Hebammen droht das Aus für viele Leistungen – auch in Rottweil wächst die Sorge. Zwei Beleghebammen schlagen Alarm. Was steckt hinter dem Protest?
Ab November bekommen Beleghebammen ambulante Leistungen nicht mehr bezahlt. Der GKV-Spitzenverband, die zentrale Interessenvertretung der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen, setzt bei der Vergütung der Geburtshelferinnen gnadenlos den Rotstift an.
Vor allem Beleghebammen werden mit dem neuen Hebammenhilfevertrag deutlich schlechter gestellt. Auch im Rottweiler Kreißsaal und darüber hinaus herrscht Entsetzen.
Inzwischen sind einige Wochen ins Land gezogen und wir haben uns nochmals umgehört. Zwei Hebammen des Beleg-Hebammen-Teams an der Helios-Klinik in Rottweil, Helena Bihl und Isabelle Kaltenbacher, beschreiben die Situation erneut.
Erst kürzlich waren sie bei einer Demonstration in Konstanz, an der gut 400 Hebammen und Unterstützer teilgenommen haben. Ein Lichtblick? „Es ist wichtig, dass wir uns zeigen und auch auf die Lage aufmerksam machen, denn der Entwicklung nach muss vermutlich so manche Geburtshilfe schließen“, sagen die beiden.
Geld fließt nicht immer
Sie fragen sich auch, wie die niedergelassenen Frauenärzte dann künftig planen, um am Wochenende und an Feiertagen ihre Patientinnen zu sehen, die bereits den Geburtstermin überschritten haben.
„Das lief bisher immer über die Kliniken, und wird ab November dann wegfallen, wenn wir diese Leistungen nicht mehr vergütet bekommen“, kündigen sie an.
Das Belegsystem und die Vergütung, welches die Rottweiler Hebammen haben, ist nicht nur kompliziert, sondern auch äußerst sozial, denn die „Einnahmen“ bei Geburten und weiteren Behandlungen kommen in einen Pool und werden dann, je nach Dienst, aufgeteilt.
Die Schwierigkeit: Geld fließt nur, wenn es Geburten gibt, denn die seien eben nicht planbar. „Und die gibt es auch nicht jeden Tag“, sagt Helena Bihl. So werde es in manchen Monaten ohnehin schon knapp.
„Die Frauen sind entsetzt und sprachlos“
Stück für Stück komme mehr ans Licht, welche Leistungen künftig alle nicht mehr bezahlt werden. „Den neuen Vertrag kennen wir ja nicht mal in schriftlicher Form. Es ist also möglich, dass es noch mehr negative Überraschungen gibt“, befürchten die beiden.
Inzwischen bekommen sie viel Rückhalt von „ihren“ Schwangeren und weiteren Unterstützen. „Die Frauen sind entsetzt und sprachlos. Und sie haben natürlich auch Angst um die Zukunft der Geburtshilfe, so wie wir auch,“ informieren sie.
An der GKV üben sie heftig Kritik. „Sie sagen zwar öffentlich, dass die Hebammen mit dem neuen Vertrag besser bezahlt werden, sagen aber nicht, was alles wegfällt. Beispielsweise die Vergütung von Blutentnahmen, Beratungen bei Schmerzen, CTG und manches mehr.
22 Prozent Verlust
„Wir müssen ohnehin schon so viel kompensieren, da können wir den Verdienst nicht noch weiter runterfahren“, sagen sie und lassen wissen, dass es große Existenzängste gebe. „Unsere Abrechnungszentrale rechnet durch die Veränderungen schon mit 22 Prozent Verlust.
„Durch den Wegfall vieler ambulanter Leistungen, müssen wir aber wohl mit bis zu 40 Prozent Verlust rechnen. So kann man nicht mehr arbeiten“, machen sie deutlich und hoffen auf Unterstützung aus der Politik und dass ganz viele Leute die Petition unterschreiben, in der es darum geht, den neuen Hebammenhilfevertrag zu stoppen.
Petition unterschreiben
Unterschreiben kann man die Petition online unter www.openpetition.de unter „Stoppt den neuen Hebammenhilfevertrag! - Online-Petition“.
Man könnte zwar gegen den Vertrag klagen, doch bis es dann eine Entscheidung gebe, dauere viel zu lange, vermuten die Hebammen. Aber einen Hoffnungsschimmer gibt es: „Wir haben am 2. Juni ein Gespräch mit Vertretern des Hebammenverbandes“, lassen sie wissen. Die Unterstützung von Helios haben sie ja bereits.