Das Kinderdorf Calw startet mit einer großen Auftaktveranstaltung ins Jubiläumsjahr.
Ein Festgottesdienst mit Annette Noller, Oberkirchenrätin und Vorsitzende des Diakonischen Werks Württemberg, in der Martinskirche und ein Festakt in der Sporthalle läuteten das Jubiläumsjahr ein. „Was würde Christian Gottlob Barth, der Gründer der damaligen Kinderrettungsanstalt, wohl sagen, wenn er heute über das Gelände des Kinderdorfes Calw spazieren würde? Wahrscheinlich würde er staunen, dass aus der ehemals Vier-Zimmerwohnung in der Herrenberger Straße heute ein richtiges Dorf im Dorf gewachsen ist“. Mit diesen Worten aus ihrem Vorwort in der neu erschienenen Jubiläumsschrift begrüßte Claudia Bollinger, Vorstandsvorsitzende des Kinderdorfs Calw, am Nachmittag die Gäste.
Die Anfänge
Pfarrer Christian Gottlob Barth gründete 1825 einen Verein zur Rettung verwahrloster Kinder. Über Spenden finanziert, bezog daraufhin das Lehrerehepaar Aichelin am 28. Dezember 1826 mit zehn Heimkindern eine Vier-Zimmerwohnung. Die Kinderrettungsanstalt, der Ursprung des späteren Kinderdorfs Calw, nahm damit Fahrt auf.
Das Kinderdorf Calw heute ist eine diakonische Einrichtung und setzt sich aus dem Sprachheilzentrum und der Jugendhilfe zusammen. Der Trägerverein hat sich zur Aufgabe gemacht, diakonisches Handeln im Bereich der Jugend- und Behindertenhilfe zu verwirklichen. Als Dienstgemeinschaft übernimmt er damit die Verantwortung für die ihm anvertrauen jungen Menschen, welche dort in ganz unterschiedlichen Phasen ihres Lebens betreut werden.
Ein neues Zuhause
Das Kinderdorf Calw ist ein Ort, wie es Tobias Haußmann, Sozialdezernent im Landkreis formulierte, an dem diese ungestört lernen, ihre sprachlichen Probleme bewältigen, aber auch in besonderen Lebenssituationen ein neues Zuhause finden können.
Die Jugendhilfe existiert seit 2016. Damit entsprach der Trägerverein einer drängenden Anfrage des Landkreises Calw, unbegleitete minderjährige Ausländer zu betreuen. Für diese Eingliederungsunterstützung spricht Haußmann im Namen von Landrat Helmut Riegger der Institution Respekt und Anerkennung aus.
Der Calwer Oberbürgermeister Florian Kling zitierte das afrikanische Sprichwort “Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen“. Es brauche eben viele Menschen, so wie auch das Kinderdorf Calw, um Kindern ein sicheres und gesundes Umfeld zu bieten, in dem sie Geborgenheit finden, die sie für ihre Entwicklung benötigen und um ihre Hoffnungen zu verwirklichen.
Qualität prägen und fördern
„Erwachsene müssen noch mehr verstehen lernen, was Kinder wünschen“, betonte Sandro Scheurenbrand, Referent im Kultusministerium Baden-Württemberg. Daher sei es so wichtig, dass Sonderpädagogen durch ihr professionelles Handeln die Qualität sonderpädagogischer Beratungs-, Unterstützungs- und Bildungsangebote an Einrichtungen wie dieser maßgeblich prägen und fördern.
In zwei Podiumsgesprächen wurde anschließend echte Teilhabe für die Generation Zukunft praktiziert. In Talkrunden wurde diskutiert, wie überhaupt die junge Generation tickt und was sie erwartet. Es ging auch darum zu verstehen, was die junge Generation antreibt und herauszufinden, wie Digitalisierung die Arbeitswelt verändert.
Weg der Geschichte eingeweiht
Zum Jubiläumsfestakt wurde auch ein “Weg der Geschichte“ eingeweiht. 2025 hat man damit begonnen, wie Dekan Erich Hartmann schildert, sich intensiv mit der Geschichte der gesamten Einrichtung zu beschäftigen, auch mit ihren Schattenseiten. Mit einem bereits existierenden Schutzkonzept war das Kinderdorf 2017 Vorreiter. Aktuell wird dies grundlegend überarbeitet.
Dabei geht es der Einrichtung nicht nur um den Schutz vor Gewalt durch Erwachsene, sondern auch um einen respektvollen Umgang der Kinder und Jugendlichen untereinander, sagte Claudia Bollinger, Vorstand des Kinderdorfs. Gewalt beginne nicht erst mit körperlichen Übergriffen – sie beginne bei Sprache, Ausgrenzung und Machtmissbrauch. Die Würde des Menschen sei unantastbar. Kinder und Jugendliche seien Träger eigener Rechte. Sie sollen sich im Kinderdorf sicher fühlen, ernst genommen werden und wissen, an wen sie sich wenden können.