Die Lörracher Fasnacht feiert: Die Redner rund um Oberzunftmeister Andreas Glattacker glänzten beim traditionellen Schnägge-Essen.
Die närrische Zeit in Lörrach verspricht ja schon lange eine besondere zu werden. Denn die Straßenfasnacht stand bis vor kurzem auf der Kippe. Stadt und Gilde stritten um Finanzen. Nun konnte man sich dann noch einigen. Konsequenz des langen Hin und Hers: Es gibt diesmal erstmals keinen Protektor.
Dies verkündete Andreas Glattacker im dicht besetzten Hebelsaal dem indes nur kurz erstaunten Publikum. Konnte doch der Oberbürgermeister schnell mit tierischem Protektor-Ersatz aufwarten: Güggel, Frösch und Schnägge müssen also dieses Jahr ran, schlug er vor. „Die wachen ja schon immer über Lörrachs Fasnacht“, so das Stadtoberhaupt.
Erstmals kein Protektor
Erleichterung und Vorfreude wehte demnach auch ohne Protektor durch den Saal, in dem sich auch Vertreter der Gilde eingefunden hatten.
Natürlich ging nun so mancher augenzwinkernde Seitenhieb der Redner auf das Thema der beinahe gescheiterten Fasnachts-Höhepunkte wie Umzug und Guggeexplosion ein. So schlug Altzunftmeister Heinz Sterzel in seinem brillanten Redebeitrag der Gilde effektive Sparmaßnahmen vor: Wie wär’s mit einer kleinen, dafür aber feinen Guggeexplosion? Sprachs – und ließ eine kleine Hieber-Gugge platzen.
Auch sonst sorgte der Wortkünstler für wahre Lachsalven. Seine tour d’horizon ging vom Klimawandel („Wer will bei der Hitze noch ins Sunnedörfle ziehen?“), über die Burghof-Sparmaßnahmen („Im März kommt ,Ali Baba und die 20 Räuber zur Aufführung’“) bis zu den Kandertalbahn-Plänen (Sein Namensvorschlag: Das schnelle Stöckerli). Auch die Weltpolitik blieb nicht außen vor: Sterzel schaffte es, die Zölle des „orangenen Ochsenfroschs“ mit dem Zölibat zu verknüpfen. Und warum zieht sich Sahra Wagenknecht zurück: „zu wenig Put Out, zu viel Put-in“.
In Stimmung gebracht
Den Saal in Stimmung gebracht hatte zuvor der „Chef“. Andreas Glattacker umgarnte zunächst die holde Weiblichkeit, um hernach die „Edli Herre der Schöpfung“ zu preisen – Freude also für beide Geschlechter. Dank und Lob gab es auch für den Gastgeber, Museumsleiter Jan Merk. Habe sich das Dreiländermuseum mit seiner viel besuchten Peter Gaymann-Ausstellung doch auch als Ort des Humors in Stellung gebracht. Schlag auf Schlag ging es nun mit den Reden. Zunftgeselle Stephan Ziegler nahm den Generationenkonflikt aufs Korn.
Ja, „ihr Boomer“, wandte er sich ans Publikum, schließlich gehörten die meisten im Saal doch schon der Generation „Veteranen“ an. Doch auch er neigt offenbar schon dazu, in der Vergangenheit zu schwelgen, erinnerte sich an bunte Süßigkeiten-Tüten für 50 Pfennig, an Telefone mit Wahlscheibe und den üblen Gestank in den gelben Telefonhäuschen. Aber: „Schön ischs gsi“. Tja, und jetzt hat die junge Generation ihr erstes Burnout quasi mit dem Eintritt ins Arbeitsleben.
Norman Meier hingegen hat es die KI angetan. Die könne ja wirklich viel lösen. Angesichts der Probleme der deutschen Bahn hingegen bräuchte es wohl eher göttliche Intelligenz. Die Ampel bekam ebenso ihr Fett weg wie die AfD, die wieder zurück ins Jahr 1950 möchte oder die EU, die im Bürokratiesumpf ersticke. Und die Lörracher Politik? „Wenn de G’meirot über ä Stroßeschild diskutiert, duuret das länger als ä Windows-Update.“ Statt KI forderte er: Narrenintelligenz.
Narrenintelligenz gefordert
Philipp Buser widmete seine Rede dem Thema, das wohl alle Lörracher Fasnachtsliebhaber in Schnappatmung brachte: Das Beinahe-Aus der Straßenfasnacht. Sein Credo: Fasnacht muss sein – sie sei „eine Auszeit vom Ernst des Lebens“. Dafür gab es viel Applaus. Durchaus kritisch gab er die hitzigen Diskussionen der Vergangenheit wider. Da seien Zahlen „umme gfloge wie Konfetti uff de Stroos“. Seine Forderung: mehr Herz als Hochglanz! Fasnacht brauche keine Millionen, sondern eine Millionen Freunde, hieß es in seinem tiefsinnigen Beitrag. Identität, Tradition – und Spaß, das mache die fünfte Jahreszeit aus. Humorvoll verpackt: „Wenn’s kei Fasnacht git, müss ma im Alltag lache. Und des isch wie Konfetti im Büro – schön, abr irritierend.“
Anne de Senne in Tracht
Erfrischend war der Redebeitrag der einzigen Dame: Anne de Senne, Tumringerin mit Wurzeln in Frankreich, streifte in herzigem Alemannisch die verschiedenen Losungen der Lörracher Fasnacht mit dem immer passenden Fazit: „Do kasch nütt mache“ – was auch für die Aktionen des „Präsidenten-Güggel“ aus Washington gelte. Für diese Leistung gab es ein goldenes Schnäggli.
Bernhard Winterhalter, Ex-Burgi aus Kandern, schließlich sorgte mit seinem Blick aufs Alter für brüllende Lacher. Kabarettreif, wie er seine körperlichen Baustellen schilderte (knackiges Alter? Klar, jedes Körperteil knackt), Arztbesuche widergab (sein Blutbild ist ein Wunder: nur Markgräfler Spätburgunder drin) oder erläuterte, wie der Waschbrettbauch zur Wäschetrommel wird.
Mit Spannung erwartet wird beim Schnägge-Essen stets die Losung. „Kei Zit zum Joomere“ – der Gedanke riss Hubert Bernnat zu geradezu philosophischen Betrachtungen hin. Was, wir sollen nicht mehr jammern? Dabei haben wir Deutschen darin doch den Spitzenplatz. Unser „letztes Erfolgsmodell“ geben wir nicht auf. „Kann eine Nörgelpartei Deutschlands, also eine NPD, dann noch eine Alternative für Deutschland sein?“, fragte er hintersinnig.
Lamento ergo sum
Schon im Mittelalter war das Leben doch ein Jammertal. „Es gilt der philosophische Kernsatz ,Lamento ergo sum’, ich jammere also bin ich, der zumindest scheinbar die Existenz des deutschen Menschen begründet.“ Folglich sei die Losung der Fasnacht geradezu ungesund. Denn ein bisschen Jammern tue einfach gut. Jammern ist laut Bernnat also erlaubt: Wenn man sonst sein Hirn zum kritischen Denken benutzt. Der Fasnachtsauftakt jedenfalls war wahrlich nicht zum Jammern.