Lärm, Abgasgeruch, Verkehrschaos: Die Nerven der Anlieger der B 463-Umleitung werden stark strapaziert. Unsere Redaktion hat Anwohner und Geschäftstreibende befragt.
Mittwochnachmittag gegen 16.30 Uhr, das digitale Schallmessgerät zeigt an der Ortsdurchfahrt im Albstädter Stadtteil Pfeffingen konstant 70 Dezibel an. Rollt ein Lastwagen über ein Schlagloch, sind in der Spitze bis zu 80 Dezibel messbar. „Reger Verkehr“ weist der Schallmesser als Vergleichsangabe aus. Treffender könnte es nicht sein.
Täglich leiden derzeit die Anwohner der Balinger Stadtteile Dürrwangen, Stockenhausen, Zillhausen und die der Albstädter Teilorte Pfeffingen, Magrethausen und Lautlingen unter derartigem Verkehrslärm. Die B463 zwischen Laufen und Dürrwangen ist seit knapp zwei Wochen voll gesperrt.
Anwohner und Geschäftstreibende an der Umleitungsstrecke begegnen der Situation mit gemischten Gefühlen. „Die Umleitung ist absolut geschäftsschädigend“, sagt Patricia Rauch, Inhaberin des Spirituosen-Fachgeschäfts Trinkhorn Brände in der Pfeffinger Ortsdurchfahrt. Sie habe Verständnis für die Notwendigkeit der Bauarbeiten, ihr Geschäft gehe derzeit trotzdem gegen Null. An diesem Mittwoch entschließt sie sich gar ihren Laden – obwohl in der Regel bis 18 Uhr geöffnet – schon eine Stunde früher zu schließen.
Parksituation schwierig
Denn: Wer auf ihren Parkplätzen direkt vor dem Haus parke, komme rückwärts einfach nicht mehr raus. So viel Verkehr rolle derzeit durch den Ort. Da sie über ihrem Laden wohnt, hat sie auch nachts mit dem Verkehrslärm zu kämpfen. „Es hört sich an, wie wenn die Autos durchs Schlafzimmer fahren. Nachts ist es grauenhaft“, schildert sie die Lage unserer Redaktion.
Von Verkehrschaos berichtet auch eine Mitarbeiterin des benachbarten Blumengeschäfts „Blumenstil“. Vor dem Haus steht ein Schild mit der Aufschrift: „3 Parkplätze – nur für Kunden von ‚Blumenstil‘!“ Trotzdem parke so mancher direkt an der Straße. „Dann kommen die Lastwagen nicht durch und hupen“, erklärt die Angestellte. Trotzdem: Durch den Durchgangsverkehr hätte „Blumenstil“ neue Kunden gewonnen.
Dauerparken verhindert
Das erzählt auf Nachfrage auch eine Mitarbeiterin des Kronenladens. Der Nahversorger ist allerdings auf Parkplätze für Kunden in der Ortsmitte angewiesen. Seit dort die Parkdauer begrenzt wurde, würden Dauerparker nicht mehr alle Stellplätze blockieren. Dies sei noch im vergangenen Herbst, als die Umleitung erstmals einspurig durch Pfeffingen geleitet wurde, noch der Fall gewesen. „Sehr laut“ empfindet indes eine Verkäuferin des Pfeffinger Bäckers „Bäck am Eck“ den Durchgangsverkehr. Mehr Kunden kämen zumindest nachmittags deswegen nicht.
Autofahrer sind kreativ
Wer den Verkehr beobachtet, merkt schnell, dass gerade in Pfeffingen teils chaotische Zustände herrschen. Tempo 30 wird meist nur auf Höhe des mobilen Blitzerkastens in Richtung Zillhausen eingehalten. Wer aus der Onstmettinger Straße in die Ortsdurchfahrt einbiegen will, ist auf die Unterstützung der Ampel angewiesen.
Die Bushaltestelle in der Ortsmitte hingegen wird des Öfteren als Wendemöglichkeit missbraucht. Denn: Wer aus Richtung Tailfinger Langenwand kommt und in Richtung Margrethausen fahren will, nimmt ungern die offizielle Umleitung über Stiegel und „Zitterhof“. Flüssiger fließt der Verkehr da schon in Margrethausen und Lautlingen. Aber auch dort gibt der Schallmesser konstant 70 Dezibel an den Ortsdurchfahrten an. Die gute Nachricht für die Anlieger: Die Vollsperrung der B 463 soll laut Regierungspräsidium Tübingen am 6. Juni aufgehoben werden. Die Bauarbeiten liegen im Zeitplan.
Kundschaft bleibt aus
Obwohl sie sich trotz der aktuellen Umleitungssituation auch verständlich zeigen, merkt man Markus und Jochen Holweger den Frust an. Die beiden Inhaber des Café-Restaurants Catrina in Dürrwangen kämpfen besonders mit Lärm und ausbleibenden Kunden. Ihr Lokal liegt direkt an der Kreuzung Stockenhauser Straße und Ebinger Straße. „Es sind spannende Zeiten, um es diplomatisch auszudrücken“, sagt Jochen Holweger. Mehr Verkehr, mehr Kundschaft? „Von wegen“, sagt er. Die Menschen könnten aufgrund des Halteverbots nicht mehr parken. „So brechen mir mindestens 50 Prozent der Kunden etwa beim Frühstücksgeschäft weg“, sagt Holweger, der bereits die Backwaren reduzieren muss. Das Kalkulieren mit Ware und Personal sei eine enorme Herausforderung, meint Markus Holweger. „Das war sogar während der Corona-Pandemie einfacher, da wir damals besser planen konnten.“
Immerhin: „Ein paar Motorradfahrer sind seitdem vorbeigekommen, die wir als neue Kunden gewinnen konnten“, sagen die Brüder. Das mache aber die ausbleibende Kundschaft um Längen nicht wett.
Tempo 30 als Chance?
In Zillhausen sind die Anwohner ebenfalls verärgert. „Nachts hält sich doch niemand an Tempo 30. Wenn die Lkws vorbeirauschen wackelt das ganze Haus“, regt sich ein junger Mann auf. Schneckentempo statt Rasen heißt es für den Schwerlastverkehr an der engen Kurve in Stockenhausen. Treffen hier Lkws aus beiden Richtungen aufeinander kann es kurz dauern, bis man aneinander vorbei rangiert ist.
Während sich einige über die Tempobegrenzung ärgern, sieht ein Stockenhausener sogar eine Chance darin: „Endlich habe ich die Möglichkeit, ohne Probleme auf die Hauptstraße einzubiegen, das ist sehr entspannt für mich.“ Dennoch: Die Zahl derer, die sich über die Umleitung aufregen wiegt um einiges höher.