Zu ihrem 50. Geburtstag hat sich Tanja Höschele einen Weltrekord geschenkt. Foto: Harry Rubner

Auf Rekordjagd ist sie kaum zu bremsen: Extremläuferin Tanja Höschele hat im Oktober einen weiteren Weltrekord aufgestellt: 28 Stunden und 30 Minuten nonstop auf einer Treppe.

Was Tanja Höschele sich vornimmt, das kriegt sie meistens hin. Und zu ihrem 50. Geburtstag wollte sie sich einen neuen Weltrekord schenken. Was auch sonst? Denn Ausdauer, das hat die Sportlerin aus Straubenhardt bei Pforzheim. Wenn andere nach 42,195 Kilometern die Ziellinie überschreiten, dann legt sie erst richtig los – und dabei Distanzen zurück, für die manche in ein Flugzeug steigen. Die Liste der Mammutläufe, an denen sie teilgenommen hat, ist lang. Ihre Spezialität allerdings sind die Treppen.

 

28 Stunden auf der Treppe

Auf der Treppe, da kann Tanja Höschele selbst mit Profiläufern mithalten, zudem fühlt sie sich wohl in der eher kleinen, familiären Community der Treppenläufer. Statt auf Konkurrenzdenken trifft sie auf ein großes Gemeinschaftsgefühl. Das hatte die Straubenhardterin im Sommer berichtet, beim Treffen für ihr Porträt, das in Waldrausch-Ausgabe vier erschienen ist. Bereits damals wusste sie: Zu ihrem runden Geburtstag im Oktober soll’s einen neuen Weltrekord geben. Wieder draußen, wieder nonstop und im Team mit zwei Kollegen. Zu knacken gab’s die Bestleistung eines Duos aus Hessen, das 28 Stunden lang hoch- und runtergelaufen war.

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Zu ihrem ersten Weltrekord auf der Treppe war Tanja Höschele ausgerechnet dank Joey Kelly gekommen, dem Extremsportler und früheren Mitglied der "Kelly Family". Dem war sie bei einem 160-Kilometer-Lauf in Berlin begegnet. Allerdings nicht im Ziel: Das erreichte die zweifache Mutter nämlich rund zwei Stunden vor dem Musiker. Da war ihre Neugier geweckt, und sie schaute sich Kellys sportliche Erfolge ein weniger genauer an. Einer davon war ein 24-Stunden-Rolltreppen-Weltrekord.

2017 wagte Tanja Höschele so ihren ersten Versuch, eine internationale Bestleistung aufzustellen. Sie nutzte dafür einen Stairmaster, ein Fitnessgerät mit Stufen wie bei einer Rolltreppe. 24 Stunden lang biss sie sich durch und bewältigte 82.218 Stufen. Das war Rekord – und wurde beim Rekord-Institut für Deutschland (RID) als solcher registriert.

Hölle auf der Himmelsleiter

Eine echte Treppe, auf der die Straubenhardterin immer wieder trainiert, ist die "Himmelsleiter", ein ungewöhnlich langes und steiles Exemplar in einem Nachbarort. Gleichzeitig ist die "Himmelsleiter" der Ort, an dem Tanja Höschele ihre Rekorde im Outdoor-Treppenlauf in Angriff nimmt – Anfang Oktober mit den beiden befreundeten Läufern Frank Götze aus Münstertal bei Freiburg und Torsten Köhler aus dem sächsischen Radebeul. Der Startschuss fällt am Samstagmorgen um 9 Uhr, ihr Ziel erreichen wollten die drei am Sonntag um 13.30 Uhr.

Freunde und Familie haben am Ende der Treppe ein Zelt aufgebaut, um die Läufer rund um die Uhr zu begleiten. Diese Unterstützung kann das Trio gut gebrauchen angesichts der Herausforderung: Pro Runde geht es 158 Stufen und 27 Höhenmeter runter und wieder rauf, nach jeder Stunde sind lediglich fünf Minuten Pause erlaubt. "Wir haben schwer gekämpft", berichtet Tanja Höschele. "Die Waden, die Oberschenkel, die Fußsohlen … das hat mit der Zeit schon alles etwas geschmerzt." Für die Zuschauer entlang der Treppe und Freunde, die auch immer wieder eine Runde mitlaufen, sieht das nicht unbedingt so aus, denn die Stimmung auf der "Himmelsleiter" ist gut.

Müde – dunkel – das Tief

Da kommt die Stärke der Treppenläufer zum Tragen: das Gemeinschaftsgefühl und das gegenseitige Motivieren, besonders in der Nacht, der größten Herausforderung für die Weltrekord-Aspiranten. Gefühlt ewig ist es dunkel, fühlt die Straubenhardterin, und alle drei kämpfen extrem mit der Müdigkeit. "Zum Glück immer irgendwie abwechselnd, dass wir uns gegenseitig wieder rausholen konnten und vor allem gegenseitig auf uns aufpassen konnten. Denn es war teilweise wirklich grenzwertig mit den müden Augen, sodass wir aufpassen mussten, nicht zu stürzen." Das schlimmste Tief haben sie gegen drei oder vier Uhr, als die Müdigkeit am schlimmsten ist. Es tut ihr zwar gut, in den Pausen einmal zwei Minuten lang die Augen zu schließen. Gleichzeitig beginnt dann aber das Frieren. Was hilft? "Ein paar aufmunternde Worte, etwas Leckeres zu essen, ein warmer Tee" – die Unterstützung der Crew also. Für Tanja Höschele die beste Crew der Welt.

Gänsehaut pur um Mitternacht

Die gibt schon um Mitternacht alles und beschert der dann 50-Jährigen den "schönsten Geburtstag ever". Punkt zwölf kommen sie oben an, "und dann standen alle da mit Kerzen und haben mir ein Happy Birthday gesungen – Gänsehaut pur". Sogar einen Kuchen in Treppenform gibt’s. Was natürlich nichts daran ändert, dass es nach einem Minischluck Sekt weitergeht – zurück auf die "Himmelsleiter".

Gegen 11 Uhr am Sonntag, vielleicht sogar schon früher flutscht es dann wieder. Die Sonne kommt über die Hügel, und Tanja Höschele weiß, "dass uns nichts mehr aufhalten kann". So kommt es auch. Am Ende sind es 28 Stunden und 30 Minuten auf der Treppe mit insgesamt 403 Runden. Das sind 63.674 Stufen runter und genauso viele wieder rauf, das entspricht einer Strecke von 66,2 Kilometern und 10.881 Höhenmeter – hoch und runter. Dass die Frau aus dem Nordschwarzwald an dem Sonntag trotzdem noch bis 22.30 Uhr feiert, sagt einiges aus über ihre Ausdauer.

48 Stunden aufs Laufband

Wenig verwunderlich ist es da, dass Höschele Anfang des Jahres bereits ihren nächsten Weltrekord anvisiert, wieder zusammen mit Torsten Köhler und Frank Götze. Diesmal geht es in einem Fitnessstudio in Neuenbürg (Enzkreis) 48 Stunden aufs Laufband. Doch die gleichmäßigen Stöße schlagen den Männern auf den Magen, bei Tanja Höschele treten Muskelprobleme im linken Oberschenkel auf. Folge ist der Abbruch. Aber sofort beschließen die Sportfreunde, 2023 erneut einen Anlauf zu wagen. Tanja Höschele peilt im November schon den nächsten Rekordversuch an. Jeden Tag will sie aufs Laufband und insgesamt so viele Kilometer laufen, wie keine Frau vor ihr. Das wären an 30 Tagen insgesamt 1.870. Sie ist halt einfach nicht zu bremsen.

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