Knapp zwei Wochen ist Roberto Chiari noch Bürgermeister. Aus gesundheitlichen Gründen wird er in den Ruhestand versetzt. Seine Amtskollegen im Kreis Calw schlagen jetzt Alarm – und warnen vor einer bedenklichen Entwicklung im Umgang mit Amtsträgern. Foto: Biermayer

Ein kranker Bürgermeister in Bad Liebenzells Kurpark löste Empörung aus. Etliche Rathauschefs im Kreis Calw verteidigen Chiari nun – und warnen vor einer Verrohung des Diskurses.

Wie kann es sein, dass Bad Liebenzells noch-Bürgermeister Roberto Chiari krankgeschrieben ist, sich aber mit Bürgermeisterkollegen im Kurpark trifft?

 

Wegen dieser Frage, so schilderte ZBL-Stadtrat Marco Hofmann es in der jüngsten Bad Liebenzeller Gemeinderatssitzung, sei er von Bürgern angesprochen, teils gar angegangen worden.

Chiari ist seit März 2025 aufgrund eines Erschöpfungssyndroms fast durchgehend im Krankenstand; Anfang Mai 2026 gab er bekannt, das Landratsamt Calw versetze ihn „aufgrund dauerhafter Dienstunfähigkeit zu diesem Zeitpunkt in den Ruhestand“. Seine Dienstzeit endet zum 31. Mai.

Sein Job hat ihn offenbar die Gesundheit gekostet.

Dass er nun im Kurpark gesehen wurde, während er zugleich krankheitsbedingt nicht im Rathaus arbeite, scheint für manche einem Skandal nahezukommen. Unsere Redaktion berichtete in der Freitagsausgabe unserer Zeitung darüber.

Mehr als die Hälfte der Rathauschefs im Kreis

Für einen Großteil der Rathauschefs im Kreis Calw bringt diese Nachricht offenbar ein Fass zum Überlaufen.

Das macht eine Reaktion auf unsere Berichterstattung in Form einer Stellungnahme aus den Reihen der Bürgermeister im Kreis Calw deutlich.

Mehr als die Hälfte der Rathauschefs stellten sich innerhalb kürzester Zeit demonstrativ hinter das Schriftstück, das unserer Redaktion vorliegt.

„Es gibt eine Grenze“

Die Bürgermeister machen klar: Kommunalpolitik lebe von Kritik. Jeder Schultes müsse Widerspruch aushalten, Gemeinderäte müssten Entscheidungen hinterfragen, Bürger dürften laut und deutlich ihre Meinung sagen. Das alles gehöre zur Demokratie.

Aber: „Es gibt eine Grenze“, heißt es in dem Schreiben.

Eine Grenze, die überschritten sei, „wenn nicht mehr über Entscheidungen, Inhalte und Argumente gestritten wird, sondern Menschen persönlich beschädigt werden sollen. Wenn aus sachlicher Kritik pauschaler Generalverdacht wird. Wenn einem Bürgermeister unterstellt wird, er handle ohnehin nur aus Eigeninteresse oder für bestimmte Gruppen. Wenn nicht mehr das Wohl der Stadt im Mittelpunkt steht, sondern die persönliche Zermürbung eines Menschen“, erklären die Bürgermeister.

Bad Liebenzell mache betroffen

Was in Bad Liebenzell seit Monaten geschehe, mache viele kommunal Verantwortliche im Landkreis betroffen.

„Man muss nicht jede Entscheidung eines Bürgermeisters richtig finden. Man darf widersprechen, nachfragen, kritisieren und Alternativen fordern. Aber der Ton und die Art des Umgangs haben längst eine Schärfe erreicht, die mit normaler kommunalpolitischer Auseinandersetzung nur noch wenig zu tun hat“, unterstreichen die Rathauschefs.

Besonders befremdlich sei, „wenn selbst eine kollegiale Zusammenkunft der Bürgermeisterinnen und Bürgermeister im Landkreis zum Anlass für neue Vorwürfe wird. Wir treffen uns regelmäßig, um gemeinsame Herausforderungen zu besprechen, Erfahrungen auszutauschen und Lösungen für unsere Kommunen zu finden“.

