Podiumsdiskussion in der Todtnauer Praxis Dr. Martin Honeck: Landtagskandidat Peter Schelshorn (links) begrüßte dazu Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (rechts) sowie zahlreiche Fachleute aus dem Gesundheitssektor.Foto: Gerald Nill Foto:  

Wie das Gesundheitssystem zukunftsfähig gemacht werden kann, beschrieb Bundesgesundheitsministerin Nina Warken am Donnerstag bei einer Podiumsdiskussion in Todtnau.

Die Reform sei ein Spagat zwischen einer bestmöglichen medizinischen Versorgung und ihrer Finanzierung.  Zunächst beschrieb Gastgeber Dr. Martin Honeck vom Gesundheitszentrum in Todtnau, dass die medizinische Versorgung im Oberen Wiesental derzeit gut aufgestellt sei und nicht die generellen Probleme im ländlichen Raum widerspiegele. Die beiden Praxen kooperieren nicht nur gut, „wir arbeiten sogar freundschaftlich miteinander und telefonieren täglich.“ Todtnau sei Notarztstandort im Oberen Wiesental und arbeite gut mit dem DRK und der Bergwacht zusammen, die häufig bei Einsätzen im Gelände, aber auch bei Verkehrsunfällen zum Einsatz kämen.

 

Engpass bereitet Angst

In der Fragerunde nach gut einer Stunde Vortrag machte Honeck allerdings auf Kapazitätsengpässe in der Akutversorgung aufmerksam. So sei ihm bei der Beatmung eines Patienten vor einer Woche der Sauerstoff ausgegangen, und es habe im Umkreis von 80 Kilometern kein freies Bett zur Beatmung zur Verfügung gestanden. Derzeit gebe es ja keine Krisensituation, argumentierte Honeck. Deshalb mache ihm der Engpass Angst, gestand er.

Bundesgesundheitsministerin Nina Warken griff den Spielball auf und erinnerte an die Brandkatastrophe von Crans-Montana, wo die Bundesrepublik einige Schwerstverbrannte aufgenommen hat. „Reichen 40 Plätze für Schwerstbrandverletzte aus?“ fragte sie, auch im Hinblick auf mögliche Krisen- oder Kriegszeiten. Warken gab deshalb Honeck recht: „Wir dürfen uns nicht kaputt reformieren.“

Die Ministerin aus Tauberbischofsheim führte in ihrem Vortrag aus, dass sie die Situation im ländlichen Raum kennt. Auch wenn aktuell heiß diskutiert werde, wo im 400-Milliarden-Topf des Gesundheitssystems gespart werden kann, um die Beiträge der Versicherten nicht weiter steigen zu lassen, liege ihr vor allem die Versorgung der Menschen am Herzen.

System effizienter machen

Durch eine Strukturreform solle das bestehende System aber effizienter gemacht werden. Eine Ärzte-Tournee will Warken verhindern. Patienten sollen deshalb immer erst zum Hausarzt, der dann an Fachärzte überweisen kann. Das Steuerungselement? Geld. Wer dennoch direkt zum Facharzt geht, soll eine Strafgebühr zahlen oder die Behandlungskosten privat übernehmen. Wer den Weg einhält, soll den Termin für eine baldige Facharzt-Behandlung garantiert bekommen.

Auf der Agenda der Ministerin steht die Entlastung von Notaufnahmen und das Vermeiden von Fehlfahrten des Rettungsdienstes. Dazu müssten alle Akteure miteinander digital vernetzt werden.

CDU-Kreisvorsitzender Stefan Glaser moderierte die Diskussionsrunde mit rund 30 örtlichen Vertretern aus dem gesamten medizinischen Bereich. Er bestätigte: „Die erste Frage der Bürger richtet sich immer auf die Gesundheitsversorgung.“ Ein örtlicher Apotheker „in vierter Generation“ klagte sein Leid über die Überlastung im Notdienst. An den Feiertagen sei er 169 Mal herausgeklingelt worden, davon 20 Mal nachts. Sechsmal sei es nur um Nasenspray gegangen, nur zweimal sei ein wirklich dringendes Medikament angefragt worden. Er forderte eine höhere Notdienstgebühr – auch als Abschreckung.

Offen für Notdienstgebühr

Die Ministerin machte sich Notizen, auch zu der Forderung, dass Notarztpraxen einige Medikamente vorhalten können sollten. Offen ist Warken auch bei der Einführung einer Notdienstgebühr für überlastete Krankenhäuser. Ende März komme das Thema in Berlin auf die Tagesordnung.

Gleich mehrfach ging es beim Warken-Besuch in Todtnau um die Krankenkassen. Es gebe 90 verschiedene Kassen, alle mit eigener Verwaltung, Immobilien und gut bezahlten Vorständen. „Warum leisten wir uns den Luxus?“ hieß es. Der „Wasserkopf“ müsse abgebaut werden.“ Die Bundesministerin brachte viel Verständnis und Zeit für die Anregungen der Fachleute aus dem Oberen Wiesental mit.