Die einen meinten, für Artenschutz sei nicht genug getan, die anderen fürchteten um den Brandschutz. Beides sorgte für mehr Kosten. Und für Verzögerung, die zusätzlich alles teurer macht. Nun stehen 24 statt 18,4 Millionen Euro für den „Tunnel-im-Tunnel“ im Raum. Im Grunde bleibt jedoch kaum eine Wahl.
„Dass es immer schwieriger wird, hätte ich nicht gedacht.“ Mit diesen Worten zur Trennwandkonstruktion für die Tunnel der Hesse-Bahn leitete Calws Landrat Helmut Riegger ein neues Kapitel zu diesem Thema ein.
Denn die landläufig „Tunnel-im-Tunnel“ genannte Lösung wird voraussichtlich nochmals teurer. Statt 18,4 Millionen Euro stehen nun knapp 24 Millionen Euro an Kosten im Raum. Die Konstruktion soll die in den Bestandstunneln lebenden Fledermäuse schützen.
Das Problem
Dass es ohne einen Schutz der Fledermäuse nicht funktionieren würde, war spätestens im Jahr 2016 klar geworden. Damals hatte der Naturschutzbund Nabu Klage eingereicht; sogar Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) hatte die Vermittlung übernommen.
2019 einigten sich die Beteiligten auf Trennwände in den Tunneln. Der Nabu zog seine Klage zurück, das Problem schien gelöst. Dann kam es anders als geplant. Und zwar mehrfach.
Die Trennwände
Denn eigentlich sollte die Konstruktion bereits zwischen Anfang Mai und Mitte September 2023 errichtet werden.
Zu jener Zeit hatte allerdings nur ein Angebot auf dem Tisch gelegen – für knapp 25 Millionen Euro. Zu viel, entschied der Zweckverband Hermann-Hesse-Bahn – und suchte nach neuen Anbietern.
Abgesehen davon: Zu jener Zeit lag ohnehin noch keine Genehmigung für den Bau vor. Genehmigt ist das Ganze allerdings auch heute noch nicht – doch dazu gleich mehr.
Denn Ende des Jahres 2023 war zumindest ein neuer Anbieter gefunden, der das Vorhaben günstiger – für 18,4 Millionen Euro – zwischen Mai und September 2024 erledigen sollte.
Der konnte aber auch nicht bauen – weil das Planfeststellungsverfahren nicht abgeschlossen war. Und es bis heute nicht ist. Und damit keine Genehmigung für einen Bau vorliegt.
Die Einwände
Grund dafür sind Einwände, die einerseits die Höhere Naturschutzbehörde, anderseits die Landeseisenbahnaufsicht (LEA) erhoben hatten.
Erstere forderte deutlich mehr Ausgleichsmaßnahmen für den Naturschutz, zweitere sorgte sich um den Brandschutz. Der Zweckverband argumentierte dagegen, konnte sich aber nicht durchsetzen.
Ausgleichsmaßnahmen, etwa für Fledermäuse, wurden und werden seit einiger Zeit im näheren und weiteren Umfeld des Landkreises im großen Stil geschaffen.
Und statt der ursprünglichen vorgesehenen Stahlkonstruktion in den Tunneln ist aus Brandschutzgründen nun eine Konstruktion aus Stahlbeton vorgesehen.
Das wirkte sich nicht nur auf den Zeitplan, sondern auch direkt auf die Kosten aus. Und nicht zuletzt sorgen natürlich auch Verzögerungen selbst durch stete Baupreissteigerungen dafür, das alles teurer wird.
Das Ende vom Lied sind knapp sechs Millionen Euro mehr, die im Raum stehen.
Die Möglichkeiten
Drei Optionen standen für den Zweckverband Hesse-Bahn in seiner jüngsten Sitzung nun zur Wahl: Das höhere Angebot des Anbieters anzunehmen (mit dem Zusatz, nochmals über die Summe zu verhandeln), den bestehenden Vertrag mit dem Anbieter zu kündigen und das Projekt neu auszuschreiben (dann aber erst für das Jahr 2026) oder, statt die Trennwände einbauen zu lassen, mit Tempo 30 durch die beiden Bestandstunnel in Calw und Althengstett zu fahren.
Die Entscheidung
Der Zweckverband entschied sich am Ende dafür, mit dem Anbieter weiterzuarbeiten – beziehungsweise zunächst weiter zu verhandeln. Denn im Grunde blieb kaum eine Wahl.
Die Suche nach einem neuen Anbieter schien wenig erfolgversprechend. Einerseits, weil fraglich ist, ob ein neues Angebot wirklich günstiger wäre; immerhin handelt es sich bei der Trennwandkonstruktion um ein „Erstlingswerk“, mit dem noch kein Unternehmen Erfahrungen hat.
Andererseits, weil der Bau und damit die Fertigstellung der Bahn sich damit definitiv auf 2026 verschieben würde.
Sollte sich bei den Verhandlungen allerdings kein zufriedenstellendes Ergebnis erzielen lassen – sprich: kein günstigeres –, sprach sich unter anderem Calws Oberbürgermeister Florian Kling dafür aus, sich nicht vom Anbieter „am Nasenring durch die Manege“ führen zu lassen. Sondern im Zweifel eben doch neu auszuschreiben. „Wir sollten das machen, aber nicht um jeden Preis“, so Kling.
Tempo 30
Auf die Trennwände zu verzichten, kam indes nicht wirklich infrage. „Ohne diese Einhausung können wir nicht fahren, auch nicht 30“, stellte Riegger klar.
Infrastrukturdezernent Andreas Knörle führte in Kürze nochmals aus, woran das liegt: Würde die Hesse-Bahn nur mit Tempo 30 durch die Tunnel rollen, wäre ein 30-Minuten-Takt nicht mehr möglich. Der Schülerverkehr, der künftig über die Bahn laufen soll, müsste dann doch weiter auf den Bus setzen. Der Bus wäre dann auch schneller als die Bahn.
Und es würde sich letztlich das Kosten/Nutzen-Verhältnis verschieben. Wenn das geschieht, wäre die Katastrophe perfekt – denn dann gäbe es keine Fördergelder mehr. Die Baukosten von knapp 170 Millionen Euro müssten komplett aus dem Kreis Calw heraus bezahlt werden. Aktuell rechnen die Verantwortlichen aber mit einer 90-Prozent-Förderung.