110 Jahre alt wird die Fechtabteilung der Turngemeinde Schwenningen in diesem Jahr. 1914 begann der regelmäßige Trainingsbetrieb, der bis heute aufrecht erhalten ist. Eine traditionsreiche Sportart für Schwenningen also. Unser Volontär hat bei der TSG Schwenningen ein Probetraining absolviert – und festgestellt, dass schon die Grundtechniken einfach zu lernen, aber schwer zu meistern sind.
Ein Sport für jede Altersklasse – das ist Fechten.
1914 startete der regelmäßige Trainingsbetrieb der Fechtabteilung der Schwenninger Turngemeinde. Durch das Wirren der Weltkriege habe das Training laut dem Verein immer wieder einen Dämpfer bekommen – doch das hielt die Fechter nicht davon ab, ihren Sport bis heute weiterzutreiben, so dass in diesem Jahr das 110-jährige Jubiläum gefeiert werden konnte.
Mit 16 Kämpfern ist man damals gestartet – bei meinem Besuch heute war die jüngste Kämpferin des Jugendtrainings erst rund acht Jahre alt. Und die Alter der Fechter sind bunt durchmischt – „Unser älterster Fechter ist 87 Jahre alt“, erzählt Klaus Löschel, Abteilungsleiter Fechten, Trainer, zuständig für die Turnierberichte und generell „Mädchen für alles“ in der Fechtabteilung.
Vereinschronik erzählt lange Geschichte
Bereits im Jahre 1862 hätte, laut Vereinschronik, das Gewehr- und Bajonettfechten als Teil des Turnbetriebs stattgefunden.
Erst 1914 wäre das Fechten aber regelmäßig eigenständig geübt worden, weshalb das auch als Gründungsjahr der Fechtabteilung gilt. Während des zweiten Weltkriegs sei in den Vereinsnachrichten kaum noch über die sportlichen Ereignisse, sondern in Feldpostbriefen hauptsächlich über die Kriegserlebnisse der einzelnen Mitglieder berichtet worden. In den Wirren der letzten Kriegsjahre sei der Fechtbetrieb zum Erliegen gekommen und nach dem Krieg war das Fechten verboten. Erst im April 1949 habe Ewald Schittenhelm die Fechtabteilung wieder ins Leben rufen können.
Die richtige Technik
Zuerst geht es ans aufwärmen, um Verletzungen vorzubeugen. Ein paar Runden laufen und danach dehnen. Die Arme und Beine müssen vorgewärmt sein, beim Fechten komme der ganze Körper zum Einsatz, erklärt Löschel.
Nachdem ich warm bin, bringt Klaus Löschel mir die Grundlagen bei. Den rechten Fuß mit der Spitze nach vorne, den linken orthogonal dazu dahinter mit einem Abstand von eineinhalb Fußlängen. Dann in die Knie gehen und das Gewicht gleichmäßig auf beide Füße verteilen. Das sei wichtig, dass schnell nach hinten ausgewichen und nach vorne angegriffen werden kann. „Als ich mit Fechten angefangen, habe ich mir zu Hause zwei Waagen unter die Füße gestellt, um die Gewichtsverteilung in der Grundstellung zu üben“, erinnert sich Löschel zurück.
Der Arm nach unten, am Ellenbogen einen rechten Winkel nach vorne und mit einem Abstand von einer Handbreite vom Körper entfernt – so hält man den Degen in der „Sixt“, einer der vielen verschiedenen Grundstellungen des Arms. Der Degen wird zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger gehalten. „So hast du die beste Kontrolle über die Spitze, den wichtigsten Teil der Klinge“, erklärt mit Löschel. „Nur mit der Spitze kannst du Treffer erzielen.“
Grundstellung erfordert Übung
Nachdem ich die Grundstellung einigermaßen kann, geht es an die Beinarbeit. Wir üben vorwärts und rückwärts zu laufen. Was sich in der Theorie einfach anhört, ist es in der Praxis erstmal nicht. Es gilt mit gebeugten Knien und der richtigen Haltungs des Arms einzelne Schritte zu machen und dabei den Kopf still auf einer Ebene zu halten. Das erfordert Übung.
