Das kommt völlig überraschend: Wie unsere Redaktion exklusiv erfahren hat, kommt es beim Neubau des Großgefängnisses in Rottweil zu massiven Verzögerungen.
Seit Mitte 2023 läuft der Bau der neuen JVA im Rottweiler Gebiet „Esch“. Immerhin 502 neue und im Land dringend benötigte Haftplätze entstehen dort, unweit des bekannten Rottweiler Aufzugstestturms.
Und bislang lief „alles nach Plan“, so hieß es zumindest bei Besuchen vor Ort. Zuletzt hatten das Justizministerium und das zuständige Amt Vermögen und Bau im Oktober vergangenen Jahres auf die Baustelle geladen und – unter strengen Sicherheitsvorschriften – erstmals Einblicke in die im Rohbau befindlichen neuen Haftgebäude und die Struktur des Großgefängnisses gegeben.
Auch bei diesem Termin stand der von Anfang an ausgegebene Fertigstellungstermin „Mitte/Ende 2027“ nicht in Frage. Doch seither verdichten sich die Hinweise, dass es vielleicht doch nicht so rund läuft auf der wohl prominentesten Baustelle im Land.
Hiobsbotschaft: Verzögerung von 18 Monaten
Auf Nachfrage bei den zuständigen Ministerien in Stuttgart, dem Justiz- und dem Finanzministerium, erhalten wir am Dienstag Antworten, die es in sich haben. Ja, man habe die Fertigstellung und Übergabe ursprünglich für Mitte 2027 geplant. Nach aktueller Einschätzung müsse nun aber „von einer Verzögerung von rund 18 Monaten ausgegangen werden“, so eine Sprecherin des Finanzministeriums. Das sind eineinhalb Jahre. Eine Hiobsbotschaft.
Dem Architekturbüro gekündigt
Zur Frage nach den Gründen für diese immense Verzögerung sagt die Sprecherin: „Das beauftragte Architekturbüro hat nach einer zufriedenstellenden Entwurfsplanung die weitere Planungsbearbeitung und Vorbereitung des Bauablaufs sowie die Bauleitung nicht in dem Umfang erbracht, der für eine Baumaßnahme von solcher Komplexität und Größe erforderlich ist. Dem Architekturbüro wurde Mitte 2024 gekündigt. Die Defizite werden nach wie vor aufgearbeitet.“
Damit wird der bereits zweite Architekten-Rauswurf bekannt. Denn schon 2021, weit vor dem Baustart, hatte sich das Finanzministerium „wegen inhaltlicher Differenzen und zeitlichen Verzögerungen“, vom damaligen Architekten und Sieger des zur Umsetzung erfolgten Wettbewerbs getrennt.
Komplexer Terminplan
Wie die Sprecherin des Finanzministeriums weiter erklärt, sei der Terminplan „sehr komplex, mit vielen terminlichen Abhängigkeiten der unterschiedlichen Gewerke und Einzelgebäude untereinander.“
Insgesamt umfasst das Großgefängnis 18 Gebäude. „Wir bauen hier eine kleine Stadt“, hatte Sieglinde Neyer-Bedenk, Amtsleiterin von Vermögen und Bau in Konstanz – was das Land als Bauherrn vertritt – beim Vor-Ort-Besuch im Oktober unserer Redaktion gegenüber erklärt. Ein Vorhaben, das nun aus dem Ruder zu laufen scheint.
Für das Projekt sind 280 Millionen Euro veranschlagt – eine Zahl, die angesichts längerer Verzögerungen in der Planungsphase schon vor dem Baustart von manchem Beobachter als recht optimistisch eingeschätzt wurde. Und ganz am Anfang war das neue Großgefängnis eigentlich mit 120 Millionen Euro veranschlagt gewesen. Die Kostenexplosion hatte 2022 für Schlagzeilen gesorgt.
Auf die Frage, was die erneute massive Verzögerung nun für die Kosten bedeutet, sagt die Sprecherin: „Es liegt eine Vielzahl von Nachträgen vor. Gleichzeitig liegen Vergabegewinne aus früheren Ausschreibungen größerer Gewerke vor. Die bisher vorliegenden Nachträge können so aktuell innerhalb der Gesamtbaukosten von 280 Millionen Euro ausgeglichen werden.“
97 Millionen Risikovorsorge müssen ran
Allerdings entstünden darüber hinaus Mehrkosten im Zusammenhang mit der Kündigung des Architekturbüros. „Die Maßnahme liegt aktuell innerhalb des Kostenrahmens von 280 Millionen Euro Gesamtbaukosten und der getroffenen Risikovorsorge von 97 Millionen Euro“, heißt es.
Für die bisherigen, kleinen JVA-Standorte in Rottweil, Oberndorf, Hechingen, Villingen-Schwenningen und Waldshut-Tiengen bedeutet die Bauverzögerung nun, dass sie in die Verlängerung gehen. Deren weiterer Betrieb sei – logischerweise – bis zur Fertigstellung des neuen Großgefängnisses vorgesehen, so die Sprecherin.
Der aktuelle Stand
Auf der Rottweiler Großbaustelle ist der Stand der Dinge laut Finanzministerium aktuell wie folgt: Mittlerweile sind etwa 70 Prozent der Rohbauarbeiten fertig. Der Außenzaun und die Haftmauer sind nahezu fertiggestellt.
Die bereits fertiggestellten Rohbauten bekommen nun die Gebäudehülle mit den Dach-, Fensterbau-, Sonnenschutz- und Vergitterungsarbeiten. Im Gebäudeinneren laufen die Installationen der großen Technikgewerke wie die Wärmeversorgung, die Sanitär- und die Elektroarbeiten. Parallel erfolgen nun die weiteren Ausschreibungen und Vergaben für den Innenausbau, für die verschiedenen Türgewerke sowie die Freianlagen.
Ob die JVA nun gemäß dem neuen Zeitplan Mitte 2029 tatsächlich bezugsfertig ist, wird sich im weiteren Verlauf zeigen. Die neue Leiterin der Justizvollzugsanstalt, Stefanie Hörter, wird jedenfalls am 6. Februar im Landgericht Rottweil in ihr Amt eingeführt. Dieser Termin steht.