Markus Weiler, Professor für Hydrologie an der Universität Freiburg, hat mit seinem Forschungsteam einen Sturzflutindex entwickelt. Dieser könnte bei drohenden Unwettern für Anwohner und Rettungskräfte ein wichtiges Warninstrument werden.
Was passiert, wenn viel Regen an einer Stelle auf die Erde fällt und sich dadurch eine Sturzflut bildet? Dieser Frage hat sich Markus Weiler, Professor für Hydrologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, mit seinem Forschungsteam gewidmet. Im Gegensatz zu Hochwasserereignissen, bei denen die Gefahr durch steigende Pegel analysiert werden könne und besonders gefährdete Gebiete auf Hochwasserkarten erfasst werden, ist die Vorhersage von Sturzfluten schwieriger.
„Es sind viele Faktoren, die ein Sturzflutereignis beeinflussen“, erklärt Weiler. So komme es unter anderem darauf an, ob Flächen versiegelt sind oder der Boden schon feucht oder gesättigt ist. Auch das Gefälle ist entscheidend. Sturzfluten sind zudem sehr lokale Ereignisse. „Sie können auch dort auftreten, wo kein Fluss oder Bach in der Nähe ist“, erklärt der Hydrologe. Auch gehe es oft sehr schnell und treffe viele unerwartet. „Gerade zu Fuß oder im Auto kann es dann gefährlich werden. Zum Beispiel wenn eine Unterführung, aber auch im Haus ein Keller, innerhalb kurzer Zeit überflutet wird“, erklärt Weiler.
Modell hat gute Ergebnisse geliefert
Neben der Niederschlagsmenge und der Wettervorhersage wird beim Sturzflutindex auch diese spezifische Geografie mit einbezogen. Auch trockene Böden können zu einer Gefahr werden: „Auch wenn die Böden sehr trocken sind, kann das Wasser teilweise schlechter eindringen. Dadurch wird eine sehr hohe Menge Oberflächenabfluss gebildet“, erklärt Weiler. Deshalb betrachte der Index auch die Folgen eines Sturzflutereignisses: Wo fließt das Wasser hin und wie viel Wasser kann dort aufgenommen werden?
Ereignisse von Bonndorf nachgerechnet
„Wir haben verschiedene frühere Ereignisse angeschaut und mit unserem Modell nachgerechnet“, erklärt der Professor. So beispielsweise die Sturzflut, die etwa vor acht Jahren im südbadischen Bonndorf herunterkam oder die Wieslauf östlich von Stuttgart, wo es erst vor wenigen Wochen starke Überschwemmungen gab. „Wir haben mit unserem Modell gute Ergebnisse erzielt“, sagt der Professor. „Wir konnten mit unserem Modell die Gefahr verlässlich vorhersagen“, sagt er. Da man im Gegensatz zum Hochwasser, wo man anhand von Pegelständen Erkenntnisse gewinnen könne, Starkregen nicht messen könne, seien solche Nachbetrachtungen für das Forschungsteam wichtig.
Der Index könnte in Zukunft ein wichtiges Instrument sein, um rechtzeitig vor solchen Ereignissen zu warnen. „Eine Vorhersage ist etwa drei bis bis maximal sechs Stunden vorher möglich“, erklärt der Forscher. Das sei noch genug Zeit, um Anwohner und Feuerwehren über eine bestehende Infrastruktur zu warnen. Denn solche Ereignisse werden weiter zunehmen, blickt Weiler voraus.
Daten könnten auf Deutschland ausgeweitet werden
Aktuell haben er und sein Team die Daten nur für Baden-Württemberg erfasst. Das System ließe sich aber problemlos auch auf Deutschland ausweiten. Auch könnten die Erkenntnisse dafür genutzt werden, um ein besseres Risikomanagement umzusetzen. „Wo sind Gebiete, die besonders gefährdet sind? Wo passiert wahrscheinlich sehr viel?“, nennt Weiler zwei zentrale Fragen. Für ein Risikomanagement sind diese beiden Fragen ein wichtiger Hinweis. So könne man gezielt entscheiden, wo Maßnahmen ergriffen werden sollten.
Bis der Index in der Praxis eingesetzt werden könne, dauert es noch ein bis zwei Jahre. „Wir sind gerade noch an der Feinjustierung“, erklärt der Hydrologe. Die Umsetzung obliege dann den Behörden.