Das Hebammenteam der Rottweiler Helios-Klinik hat geschlossen zum 12. März gekündigt. Foto: Brockhammer

Es ist ein alarmierender Schritt: Das Team der Rottweiler Beleghebammen hat die Reißleine gezogen und geschlossen gekündigt. „Wir sind alle am Rande“, heißt es.

Seit dem 1. November gilt er nun, der neue Hebammenhilfevertrag, der angeblich alles besser machen sollte, doch die Beleghebammen an der Helios-Klinik und auch sämtliche Beleghebammen anderer Kliniken ersticken seither in der schieren Bürokratieflut.

 

Formulare und Bögen müssen ausgefüllt und Uhrzeiten akribisch notiert werden. Das Team der Rottweiler Beleghebammen hat nun die Reißleine gezogen und geschlossen zum 31. März 2026 gekündigt. „Wir sind alle völlig am Rande“, beschreibt Simone Fischer, Hebamme des Beleghebammen-Teams an der Rottweiler Helios-Klinik, die Situation. „Es ist eine Katastrophe. Unser ganzer Frust und die Wut gelten dem GKV! Er zerstört ein bisher sehr gut funktionierendes System und will uns damit in die Anstellung zwingen, weil dies für die Krankenkassen günstiger ist. Dort gibt es interessanterweise keine Auflagen, wie viele Schwangere eine Hebamme parallel betreuen darf oder muss“, ergänzt Fischer, und der Unmut ist ihr deutlich anzumerken.

Helios-Klinik sichert Rückhalt zu

Helios indessen hat den Hebammen Rückhalt zugesagt. Doch einige Kolleginnen würden auch die Anstellung eher kritisch sehen. Die Situation ist also verfahren, wie es weitergeht, völlig offen.

In den vergangenen Monaten hatten die Beleghebammen landauf landab mit Protestaktionen auf die negativen Auswirkungen der Änderungen des Hebammenhilfevertrags aufmerksam gemacht.

Letztendlich geholfen hat all das nicht. Zum 1. November trat der Vertrag, der zwischen dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) und mehreren Hebammenverbänden ausgehandelt wurde in Kraft. Der Vertrag regelt die Bezahlung und Arbeitsbedingungen freiberuflicher Hebammen.

Hohe finanzielle Einbußen

Was zunächst gut klingt, hat aber dennoch einen bitteren Beigeschmack, denn, statt die Arbeitsbedingungen zu verbessern stehen Beleghebammen künftig schlechter da. Denn während bislang für alle Frauen, die gleichzeitig in den Kreißsälen unter den Geburten betreut wurden, 100 Prozent abgerechnet werden konnten, dürfe in Zukunft nur 80 Prozent berechnet werden, ab der zweiten Frau werden lediglich nur noch 30 Prozent bezahlt.

Das bedeutet hohe finanzielle Einbußen für die Geburtshelferinnen, die sich bereits nach wenigen Tagen schon abzeichnen. Verantwortung und Haftung bleibt aber bei jeder Frau bei 100 Prozent.

Das Belegsystem und die Vergütung, das die Rottweiler Hebammen bislang angewendet haben, ist zwar kompliziert, aber eben auch äußerst sozial. Denn die „Einnahmen“ bei Geburten und weiteren Behandlungen kommen in einen Pool und werden dann unter den Kolleginnen gerecht aufgeteilt.

Geburtshilfe ist nicht planbar

Geld fließt allerdings nur, wenn es Geburten gibt. Und Geburten gibt es eben nicht jeden Tag. Geburtshilfe ist nie planbar, betonen die Hebammen. Das sei die Schwierigkeit. Der Kreißsaal muss rund um die Uhr besetzt sein. Auch wenn an manchen Tagen kein oder wenig Geld in den Pool fließt. Diese Vorhalteleistung oder die Rufbereitschaft werden nicht vergütet. Wenn die Hebammen nun schlechter vergütet werden, kommt auch weniger in den Pool.

Jetzt wird mit Helios verhandelt

„Wir haben die Option, die Kündigung zurückzunehmen, je nachdem, wie sich die Situation entwickelt“, sagt Simone Fischer. Das habe Helios so akzeptiert. Zwar sehe es so aus, als wenn angestellte Hebammen besser vergütet werden, doch auch hier soll es beim Pflegebudget der Kliniken, aus dem die Hebammenkosten refinanziert werden, ab 2027 eine Deckelung geben, weiß Fischer. Deshalb seien die Hebammen skeptisch. Jetzt müsse man weiter überlegen und mit Helios verhandeln, so die nächsten Schritte.

Es braucht dringend eine Lösung

Zwei Hebammen werden das Haus definitiv verlassen, das ist bereits sicher. Ob weitere folgen, das ist offen. Eins ist jedenfalls klar: „Mit dem halben Team kann es nicht weitergehen“, macht Fischer deutlich. Es braucht also dringend eine Lösung.

Und was heißt das für die Schwangeren, die in Rottweil entbinden möchten? „Für die Frauen ändert sich bis März erst mal nichts“, versichert Fischer. „Wir werden vorerst weiterhin da sein, und sie gut versorgen!“

Jährlich kommen rund 800 Kinder zur Welt

Und was sagt Helios dazu? „In der Helios Klinik Rottweil arbeiten wir seit Jahren erfolgreich mit einem engagierten, gut eingespielten Team aus elf erfahrenen Beleghebammen zusammen. Diese langjährige, vertrauensvolle Kooperation ist ein wichtiger Bestandteil unserer Geburtshilfe. Unser Anliegen ist es, die geburtshilfliche Versorgung am Standort Rottweil auch weiterhin zu stärken und Familien aus der Region die gewohnte Betreuung anzubieten. Jährlich kommen rund 800 Kinder in unserem Kreißsaal zur Welt. Diese umfassende und qualitativ hochwertige Betreuung möchten wir auch künftig in bewährter Form und in enger Zusammenarbeit mit unseren Hebammen fortführen“, informiert Pressesprecherin Julia Stapel.

Die Klinikleitung habe allen Beleghebammen angeboten, jederzeit in eine Festanstellung zu wechseln.