Einmal im Jahr finde zudem eine Wanderung statt. „Dabei geht es auch um das persönliche Miteinander, um Vertrauen und darum, ausscheidende Kollegen würdig zu verabschieden“, ist weiter zu lesen.

Chiari sei zu diesem Zeitpunkt im Übrigen nicht mehr krankgeschrieben gewesen, sondern im Resturlaub. „Er war auch zuvor nicht bettlägerig. Er hat selbst öffentlich gemacht, welche gesundheitlichen Belastungen bei ihm eine Rolle gespielt haben. Daraus einen öffentlichen Vorwurf zu konstruieren, ist menschlich schwer nachvollziehbar“, mahnen die Bürgermeister mit deutlichen Worten.

„Wir sind Menschen aus Fleisch und Blut“

Und überhaupt: „Bürgermeister sind keine abstrakten Figuren. Wir sind nicht ‚die da oben‘. Wir sind Menschen aus Fleisch und Blut – gewählt von Bürgerinnen und Bürgern, verantwortlich für schwierige Entscheidungen, aber auch fehlbar, verletzlich und nicht unbegrenzt belastbar. Wir können nicht jede Erwartung erfüllen. Wir können Finanzmangel, Bürokratie, Personalmangel, wirtschaftliche Entwicklungen oder jahrelang gewachsene Probleme nicht einfach wegzaubern“, geben die Rathauschefs zu bedenken.

Trotzdem gebe es Menschen, die dieses Amt übernehmen, „weil sie ihre Stadt oder Gemeinde voranbringen wollen. Weil sie gestalten wollen. Weil sie Verantwortung übernehmen“. Deshalb schmerze es, wenn aus Kritik an Entscheidungen ein Angriff auf die Person werde.

Finden sich immer weniger Kandidaten für Bürgermeisterberuf?

„Unsere kommunale Demokratie braucht Streit. Aber sie braucht auch Anstand, Maß und Fairness. Kritik darf hart sein, klar und unbequem. Aber sie muss der Sache dienen. Sie darf nicht zur persönlichen Kampagne werden“, steht in dem Schreiben weiter zu lesen.

Es gehe nicht nur um einen einzelnen Bürgermeister. Es gehe auch darum, ob der Bürgermeisterberuf künftig noch attraktiv bleibe.

„Wenn Menschen erleben, dass man in diesem Amt dauerhaft persönlich angegriffen, öffentlich herabgewürdigt und unter Generalverdacht gestellt wird, werden sich immer weniger fähige Menschen finden, die diese Verantwortung übernehmen wollen“, fürchten die Bürgermeister.

„Wir brauchen keine amerikanischen Verhältnisse“

„Das wäre ein Schaden für alle Städte und Gemeinden.“ Deshalb sei jetzt ein Moment gekommen, um innezuhalten.

„Wir brauchen keine amerikanischen Verhältnisse im kommunalen Diskurs. Wir brauchen keinen Stil, in dem politische Gegner zu Feindbildern gemacht werden. Wir brauchen den Streit um die beste Lösung – aber nicht den Angriff auf den Menschen“, erklären die Rathauschefs. „Unsere Kommunen kommen nur voran, wenn trotz unterschiedlicher Meinungen ein Grundmaß an Respekt bleibt.“

Am Ende solle nicht die persönliche Beschädigung Einzelner im Vordergrund stehen, sondern das Wohl der Stadt und ihrer Bürger.

Die klaren Worte der Bürgermeister kommen nicht von ungefähr. Sie sind im Grunde nicht einmal überraschend. Denn im Kreis Calw – und nicht nur dort – war insbesondere in den vergangenen Monaten eine bedenkliche Entwicklung zu beobachten.

Neben Chiari war auch Schömbergs früherer Bürgermeister Matthias Leyn zum 31. März zurückgetreten, weil ihm die Kraft fehlte. Neubulachs Bürgermeisterin Petra Schupp – sie hatte vergangenen Sommer einen Herzinfarkt erlitten – wird ihr Amt aus gesundheitlichen Gründen ebenfalls zum 30. Juni aufgeben.