Bedrohungen und Beleidigungen gegen Rettungskräfte sollen bald per App gemeldet werden. Foto: Patrick Seeger/dpa

Rangeleien und verbale Gewalt gegen Rettungskräfte sind an der Tagesordnung. Markus Lapp, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbands Lörrach, erzählt über die aktuelle Situation.

Beleidigt, geschubst, bespuckt oder gar geschlagen: Rettungskräfte werden bei Einsätzen bisweilen Ziel von Aggression und Gewalt. Im vergangenen Jahr hat das Polizeipräsidium Freiburg insgesamt 21 Anzeigen im Zusammenhang mit Gewalt gegen Rettungsdienst und Feuerwehr registriert, im Vorjahr waren es sogar 34 Fälle. Im Landkreis Lörrach schlugen acht Anzeigen zu Buche, drei weniger als im Vorjahr.

 

Die Dunkelziffer dürfte weit höher ausfallen, denn: Wegen fehlender Konsequenzen und des bürokratischen Aufwands würden nicht alle Vorfälle gemeldet, wie im Gespräch mit Markus Lapp, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbands Lörrach, deutlich wird. Und: Belastendes werde oft bereits im Kollegen-Kreis besprochen. Nicht jeder Fall würde bis in die Rettungsdienstleiter-Ebene überschwappen.

Smartphone-App soll Meldung vereinfachen

Das soll sich in Zukunft mit der Einführung einer Smartphone-Anwendung für DRK-Mitarbeiter und Ehrenamtliche ändern. Per App soll das Melde-Verfahren vereinfacht werden, schildert Lapp den Vorteil zum bisherigen Prozedere. Das DRK Baden-Württemberg will nämlich die Entwicklung genau betrachten und die Lage im Blick behalten. Landesweit registrierte das DRK 107 gemeldete Übergriffe, davon sechs im Bereich des Rettungsdiensts Lörrach. Lapp will weder dramatisieren noch von einer Zuspitzung sprechen, aber das gesellschaftliche Klima werde rauer.

Verbale Bedrohungen können eskalieren

Wo beginnen Übergriffe? „Das fängt bei verbalen Bedrohungen an, zum Beispiel, wenn ein Patient seine Erwartungen nicht als erfüllt betrachtet.“ Verbale Entgleisungen könnten dann auch schon einmal zu handfesten Rangeleien führen. Die Rettungskräfte seien aber geschult, mit solchen Situation richtig umzugehen. „Das ist Bestandteil der Ausbildung zum Rettungssanitäter.“ Übrigens seien Einbrüche auch eine Form von Gewalt, verweist er auf einen Vorfall in der Binzener Rettungswache. „Als die Kollegen eintrafen, waren die Einbrecher noch vor Ort. Was ist, wenn man sich nicht mal mehr auf der Wache sicher fühlen kann?“ Und sollte eine Situation wirklich einmal aus dem Ruder laufen, heißt es für die Retter Rückzug: „Rein in den Rettungswagen, Türen verriegeln und den stillen Alarm betätigen, der die Polizei alarmiert“, ergänzt Betriebsleiterin Bianca Seider. Bei Alarmierungen mit Gewaltbezug warteten die Rettungskräfte auf die Polizei, die ebenfalls hinzugezogen werde.

Die Lage im Gesundheitswesen ist angespannt. Oftmals müssen Patienten lange auf einen Arzttermin warten. Dementsprechend hoch ist das Patientenaufkommen in der Lörracher Notaufnahme. Foto: Pixabay

Mitarbeiter müssen viel einstecken

„Unserer Mitarbeiter müssen sicher viel einstecken“, resümiert Lapp. Mit ein Grund sei die angespannte Lage im Gesundheitswesen und die Verdichtung medizinischer Themen. Das sorge oftmals für erhitzte Gemüter bei den Patienten, die die Widersprüchlichkeit des Systems zu spüren bekämen: Denn gesundheitliche Probleme sollten nicht auf die lange Bank geschoben werden, gleichzeitig seien sie oftmals mit langen Wartezeiten für einen Arzttermin konfrontiert. Das sah vor 30 Jahren noch ganz anders aus, blickt der DRK-Chef zurück. Auf Seite der Retter schlägt sich der Frust in einer spürbaren Personalfluktuation nieder, erklärt Seider. Das Interesse am Beruf sei groß, die Verweildauer indes kurz.

Randale und Handgemenge in der Notaufnahme

Die Verrohung der Gesellschaft bis hinein in den medizinischen Bereich belegt die Studie „Gewalt an Mitarbeitern in der Notaufnahme“, die die Unternehmensberatung openConsulting durchgeführt hat. Dazu wertete openConsulting die Angaben von rund 100 Kliniken in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu bestimmten Themenbereichen aus. Demnach beklagen 73 Prozent aller Befragten Übergriffe. Sie reichen von Randale in der Notaufnahme über Handgemenge bis zu Schlägen und Tritten. Bei vielen Übergriffen spielt Drogen- oder Alkoholmissbrauch eine große Rolle.

Die Notaufnahme der Kreiskliniken in Lörrach ist in die Jahre gekommen. Die bauliche Enge trägt bisweilen zum Stress von Patienten und Angehörigen bei. Foto: Michael Werndorff

Verbale Gewalt an der Tagesordnung

„Wir haben einen Querschnitt der Bevölkerung als Patienten und sind nicht ausgenommen von Gewalt“, weiß Dr. Samuel Hemmerling, Chefarzt der Klinik für Akut- und Notfallmedizin in Lörrach. Das Phänomen betreffe tatsächlich mehr die Krankenhäuser in Großstädten, so seine Einschätzung. Während verbale Gewalt auch im Lörracher Krankenhaus „fast täglich“ vorkomme, sei körperliche Gewalt gegen Pflegekräfte und Ärzte eher selten. Grundsätzlich äußert der Chef der Notaufnahme im Kreiskrankenhaus viel Verständnis für die Ausnahmesituation, in der sich Patienten wie Angehörige oft in der Notaufnahme befänden. Da gehe es häufig um die Sorge kranker Personen. Und Angst könne sich auch in Aggression äußern.

Was die Statistik angeht: Die Polizei Lörrach bestätigt auf Anfrage, dass es im vergangenen Jahr 71 Einsätze im Kreiskrankenhaus alleine aufgrund von Alarmierungen mit renitenten Patienten gegeben hat.