2026 startet die Aktivrente: Rentner dürfen weiterhin Geld verdienen – 2000 Euro steuerfrei. Doch nur einig können profitieren. Die Caritas Rottweil kritisiert das.
2000 Euro steuerfrei als Rentnerin dazu verdienen – das klingt erst mal nicht schlecht. Das Bundeskabinett beschloss kürzlich den Gesetzesentwurf für die so genannte Aktivrente, die zum 1. Januar kommenden Jahres beginnt. Wie der Name verrät, geht es darum, auch nach Renteneintritt „aktiv“ beziehungsweise arbeitstätig zu bleiben.
Doch das Vorhaben erntet ordentlich Kritik – so sagen Sozialverbände, dass die Aktivrente ungerecht verteilt sei, weil sie sich nur an sozialabgabenpflichtige Beschäftigte nach Erreichen des gesetzlichen Renteneintrittsalter richte.
Unsere Redaktion hat mit Nadja Lück, Regionalleiterin der Caritas Rottweil, über die Vor- und Nachteile sowie Gefahren der Aktivrente gesprochen. Außerdem haben wir uns in der Rottweiler Stadt umgehört, welche Meinung Bürger dazu haben.
Steuerausfälle in Milliardenhöhe
Wer im Renteneintrittsalter noch fit ist, der kann den Arbeitsmarkt weiterhin als Fachkraft unterstützen. So solle laut Gesetzesentwurf das Erwerbspotenzial älterer Menschen besser genutzt und Erfahrungswissen länger in den Betrieben gehalten werden. Für die Aktivrentner gebe es dafür monatlich 2000 Euro brutto.
So weit, so gut. Einige Sozialverbände beleuchten jedoch andere Aspekte, die ihre Kritik untermalt. So sei nämlich die Verteilung ungerecht. Die Caritas-Regionalleiterin Nadja Lück erklärt, die Aktivrente richte sich nur an Menschen, die bislang sozialabgabenpflichtig beschäftigt waren.
800 Millionen Euro Steuerausfall
Das heißt, wer auch im Regelrentenalter noch fit ist, aber einen Minijob hat oder selbstständig ist, fällt aus dem Raster. Sie spricht zwar von einem grundsätzlich guten Ansatz, doch würden zu viele Menschen von der Möglichkeit ausgeschlossen.
Zudem hebt sie hervor, der Gesetzesentwurf wäre viel mehr ein „Steuergeschenk“, das zu einigen Steuerausfällen führen würde. Die Caritas beruft sich dabei auf den DIW-Wochenbericht. Dieser geht davon aus, dass rund 230 000 Rentner die Aktivrente beanspruchen würden. Hochgerechnet wären das rund 800 Millionen Euro, die als Steuergelder fehlen würden.
Eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt sogar Ausfälle in Milliardenhöhe. Das IW hat die fiskalischen Effekte der Aktivrente, also die Auswirkungen auf den Staatshaushalt, in einer Studie simuliert. Demnach entgehen dem Staat allein durch bereits erwerbstätige Rentner über der Regelaltersgrenze rund 1,4 Milliarden Euro pro Jahr.
Gemeinschaft und Solidarität als Anreiz
Die Caritas schlägt alternativ einen solidarischen Anreiz vor. Das heißt, man würde einen deutlich geringeren Steueranteil im Vergleich zu dem, was Erwerbstätige vor ihrer Rente abgeben, bezahlen. Dieser Anteil würde an Sozialbedürftige abgehen. Damit wäre die soziale Verteilung sicherer, als der derzeitige Gesetzesentwurf besagt, und auch auf jüngeren Steuerzahlern würde weniger Last liegen.
Allgemein ist Lück davon überzeigt, dass diejenigen, die im Rentenalter noch arbeiten möchten, es nicht primär des Geldes wegen machen würden, sondern vor allem wegen der sozialen Kontakte und des Gefühls, gebraucht zu werden. Als Vorteil siehe sie zudem, dass so auch Wissenstransfer an jüngere Kollegen versichert würde – „das ist quasi ein Mentorenprogramm“, ordnet die Regionalleiterin ein.
Gemischte Gefühle in Rottweil
Und wie schätzt sie das Modell in Rottweil ein? Nadja Lück ist sich unsicher. Aber: In der Region sei das Ehrenamt groß geschrieben. Viele Rentner betätigen sich ohne Honorierung, weil es ihnen um die Tätigkeit geht, und nicht um das Geld. Manche Verbände, wie etwa die Caritas, könnten ohne Ehrenamtliche gar nicht überleben, sagt sie. Darum stelle die Aktivrente eine Konkurrenz dar, die im schlimmsten Fall Ehrenamtliche „abwerben“ würde.
Wir haben uns in der Rottweiler Innenstadt selbst ein Bild davon gemacht – und es sieht gemischt aus. Monika Koch aus Weiler sagt: „Ich hätte es mir vorstellen können. Nun bin ich schon in Rente, aber ich war früher Putzfrau und Hilfsarbeiterin. Für mich wäre die Aktivrente eine Option gewesen.“
„Aktivrente ist eigentlich Betrug“
Anders sieht es ein 81-Jähriger aus Zepfenhan: „Wenn man die Erhöhung des Rentenalters betrachtet, dann ist die Aktivrente eigentlich ein Betrug. Ich bin damals unter 67 in Rente gegangen und finde es undenkbar, dass man nach 67 Jahren noch weiterarbeiten soll.“
Und das, was die Sozialverbände ebenfalls kritisieren, meint auch Therese Wiesner aus Krefeld: „Die Aktivrente sollte einfach für alle sein. Die Möglichkeit ist in Ordnung, weil bei vielen Menschen das Geld wegen der Inflation und steigenden Mieten eh knapp ist, aber davon sind auch alle betroffen. Man sollte keinen Deckel drauf machen, sondern die Aktivrente für alle anbieten.“