Das Schicksal von Richard Goldschmidt bildete den Schlusspunkt der Veranstaltungsreihe „80 Jahre nach Kriegsende“ in der Stadtkirche Neuenbürg.
Grundlage der meisten Vorträge der Veranstaltungsreihe „80 Jahre nach Kriegsende“ waren die Artikel des im Juni erschienenen Buches „Der Kreis Calw in der Zeit des Nationalsozialismus“. Rund 1200 Besucher kamen zu insgesamt 19 Veranstaltungen in der Region.
In der Neuenbürger Stadtkirche berichtete Thorsten Trautwein, Schuldekan der evangelischen Landeskirche und Mitherausgeber des Buchs, über das Leben von Richard Goldschmidt (1889–1960), der auf dem Neuenbürger Forstamt arbeitete und Schriftführer im Neuenbürger Musikverein war.
Goldschmidts Schicksal Goldschmidts Großvater, ein Jude, konvertierte 1846 zum evangelischen Glauben. Ausgegrenzt wurde Richard Goldschmidt in der Zeit des Nationalsozialismus dennoch. Dies geschah laut Vortragendem nicht durch Parteiorgane, sondern ganz subtil durch Benachteiligungen, Verleumdung und Versetzung. Nach dem Krieg kehrte Goldschmidt zurück und war an der Neugründung des Musikvereins beteiligt, dessen Stadtkapelle den Erinnerungsabend musikalisch umrahmte.
Wie wurde das Geschehene aufgearbeitet? Wie begegneten sich nach der NS-Zeit Opfer und Täter, Ausgegrenzte und Parteigenossen? Wie wurden Traumata bewältigt? „Offensichtlich gar nicht“, vermutet Trautwein. Über Geschehnisse und Gefühle sei kaum gesprochen worden, es begann ein großes Schweigen. Dies währte in den Familien mindestens bis zum Tod der Kriegsgeneration, in den Städten und Gemeinden teils bis heute, so Trautwein.
Auftakt zur Aufarbeitung Immer wieder seien durch die Vorträge der vergangenen Monate Gespräche angestoßen worden, berichtete der zweite Herausgeber, Gabriel Stängle, Realschullehrer aus Rohrdorf bei Nagold. „Jetzt kann man endlich darüber reden“, sei zu hören gewesen. In manchen Fällen erfuhren Enkel in den Vorträgen Unbekanntes über ihre Großeltern aus alten Akten. Sie ergänzten diese dann durch persönliche Erinnerungen und Bilder. So waren Buch und Veranstaltung nach Ansicht der Herausgeber eigentlich ein Auftakt für weitere Forschung und Aufarbeitung.
Lernen aus der Geschichte Was haben wir aus der Geschichte gelernt? „Wenig bis nichts“, meint Gabriel Stängle mit Blick auf manche politischen Entwicklungen der Gegenwart. Dies könne ihn aber als Geschichtslehrer nicht zufriedenstellen, betonte Stängle bei seinem Vortrag bei Zedakah e.V. in Maisenbach bei Bad Liebenzell am Jahrestag der sogenannten Reichspogromnacht. „Wozu also erinnern wir an Gedenktagen und mit Büchern an die Vergangenheit?“, hinterfragte er die eigene Arbeit. Die Dämonisierung Israels und die Relativierung des Terrors der Hamas sei in Deutschland zur Normalität geworden, kritisierte Stängle.
An der Entstehungsgeschichte des Werkes Zedakah zeigte Gabriel Stängle praktische Perspektiven auf: Aus der Erkenntnis heraus, welche Schuld das deutsche Volk auf sich geladen hatte, begann der Gründer Friedrich Nothacker bereits im Jahr 1960 durch den praktischen Dienst an Holocaustüberlebenden in Israel, den Bibelvers „Tröstet, tröstet mein Volk“ mit Leben zu füllen.
Die Anerkennung der geschichtlichen Fakten und auch der eigenen Schuld könne Heilung und Versöhnung hervorbringen, so Stängle. Dies habe er im Rahmen seiner Forschungsarbeiten immer wieder erlebt. Diese Perspektive der Versöhnung für eine Bewahrung von Demokratie und Menschenrechten in der Gegenwart sei das, was die Erinnerungsarbeit im besten Fall hervorbringen sollte. „Wir brauchen Gedenktage, aber kein Gedächtnistheater“, betonte Stängle. Er wünsche sich praktisches Handeln für eine bessere Zukunft.
Erinnerungsarbeit Aus der Vergangenheit lernen, in der Gegenwart Verantwortung übernehmen und die Zukunft gestalten: Am konkretesten wurde dieses Anliegen wohl in der zentralen Gedenkveranstaltung im Calwer Landratsamt. Dort hielt Professorin Benigna Schönhagen einen Vortrag über die Erinnerungsarbeit. Neben Beiträgen von Landrat Helmut Riegger und dem Ersten Landesbeamten Frank Wiehe gab es auch eine Podiumsdiskussion mit jüngeren Teilnehmern zum Thema „Welche Verantwortung haben wir aufgrund unserer Geschichte heute?“. Die Redebeiträge sind unter www.papierblatt.de abrufbar.
Dort ist auch zu erkennen, welch ereignisreiches Jahr hinter Trautwein und seinen Projektpartnern liegt: ob nun die Veranstaltung in Stuttgart mit dem 95-jährigen Holocaust-Überlebenden Arie Pinsker, die Wanderausstellung „Holocaust gezeichnet“ oder der Besuch gemeinsam mit dem Hilfswerk Zedakah beim israelischen Staatspräsidenten Jizchak Herzog in Jerusalem.
Das Fazit des Erinnerungsjahres „80 Jahre nach Kriegsende“: Zumindest ist das große Schweigen über die NS-Vergangenheit gebrochen, mutige Artikel und Vorträge haben gezeigt, wie tief das ideologische Gedankengut in die Köpfe, in die Familien, in den Alltag drang – und wie viele Opfer es forderte.
Holocaustgedenktag Für den Holocaustgedenktag am 27. Januar wurde ein Zeitzeuge eingeladen: der dann 102-jährige Walter Bingham, der in Karlsruhe als Wolfgang Billig aufwuchs, mit dem „Kindertransport“ nach England kam und heute in Israel lebt.