Stolz auf das Geschaffene – die vier Musiker in Schäfermontur vor ihrem Probelokal in der Gupfe. Foto: Reinhardt

Vier Männer aus Deißlingen begeben sich auf eine Reise in die schwäbische Kultur- und Handwerksgeschichte – mit Stechbeitel, Ziehmesser und viel Übung.

In Deißlingen entstand eine ungewöhnliche Idee: Stefan Schuler, begeisterter Hobby-Handwerker, wollte ein Alphorn selbst bauen. Schnell zeigte sich, dass dies alleine nicht zu schaffen war, so dass sich drei Mitstreiter, Armin Schmidt, Thilo Hauser und Harry Grüneis, fanden.

 

Ziel war es, ein eigenes Naturtoninstrument zu bauen. Im „Haus der Volkskunst“ im Balinger Stadtteil Dürrwangen, das vom Schwäbischen Albverein betrieben wird, lernten sie das schwäbische Hirtenhorn kennen. Anders als das bekannte Schweizer Alphorn, das als Musikinstrument etabliert ist, hat das schwäbische Hirtenhorn seinen ursprünglichen Charakter als Signalinstrument der Hirten bewahrt.

Wacholder und Weiden

Interessant war die Materialwahl: Während Alphörner aus Fichte gebaut werden, besteht das schwäbische Hirtenhorn traditionell aus Wacholder, da dieses Holz früher steuerfrei geschlagen werden durfte. Die Deißlinger arbeiteten in einem Workshop, den ursprünglich Eckhard Böhringer leiten sollte. Nach dessen Ausfall übernahm Manfred Stingel vom Schwäbischen Albverein. Über zwei Wochenenden und mit etwa 60 bis 80 Arbeitsstunden pro Horn fertigten sie in Handarbeit ihre Instrumente.

Wacholderstämme wurden gespalten, ausgehöhlt, verleimt und mit Weidenruten verziert. Das Ergebnis: etwa 2,5 Meter lange Hörner, die ursprünglich auf den Ton „C“ gestimmt waren, aber durch die individuelle Fertigung meist eher auf „H“ (bzw. B-Naturton) klingen. Für das Mundstück nutzten sie Holz, das individuell angepasst und selbst gedrechselt wurde.

Neue Kurse im Angebot

Musikalisch profitierte die Gruppe von den Fähigkeiten ihrer Mitglieder, besonders von Armin Schmidt und Thilo Hauser, was den Lernprozess erleichterte. Das ventillose Instrument war dennoch eine Herausforderung: Alle Töne entstehen nur durch Lippenspannung und Luftführung, was auf den selbstgebauten Hörnern schwieriger ist als auf industriell Gefertigten.

Thilo Hauser bei der Arbeit zum Hirtenhorn viel Mühe und Schweiß Foto: Reinhardt

Die ersten Klänge nach Fertigstellung waren für die Musiker überwältigend. Der Klang unterscheidet sich stark von klassischer Blasmusik. Er wirkt ursprünglicher, weicher und ist durch das Wacholderholz geprägt. Der Erfolg des Projekts blieb nicht unbemerkt. Die vier Musiker beschäftigten sich so intensiv mit dem Thema, dass sie ab Februar 2026 im Haus der Volkskunst selbst als Kursleiter aktiv werden.

Erster Auftritt geplant

Stefan Schuler und Armin Schmidt geben ihr Wissen an zukünftige Instrumentenbauer weiter. Beim Württembergischen Musiktag in Neuhausen wurden die Deißlinger auch als Instrumentenbauer eingeladen. Die Gäste zeigten sich begeistert von diesem fast vergessenen Handwerk.

Auch musikalisch verfolgt die Gruppe ehrgeizige Ziele: Der erste öffentliche Auftritt ist beim Sackpfeifentreffen am 1. Mai in Balingen geplant. Bis dahin wird fleißig geprobt, um die Intonation der vier individuell gebauten Hörner aufeinander abzustimmen. Das Repertoire umfasst traditionelle Stücke, die zum Charakter der Instrumente passen.

Das Projekt der Deißlinger Hirtenhörner geht weit über den reinen Instrumentenbau hinaus. Es trägt dazu bei, eine fast vergessene regionale Tradition lebendig zu halten, getragen von handwerklichem Können und musikalischer Leidenschaft.