Wer an einem Mittwoch oder Donnerstag im Dezember in der Hauptstraße 400 in Weil am Rhein näher an die Fensterscheibe tritt, der sieht zwei Adventskerzen brennen.
Der Adventskranz steht auf einem üppig gedeckten Tisch, auf dem es an nichts fehlt.
Butter, Marmelade, frische Brötchen, Frischkäse und Obst, Kaffee und Tee stehen im Quartierstreff bereit für eine unterhaltsame Frühstücksrunde.
Gerichtet hat all das Hatice Demir, die in ihrem Hauptberuf bei der gemeinnützigen AfA GmbH arbeitet, die nicht weit entfernt vom Quartierstreff liegt. Dort leitet sie langzeitarbeitslose Frauen – darunter Geflüchtete – dabei an, in ihrer neuen Heimat Deutschland Wege in die Berufstätigkeit zu finden.
Mit ihrer Initiative, ebenfalls unter dem Dach der AfA, will sie dem Weiler Stadtteil etwas Gutes tun, von dem es oft heißt, es würde dort an Zusammenhalt fehlen.
Indes: Der Tisch bleibt an diesem Morgen leer. Bis auf einen einzigen Mann hat sich eine gute Stunde später niemand zum gemeinsamen Frühstück eingefunden.
Ob von dem Angebot niemand weiß? Hatice Demir weiß es nicht, als sie den Tisch wieder abdeckt und dabei ihre Enttäuschung nicht verbergen kann. „Ich bin selbst auch traurig, dass es nicht so gut läuft“, sagt sie.
Dabei ist es so: Im Kultur- und Verwaltungsausschuss der Stadt Weil am Rhein wurde Quartiersmanagerin Sonia Bekhoucha-Held vor kurzem von mehreren Räten darauf angesprochen, dass mehr Angebote insbesondere für Senioren im Stadtteil Friedlingen gewünscht würden.
Grund genug für unsere Zeitung, die Organisatorin und ihre Veranstaltung einmal öffentlich vorzustellen.
Hatice Demir, 59, ist in der Türkei geboren und 1970 mit vier Jahren mit ihrer Mutter nach Lörrach-Brombach gezogen, wo der Vater bereits seit fünf Jahren lebte.
Nach der Schule machte sie eine Ausbildung zur Schneiderin. Darüber hinaus absolvierte sie die dreijährige Hauswirtschaftsschule.
Bevor sie heiratete und drei Kinder bekam, war sie viele Jahre beim damaligen Versandhaus Schöpflin als Warenprüferin tätig, erzählt sie.
Über die Nachbarschaftshilfe der Diakonie, wo damals eine Mitarbeiterin gesucht wurde, fand sie den Einstieg in ihre heutige Tätigkeit.
Weihnachten ist für sie etwas Schönes: „Ich liebe das Weihnachtsfest, auch wenn ich eine Muslimin bin“, sagt sie aus ganzer Überzeugung. In diesem Sinne hat sie auch ihre Kinder erzogen, so gab es am ersten Weihnachtsfeiertag auch immer Geschenke bei Familie Demir.
Dabei sei es ihr auch darum gegangen, der Kultur, in der man lebe, ihren Respekt zu erweisen, und offen zu sein für andere Traditionen und Bräuche, sagt sie.
Überhaupt sieht sich die 59-Jährige als Wanderin zwischen den Welten. Die Heimat ihrer Eltern, wo auch sie geboren ist, entdeckt sie bei regelmäßigen Reisen neu, die sie in alle Teile der Türkei führen, verbunden mit Besuchen bei der großen Verwandtschaft: Schwester und Bruder, Onkels und Tanten.
Ihre Kinder sind längst aus dem Haus, arbeiten und haben eigene Familien gegründet. Sie sprechen auch türkisch. Denn ihren Kindern ihre eigene Kultur mitzugeben, war Demir auch sehr wichtig: „Man sollte seine eigene Herkunft kennen, bevor man sich eine zweite aufbaut“, sagt sie dazu.
Eine große Freude sind für Hatice Demir ihre beiden Enkel. Neben einem dreijährigen, leiblichen Enkelkind ist das für sie ihre zehnjährige Pflegetochter, ihr erstes Enkelkind, wie sie sagt.
Einen Tannenbaum hat sie schon gekauft, und wenn die Enkel sie besuchen, gibt es Kakao und Plätzchen.
Das gemeinsame Frühstück im Quartierstreff gibt es seit September. Ein Ort, an dem Menschen aus Friedlingen Kontakt miteinander aufnehmen, und – so die Idee dahinter –sich bei Bedarf vielleicht auch einmal gegenseitig unterstützen können.
Ein großer, schöner Raum mit Küche steht zur Verfügung. Nach dem Frühstück, zu dem gern auch jeder eine Kleinigkeit von zuhause mitbringen kann, ist Zeit für gemeinschaftliche Aktivitäten. Demir stellt Material zum Stricken, Malen oder Basteln bereit und sie hilft auch gern aus, wenn jemand etwas an einer der beiden Nähmaschinen reparieren will. Auch Gesellschaftsspiele gibt es dort.
Heiligabend im Quartierstreff
Für Heiligabend lädt Hatice Demir zu einem selbst gekochten, internationalen Festessen im Quartierstreff ein. Dabei wird sie von ihrem Freundeskreis unterstützt, so dass für das Essen keine Kosten anfallen. Jeder kann kommen, der Weihnachten gern in Gemeinschaft feiern will. Die Türen des Quartierstreffs öffnen sich dazu am Heiligabend, 24. Dezember, um 17 Uhr. 15 Personen haben sich bereits angemeldet, gern können noch weitere dazu kommen. Um Anmeldung bis Mittwoch, 17. Dezember, bittet Hatice Demir unter Tel. 0176/62243804, um entsprechend planen zu können.