Explosionen, Aktenfunde, Zwangsversteigerung, nun ein Großbrand: Die Charlottenhöhe in Schömberg hat wahrlich schwere Zeiten hinter sich. Wir geben einen Überblick zur schillernden Geschichte des Geländes – von 1907 bis heute.
Vor 116 Jahren wurde die Charlottenhöhe nahe Schömberg erbaut. Eine einst stolze Lungenheilstätte, die durch den medizinischen Fortschritt ihre Bedeutung verlor.
Inzwischen verfällt das Ensemble der insgesamt 13 Gebäude immer mehr – abgesehen von einigen der kleineren Häuser, die privat bewohnt werden.
Nun hat ein Großbrand in einem der ehemaligen Klinik-Gebäude einmal mehr den Blick der Öffentlichkeit auf das fast 31 000 Quadratmeter große Gelände gelenkt. Mehr als 100 Feuerwehrleute und zahlreiche weitere Kräfte waren dort in dieser Woche teils bis in den Morgen hinein im Einsatz.
Brandstiftung als Ursache nicht ausgeschlossen
Die Brandursache? Noch unbekannt. Denkbar scheint vorsätzliche oder fahrlässige Brandstiftung – verwunderlich wäre es nur bedingt. Denn die Charlottenhöhe zieht seit längerer Zeit auch ein mehr oder weniger zwielichtiges Publikum an. Das war freilich nicht immer so.
1907 Zur Einweihung der Charlottenhöhe im Mai 1907 reist sogar hoher Besuch an – der damals höchstmögliche weit und breit, könnte man sagen: Namensgeberin Königin Charlotte und König Wilhelm II. von Württemberg. Verantwortlich für den 1905 begonnenen Bau ist zwar der „Verein für Volksheilstätten in Württemberg“. Stiftungen des Königshauses hatten diesen jedoch ermöglicht, um gegen die Volksseuche Tuberkulose vorzugehen.
Fortschritt sorgt für Schließung
1973 Rund 66 Jahre später, im September 1973, ist die Klinik am Ende. Der Grund ist eigentlich ein erfreulicher: Waren bis dahin noch wochen- oder gar monatelange Behandlungen für die Lungenkrankheit Tuberkulose nötig, machten der medizinische Fortschritt und neue Medikamente das nun überflüssig.
Im Juli 1973 beschließt der Trägerverein der Einrichtung daher deren Auflösung; im Oktober desselben Jahres – vor genau 50 Jahren – nimmt das Berufsförderungswerk (BFW) Schömberg dort den Betrieb in Sachen Umschulungen auf.
1994 Gegen Ende des vergangenen Jahrtausends, im Jahr 1994, zieht auch das Berufsförderungswerk wieder aus der Charlottenhöhe aus. Im selben Jahr gehen einige der kleineren Häuser – Wohngebäude – in private Hände über.
Projekt scheitert, weiteres fängt gar nicht erst an
1998 Bereits 1998 ist auch für die „Charlottenhöhe GmbH“ schon wieder Schluss, die kurz nach dem Auszug des BFW versucht hatte, das Gelände mit betreutem Wohnen und Kurzzeitpflege zu beleben.
2009 Anfang der 2000er-Jahre wird die Immobilien verkauft, mit dem Ziel, eine Ayurveda-Klinik einzurichten. Der Plan scheitert. 2007 wird erstmals zwangsversteigert, 2009 kauft schließlich ein Geschäftsmann aus Mannheim das Areal. Dann geschieht viele Jahre lang nichts. Die Gebäude verfallen immer mehr, die Charlottenhöhe gewinnt nach und nach immer größere Bekanntheit als „Lost Place“ – als vergessener Ort, der Schaulustige anzieht.
Unbefugte und Explosionen
2019 Obwohl sich die Charlottenhöhe in Privatbesitz befindet und der Zutritt dort verboten ist – seit einigen Jahren auch, weil die Gebäude akut einsturzgefährdet sind – besuchen mehr oder weniger regelmäßig Menschen das verlassene Gelände. Auch selbst ernannte Geisterjäger sind darunter, die sich paranormale Ereignisse oder zumindest einen Kick versprechen.
Im Frühjahr 2019 gipfelt der Zutritt Unbefugter im Treiben von drei jungen Männern, denen zur Last gelegt wird, mehrere Polenböller in einem der Häuser gezündet zu haben. Zuvor hatten Passanten dort Explosionen gehört. Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst rückten an.
Betroffen von den Brandanschlägen waren damals das Hauptgebäude der der einst so bedeutenden Lungenheilanstalt und Forschungsstätte Charlottenhöhe. Aus Sicherheitsgründen konnten die Feuerwehrleute zunächst nicht in den Gefahrenbereich vordringen.
Zwangsversteigerung – Gewinner zahlt nicht
2021, Juni bis September Weil sich der bisherige Eigentümer, der das Gelände 2009 erwarb, seit damals nicht weiter darum gekümmert hat – vor allem aber, weil er den Geld-Forderungen seiner Gläubiger (darunter die Gemeinde Schömberg) nicht nachkommt – wird die Charlottenhöhe im Juni 2021 zwangsversteigert.
In einer rund dreistündigen Bieterschlacht bekommt ein Mann aus Mannheim, der sich als Zwischeninvestor bezeichnet, den Zuschlag für rund 1,3 Millionen Euro. Doch die Zahlungsfrist, der 2. September 2021, verstreicht. Geschehen ist seitdem offenbar noch immer nichts.
Wie Alina Mundi, Hauptamtsleiterin der Gemeinde Schömberg, Mitte Oktober 2023 bestätigt, handle es sich beim Thema Charlottenhöhe nach wie vor um ein laufendes Verfahren.
Vertrauliche Akten – wo kommen sie her?
2021, Oktober Im Oktober 2021 sorgt dann ein kurioser Fund für Schlagzeilen: Vertrauliche Akten aus den Beständen des Berufsförderungswerks Schömberg aus den Jahren 1986 bis 1989 werden auf dem Gelände gefunden. Niemand kann erklären, wie es dazu kommen konnte. Sicher ist: Der Landesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit Baden-Württemberg schaltet sich ein, die Akten werden dem Reißwolf übergeben.
Bedenkliche „Urlaubsempfehlung“
2022 In gruseliger Gesellschaft findet sich die Charlottenhöhe im Herbst 2022 wieder: Eine Auflistung des Berliner Touren- und Reiseanbieters Travelcircus veröffentlich eine Liste, auf der ein „Lost Place“ pro Bundesland aufgeführt. Für Baden-Württemberg ist es die Charlottenhöhe.
Bedenklich daran: Die einsturzgefährdeten Gebäude werden unter der übergeordneten Kategorie „Urlaubsziele“ gelistet.
2023 Am Abend des 11. Oktober 2023 bricht ein Feuer im vierten Obergeschoss in einem der leerstehenden Klinikgebäude aus. Die Ursache ist zunächst unklar. Mehr als 100 Feuerwehrleute sind bis zum nächsten Morgen im Einsatz.