Als nächstes üben wir den Angriff. Dazu strecke ich den Schwertarm mit Degen zu einer Linie aus. Mit einem Ausfallschritt nach vorne steche ich dann zu. An einer Fechtmatte an der Wand gilt es eine circa fünf Zentimeter große Fläche zu treffen. Alles in allem gar nicht so einfach. Ich muss an so viel denken, um die Angriffe technisch korrekt auszuführen. Aber mit jedem Stoß muss ich weniger nachdenken und die Bewegungen fühlen sich immer natürlicher und flüssiger an.
Die Gefechtsregeln
Durch die Degen läuft beim Gefecht Strom. Doch soll man nicht besorgt sein – die Fechter werden bei Treffern nicht geschockt. Der Strom ist dazu da, Treffer anzuzeigen. Die Spitze des Degens muss mit mindestens 750 Gramm eingedrückt werden, um den Stromkreis, der durch Degen und Jacke zur Treffertafel fließt, zu schließen. Sofort piepst diese, zählt die Treffer mit und stoppt nach jedem Treffer die Zeit. Ein Gefecht geht drei Minuten, bei Finals über mehrere Runden. 15 Treffer sind nötig, um zu gewinnen.
In Deutschland brauchen Fechter außerdem einen Fechtpass, um an Turnieren teilzunehmen. Dafür muss eine theoretische und eine praktische Prüfung absolviert werden.
Die Ausrüstung
Damit es nicht, wie früher, zu Verletzungen kommt, tragen Fechter heutzutage Schutzausrüstung am ganzen Körper. Sie besteht aus einem Helm, Jacke, Hose und Unterweste aus stichfestem Kevlar und Fechtschuhen. Letztere sind nötig, da bei normalen Turnschuhen die Sohlen schnell kaputtgehen, wenn die Füße bei Ausfallschritten und Ausweichen über den Boden geschliffen werden. „Die Schutzausrüstung besteht aus dem selben Material, wie die schusssicheren Westen der Polizei. Nur verwenden die sieben Schichten, uns reicht eine.“
„In der Vergangenheit kam es sogar bei Weltmeisterschaften zu tödlichen Unfällen aufgrund von schlechtem Material und Schutzkleidung“, erinnert sich Löschel. Mittlerweile stehe die Sicherheit an vorderster Stelle. „Wir sind doppelt geschützt. Die Klingen sind aus bruchfestem Stahl und wir tragen am ganzen Körper Schutzkleidung. Die Maske schützt das Gesicht mit einem Metallgitter.“ Und schon in der Jugend bläue er den Trainierenden ein: „Der Degen wird außerhalb der Gefechte immer mit der Spitze nach unten getragen.“ Aufgrund von Schutzausrüstung und Prävention seien die schlimmsten Verletzungen, die mittlerweile passieren, höchstens Zerrungen oder Überdehnungen.
Fechten gibt Kraft
Klaus Löschel selber fechte seit 1975 und es habe ihm durch schwere Zeiten geholfen. Nach schwerer Krankheit und Verletzung, nicht durchs Fechten zugezogen, habe er fünf Monate im Krankenhaus gelegen, zur Entlassung nur mit Rollator gehen können. Der erste Weg habe ihn in die Fechthalle geführt. „Ohne das Fechten hätte ich nicht überlebt. Fechten ist ein Kampfsport und das Wichtigste ist der Wille. Dieser Wille hat mich am Leben gelassen“, sagt er emotional.
Diesen Kampfgeist und unbändigen Willen möchte er auch an die Jugend vermitteln. „Ich habe schon Turniere gewonnen, ich denen ich bei weitem nicht der Beste war. Aber ich wollte unbedingt gewinnen, für meine Frau. Und das hat auch geklappt.“