Interessierten Besuchern erläutert Paul Hofmann das neue Agroforstsystem. Foto: Günther

In Schernbach hat sich in den vergangenen Jahren viel verändert. Die mehr als 160 Jahre alte Einrichtung der Bruderhaus Diakonie wurde geschlossen. In den großen leeren Gebäuden hat inzwischen die Gemeinschaft Sonnenwald ihre Heimat gefunden.

Seewald-Schernbach - Dass das Zusammenwachsen zwischen den 48 alteingesessenen Schernbachern und den 74 Zugezogenen, darunter auch 14 Kinder, recht gut geklappt hat wird in den Äußerungen beider Seiten spürbar. Damals hatten viele "Alt-Schernbacher" Bedenken, dass der Wegzug der Behinderteneinrichtung (die Bruderhaus Diakonie setzt seit Jahr 2017 auf kleine dezentrale Einrichtungen an verschiedenen Standorten der Umgebung) sich negativ auf den kleinen Ort auswirken könnte: Wer zieht in den großen Gebäudekomplex? Oder steht gar alles leer? Wer bewirtschaftet zukünftig die Felder und Wiesen der Bruderhaus Diakonie?

 

Nachhaltig, ökologisch und "enkeltauglich"

Ein Glücksfall, dass Im Jahr 2019 die "Gemeinschaft Sonnenwald e.G." den gesamten Gebäudekomplex und die Grundstücke übernahm. Die in der Rechtsform einer Genossenschaft organisierte Gemeinschaft entwickelte sich ursprünglich aus einem Kreis Gleichgesinnter aus dem Raum Stuttgart. Alle eint der Wunsch, gemeinschaftlich zu leben und zu wirtschaften, in Einklang mit der Schöpfung, nachhaltig, ökologisch und "enkeltauglich". Hierzu nehmen die Genossenschaftsmitglieder auch materielle Einbußen und bei Bedarf auch zusätzliche ehrenamtliche Arbeit, 20 Stunden pro Monat gelten als Richtschnur, in Kauf.

Die Genossen – zur Gruppe gehören zusätzlich noch weitere Personen, die sich für das Gemeinschaftsleben interessieren und derzeit als Bewerber mit in der Gemeinschaft Sonnenwald leben – üben alle bürgerliche Berufe aus. Darunter sind auch zwei Theologen sowie mehrere gelernte oder studierte Landwirte. Gäste der Gemeinschaft bemerken schnell, dass die "Neu-Schernbacher" wenig Wert auf Statussymbole legen. Angesagt ist nicht der Dreiklang von "großes Haus, dickes Auto und neueste Kleidermode", sondern das einfache Leben. Dazu gehören ökologisch produzierte Lebensmittel und artgerecht gehaltene Nutztiere.

Neben den Wohnungen und den vielen Appartements, den Gemeinschaftsräumen, der Großküche und dem Seminarhaus gehört der Hof Sonnenwald für regenerative Agrikultur zur Genossenschaft. Wichtig ist der nicht nur, weil sich die Gemeinschaft weitgehend autark von ihm ernährt, sondern vor allem auch, weil er die Grundlage der Gemeinschaft bildet.

Regeneratives Agroforstsystem

Derzeit bewirtschaften acht Genossen gemeinsam 80 Hektar. Rund 20 Hektar davon sind zugepachtet, ihren Lohn erhalten sie von der Genossenschaft. Bei großem Arbeitsanfall, bei Pflanz- oder Erntearbeiten, sind alle Genossen zu Hilfseinsätzen aufgerufen. Bewirtschaftet wird nach Biolandrichtlinien: Hühner leben in Freilandhaltung, dazu kommt die Rinderhaltung mit muttergebundener Kälberaufzucht sowie die Betriebszweige Gemüsegartenanbau, der regenerative, humusaufbauende Ackerbau, eine Hof-Käserei, eine kleine Imkerei – und seit zwei Jahren die Agroforstsysteme. Unterstützt durch zahlreiche freiwillige Helfer aus der gesamten Bundesrepublik wurden im Hof Sonnenwald hierfür große Flächen in ein regeneratives Agroforstsystem umgewandelt.

Wie Paul Hofmann, in der Gemeinschaft zuständig für Agroforst, ausführt werden beim dabei Bäume mit Ackerbau und Viehhaltung kombiniert. Durch die Doppelnutzung der Felder steht den Pflanzen mehr Feuchtigkeit zur Verfügung. Zudem entsteht durch die Mehrfachnutzung ein wichtiger Lebensraum für Vögel und Insekten. Für die Neupflanzungen hat Hofmann solche Bäume und Sträucher ausgesucht, die auch im Klimawandel gedeihen. Gepflanzt wurden insgesamt 30.000 Gehölze, und Bäume, darunter 45 Apfel- und 20 Birnensorten, viele Wertgehölze und Beerensträucher.

Geplant ist, dass die in den Agroforstflächen geernteten Früchte nicht nur als Tafelobst genossen, sondern auch zu Marmeladen, Säften, Cider und Edelbränden weiterverarbeitet und regional vermarktet werden. Mittelfristig rechnen die Genossen mit einer reichen Ernte, kurzfristiger startet dagegen ein weiterer Betriebszweig des Hofes Sonnenwald.

Keine Berührungsängste mehr

Seit September gibt es in Schernbach die Aktion "Solidarische Landwirtschaft". Dies ist ein regionales Partnerschaftsmodell zwischen Erzeugern und Verbrauchern, bei der sich diese mit einem festen monatlichen Betrag an den Kosten der Landwirtschaft beteiligen; im Gegenzug erhalten sie ihren Anteil an den produzierten Lebensmitteln: Direkt vom Erzeuger, gesund produziert und unverpackt.

Die Hofmitarbeiter hoffen sehr darauf, dass viele Verbraucher aus der Region, aus Seewald und Schernbach diese neue Art, gesunde Lebensmittel einzukaufen, nutzen werden. Hilfreich ist sicherlich, dass es inzwischen keine Berührungsängste mehr zwischen Alt- und Neubürgern gibt und das Verhältnis in aller Regel freundschaftlich und entspannt ist.

Deutlich wird dies bei gemeinsamen Feiern, zuletzt bei Fest zum 125-jährigen Jubiläum der kleinen Schernbacher Kirche, das gemeinsam gestaltet und gefeiert wurde. In ganz Schernbach herrscht große Freude darüber, dass mit den "Neuen" nun auch viele Kinder mit im Dorf leben. So viele, dass sich in Schernbach ein Verein gründete, der in Kürze einen öffentlichen Naturkindergarten eröffnen will.