit den klassischen Arztterminen für Laboruntersuchungen und Ultraschall, sei das die perfekte Geburtsvorbereitung. „Wir sind keine Konkurrenz, sondern ergänzen uns“, sagt sie mit Blick auf den Beruf des Gynäkologen.

Doch dies ist nur ein Teil ihres Berufs. Ganz wichtig sei ihr auch die Aufgabe, eine Familie in der Zeit einer Neufindung zu begleiten, die durch die Geburt eines Kindes stattfindet, betont Voitl. „Ich finde das einen wichtigen Prozess. Das sind Menschen, die sich an einer Weggabelung befinden.“

Frauen in ihrer Intuition bestärken

Die Hauptarbeit sei heute, Frauen in ihrer Intuition zu bestärken, der diese teilweise gar nicht mehr trauen – wegen falscher Ratschläge aus ihrem Umfeld und aus dem Internet, aber auch, weil „altes“ Wissen verloren gegangen ist. Für viele Frauen sei ihr Baby das erste, mit dem sie überhaupt zu tun hätten, sagt sie.

Ratschläge selbst ernannter „Doulas“ oder Coaches seien meistens nicht hilfreich, betont Voitl. Diesen fehle der professionelle Hintergrund. „Wir müssen auch Pathologien erkennen können.“

Nach Jahren, in denen die Erstgebärenden immer älter wurden – 52 Jahre war eine Frau, der Voitl bei ihrer ersten Geburt zur Seite stand –, entschlössen sich die Frauen heute wieder früher zum Kinderkriegen.

Frauen fehlt Selbstvertrauen

Zu Beginn ihres Berufslebens, in den 1980er-Jahren, hatten die Frauen ein großes Körperbewusstsein und Selbstvertrauen. Heute seien sie oft verunsichert. Das merke sie an den Fragen, die ihr gestellt würden. „Heute schwanger zu sein, ist nicht einfach“, hält Voitl fest. „Es braucht Geleitschutz.“

Sich ganz auf die Freiberuflichkeit einzulassen, erfordere Einbußen, sagt sie mit Blick auf ihre wirtschaftliche Situation, obwohl erst vor kurzem eine neue Honorarordnung für Hebammen (Hebammenhilfevertrag) erlassen wurde.

Mehr Zeit für Frauen im Wochenbett

Diese bringe einerseits Gutes: Statt einer Pauschale von 37 Euro für einen Wochenbettbesuch, wird dieser nun in Fünf-Minuten-Schritten bis hin zu einer Stunde abgerechnet, wofür die Vergütung dann bei 75 Euro liege. Beleghebammen, die es hier in der Gegend kaum noch gebe, stünden aber jetzt schlechter da als vorher.

Zusätzliche finanzielle Absicherung ist nötig

Ohne zusätzliche eigene Vorsorge und ihren Mann, der für ihr Auskommen sorge, würde sie mit ihrem Verdienst, von dem rund 50 Prozent für Krankenkassen- und Rentenbeiträge, für Steuern und Berufshaftpflichtversicherung aufgebracht werden müssen, mit ihren kargen Rentenansprüchen in der Altersarmut landen, schildert die 56-jährige Mutter zweier erwachsener Söhne. Eine Alleinerziehende müsste 60 Stunden in der Woche arbeiten, um auf einen grünen Zweig zu kommen.

Auch für Kristina Turkauf hat sich ihre Rolle mit der Zeit geändert: Während sie zu Beginn ihres Berufslebens auf das Baby „fixiert“ gewesen sei, sieht sie sich jetzt immer mehr in der Rolle einer Begleiterin der Frauen auf dem Weg zum Muttersein.

Ein Job mit vielen Facetten

Sie ist nach wie vor in Teilzeit in der klinischen Geburtshilfe tätig, kombiniert das aber mit einem Vormittag in einer Arztpraxis, wo sie auf Minijob-Basis als Hebamme tätig ist, und zusätzlich freischaffend mit Besuchen bei den Frauen zu Hause. Seit ihr beiden Kinder im Teenager-Alter sind, hat die 42-Jährige dafür wieder mehr Zeit.

Beide Frauen arbeiten auch als Praxisanleiterinnen für werdende Hebammen, Voitl engagiert sich darüber hinaus als Verantwortliche für Öffentlichkeitsarbeit im Hebammennetzwerk Lörrach. Wer Hilfe durch eine freiberuflich tätige Hebamme sucht, wird dort fündig.

Auch in Krisensituationen für die Frauen da

Auch in Krisensituationen sind Turkauf und Voitl für die Frauen da. Als Familienhebamme im Rahmen der „Frühen Hilfe“ unterstützt Claudia Voitl Frauen, deren Lebenssituation schwierig ist. Turkauf hat sich in der Begleitung nach Kindsverlust weitergebildet und leitet zusammen mit einer Trauerbegleiterin die Trauergruppe „Geliebte Sterne“ im Familienzentrum Kinderland Lörrach für Eltern, die ein Kind verloren haben.

Große Wertschätzung freut die Hebammen

Über die große Wertschätzung, die ihnen in Weil am Rhein entgegengebracht wird, freuen sich die beiden Hebammen enorm. Im Jahr 2015 war die Stadt Weil am Rhein deutschlandweit Pionierin mit einem „Hebammen-Gutschein“ in Höhe von 30 Euro pro betreuter Frau, die Familien für Hebammenhilfe ausgeben können.

Diese Summe – heute „Hebammenzuschuss“ genannt – wurde vor kurzem auf 50 Euro pro betreuter Frau aufgestockt. Aus allen Gemeinderatsfraktionen gab es dafür großen Rückhalt – keine Selbstverständlichkeit, wie Turkauf und Voitl betonen. Auch wenn es sie vor Altersarmut nicht rette: Die beiden sehen das vor allem als wertvolle Anerkennung ihrer Arbeit.