Anouk Hirt versucht mit ihrem Team „Frauen zu stärken“. Foto: Merk

Fast jede zweite Hebamme überlegt, aufgrund des neuen Hebammenhilfevertrag den Beruf aufzugeben. Trotzdem wagen Geburtshelferinnen in Balingen den Schritt in die Selbstständigkeit.

Seit zwei Wochen hat die Hebammenpraxis in der Olgastraße in Balingen ihre Türen geöffnet. Anouk Hirt und ihre Kolleginnen wollen die „Hebammen im Zollernalbkreis bündeln“ – und das in einer Zeit, in der viele Kolleginnen aufgeben.

 

In Rottweil haben sämtliche Beleghebammen der Helios Klinik geschlossen ihre Kündigung eingereicht – ein deutliches Signal des Protests gegen den seit November geltenden neuen Hebammenhilfevertrag.

Dieser bringe laut vielen Hebammen erhebliche finanzielle Einbußen und mehr Bürokratie mit sich, während Verantwortung und Haftungsrisiken unverändert hoch blieben. Auch Hirt sieht das so. Trotz aller Risiken habe sie sich im April gedacht: „Ich übernehm’s.“

Bedarf und Nachfrage groß in der Region

Sie sehe den Bedarf und die Nachfrage in der Region deutlich. Da in Hechingen keine passende Immobilie gefunden werden konnte, entschied sich das Team für die Räumlichkeiten in Balingen.

Der neue Vertrag sei für sie und ihr Team „auch schwierig“ und insgesamt „nicht ganz durchdacht“, sagt die 35-Jährige. So sei der bürokratische und finanzielle Aufwand, ein telefonisches Beratungsgespräch abzurechnen, oft höher als der Ertrag.

Höhere Vergütung wird positiv gesehen

Positiv bewertet sie hingegen die geplante Aufstockung der Vergütung für Geburtshelferinnen. Dies könne helfen, mehr Menschen für den Beruf zu gewinnen und so dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

Der Deutsche Hebammenverband (DHV) warnt vor gravierenden Folgen des neuen Vertrags für die Versorgung von Schwangeren und Gebärenden – insbesondere im ländlichen Raum. Laut Ursula Jahn-Zöhrens, Präsidiumsmitglied des DHV und Beirätin für den freiberuflichen Bereich, drohten spürbare Einschnitte in der regionalen Geburtshilfe, die bundesweite Auswirkungen auf Familien haben könnten.

Studie zeigt: Jede zweite Hebamme erwägt aufzuhören

Eine aktuelle Studie zeige, dass fast jede zweite Hebamme ernsthaft erwäge, den Beruf aufzugeben. „Wir wissen von mindestens zwei weiteren Teams, die vollständig aufgehört haben“, so Jahn-Zöhrens. „In anderen Fällen wechseln ganze Gruppen ins Angestelltenverhältnis.“ Ursache sei in allen Fällen der neue Vertrag, der für Beleghebammen wirtschaftlich nicht tragbar sei.

Hirt zeigt Verständnis für ihre Kolleginnen in Rottweil, könne aber über deren Beweggründe nur spekulieren. Sie selbst ist zusätzlich bei der Zollernalb-Klinik angestellt und spricht dort von „sehr guten Arbeitsbedingungen“.

Ambulante Hebammenpraxen sind wichtig für die Versorgung

Der DHV sieht in ambulanten Hebammenpraxen eine wichtige Stütze für die Versorgung in strukturschwachen Regionen. „Gerade dort, wo Kliniken schließen, geben Hebammenpraxen Sicherheit und Orientierung – doch sie brauchen stabile Rahmenbedingungen“, betont Jahn-Zöhrens. Der Verband fordert daher, den neuen Vertrag dringend nachzubessern, um wirtschaftliche Nachteile für Beleghebammen zu vermeiden. Nur so ließen sich weitere Kündigungen verhindern.

Der GKV-Spitzenverband weist die Kritik des Verbands zurück. Die Versorgung für Schwangere und Gebärende sei in Deutschland insgesamt gut, heißt es. Mit dem neuen Hebammenhilfevertrag werde die wichtige Eins-zu-eins-Betreuung gestärkt, die Vergütung deutlich erhöht und die Qualität der Geburtshilfe verbessert. Die gesetzlichen Krankenkassen rechneten mit Mehrausgaben von über 100 Millionen Euro – „mehr Geld für eine bessere Versorgung und bessere Arbeitsbedingungen“.

Die Hebammen würden zugegebenermaßen ihre Themen oft „groß und laut“ vorbringen, so Hirt, was aber nichts an der Wichtigkeit ändere. Ihr und ihren Kolleginnen gehe es hauptsächlich darum, „für die Familien und die Frauen da zu sein“.