Gruppenbild mit Dame: das Regenrückhaltebecken vor dem Schützenhaus zu Beginn der testweisen Vollbefüllung Foto: Gerald Nill

Für die einen war es ein Test des Regenrückhaltebeckens. Für die anderen eine Hochwasserschutzübung. Für Lörrach-Hauingen selbst war das Aufstauen eines Sees ein Großereignis.

Zweimal wurde Hauingen übel heimgesucht durch Starkregen und Sturzfluten, die über den Soormattbach weite Teile des Ortsteils überschwemmten: 2014 und 2016. Die Stadt Lörrach reagierte und baute einen Bypass beim Rechen am Beginn der Bach-Verdolung. Anfang des Jahrzehnts wurde dann ein Regenrückhaltebecken für rund 1,2 Millionen Euro vor dem Schützenhaus in der Erweiterungsfläche des Friedhofs angelegt, wofür Ortsvorsteher Günter Schlecht noch heute dankbar ist.

 

Bis zum heutigen Tag konnte die Funktionalität des Bauwerks aber nicht geprüft werden, wie Lörrachs Abwasser-Chef Frank Beuschel erläutert. Jahrelang wartete man vergeblich auf ein Hochwasser, um die Dämme und Abläufe zu testen. Das führte letztlich zur Großübung am Wochenende mit Einsatzkräften von Technischem Hilfswerk aus Lörrach und Offenburg sowie der örtlichen Feuerwehr. Um die Wassermengen aus dem Fluss Wiese zum einen Kilometer entfernten Rückhaltebecken zu befördern, reichen nämlich nicht einmal die Pumpen und Schläuche der Feuerwehr. So wurde die Idee der großen Gemeinschaftsübung geboren.

Der Bach kann zum Monster werden

Bei bestem Wetter murmelte der Soormattbach am Samstag mit mickrigen fünf Litern Wassermenge pro Sekunde dahin. Ein Rinnsal. Aber der Bach kann zum Monster werden, wie Ortsvorsteher Schlecht nur zu gut weiß, und tausendfach anschwellen. Bei den beiden verheerenden Sturzfluten vor zehn Jahren verstopfte Treibgut die Rechen am Einlass der Verdolung und die schlammigen Fluten ergossen sich in den ganzen Ort. „Das kann man sich gar nicht vorstellen“, sagt Schlecht. „Brückenstraße, Steinenstraße und Gartenstraße waren lebensgefährlich überschwemmt.“ Ein Baby sei in letzter Minute aus einem gefluteten Untergeschoss gerettet worden. Es entstand immenser Sachschaden. „Und die Ereignisse kommen immer öfter“, stellt Günter Schlecht fest.

Foto: Gerald Nill

Er ist erleichtert, dass das Regenrückhaltebecken gebaut wurde - und zwar in seiner heutigen Form, die sich als Mulde gut in die Landschaft einfügt und nicht mit einer acht Meter hohen Spundwand, wie es anfangs geplant war.

Für den Abwasser-Experten Beuschel und den Becken-Beauftragten Mathias Eberhardt ist klar, dass „ein reines Erdbauwerk etwas anfälliger ist“, weshalb die Dichtigkeitsprüfung jetzt fällig war. „Wir wollen wissen, hält die Chose auch“, sagt Beuschel.

Auch OB Jörg Lutz dankt vor Ort den Einsatzkräften, die in ihrer Freizeit für das Auffüllen eines veritablen Sees mit Wiese-Wasser sorgten. Am Samstagmorgen verlegten 45 THWler tausende Meter Rohre, Leitungen und Schläuche, um das Flusswasser in drei Etappen durch das Soormattbachbett nach oben zu befördern, auch durch die dunkle und glitschige Röhre unter dem Ort. Die leistungsstarken THW-Pumpen schaffen die Menge einer Badewasserfüllung - in jeder Sekunde. Über 10.000 Kubikmeter füllten den Stausee gestern auf 3,20 Metern Höhe.

Aber noch beeindruckender sind die Mengen, die die Natur beim hundertjährigen Hochwasser- Ereignis schickt: knapp 5000 Liter pro Sekunde!

Unglaubliche knapp 5000 Liter pro Sekunde

Mit fast soviel Wasser soll am Montagmorgen beim Ablassen des Stausees die Leistungsfähigkeit des Bachbettes getestet werden. Sukzessive, um keinen Schaden anzurichten. Und an den sechs neuralgischen Punkten soll dann genau kontrolliert werden, auch von oben mittels einer Drohne der Feuerwehr Lörrach.

Um 16 Uhr, nach siebenstündiger Vorbereitung heißt es am Samstagnachmittag endlich „Wasser marsch“, hier an der zweiten Pumpstelle, dem Rechen vor der Verdolung bei der Kirche. Foto: Gerald Nill

Sicherheit geht vor, auch und vor allem für die Lebewesen in Bach und Fluss. Schon beim Ansaugstutzen der Wiese war ein Schutz vorgesehen. Beim Ablassen am heutigen Montag darf nur so viel Wasser aus dem Rückhaltebecken abgegeben werden wie der Wiese-Pegel in Zell misst. Das waren am Samstag 2,6 Kubikmeter pro Sekunde. „Wir wollen keinen aquatischen Schock im Fluss auslösen und die Wasserlebewesen schützen“, erklärt Eberhardt. Dritter Schutz: das Einsammeln möglicher Tiere, die im trocken fallenden Becken zurückbleiben.

Am Sonntagvormittag ist das Hochwasserrückhaltebecken relativ gut gefüllt. Und der Damm besteht seine Prüfung. Foto: Gerald Nill

Feuerwehr-Kommandant Michael Ortlieb dankt dem THW und dessen Ortsgruppenleiter Nico Lang für die Unterstützung. Soweit die Theorie. In der Praxis verzögerte sich die Aktion um mehrere Stunden. Erst stand das THW Offenburg eine Stunde im Stau, dann versagte ein Strom-Aggregat, und schließlich verlegt man mehrere Kilometer Rohre und Schläuche auch nicht „mal eben“. Erst um 16 Uhr hieß es am Samstagnachmittag erlösend: „Wasser marsch!“

Wasserlebewesen werden bei Übung geschützt

Durch die Verzögerung wies der See auch nicht die erwartete Füllmenge auf. Beuschel nahm’s mit Humor: „Das Becken ist zu groß.“ Der Damm blieb jedenfalls dicht. Man könne aus der Gemeinschaftsaktion für künftige Einsätze lernen, meinten Feuerwehr und THW unisono.

Groß war das Publikumsinteresse Foto: Gerald Nill

Auch in der Nacht wurde der gefüllte Stausee halbstündlich auf Dichtheit überprüft. Nicht nur durch Ortsvorsteher Schlecht, sondern auch durch das THW und städtische Mitarbeiter. Die Feuerwehr nutzt die Gelegenheit noch für die Simulation einer Hochwasser-Übung. Und die Bevölkerung? Sie nahm das Großereignis als willkommenen Anlass, um am Wochenende eine Art Seefest zu feiern. Mit Würstchengrillen und dem Aufstellen von Mietstühlen, wie es Buurefastnächtler vorhatten. „Hauge am See“, titelte ein Schild. Ahoi!