Das Epizentrum bei Hechingen: Mit einer Stärke von 4,1 bebte hier am 9. Juli die Erde – und zwar zehn Kilometer unter diesem Weizenfeld, in direkter Sichtlinie zu Burg Hohenzollern. Foto: Schnurr

Im Zollernalbkreis bebt häufig die Erde. Ein Seismologe erklärt, warum das Erdbeben in Hechingen womöglich nichts mit der Albstadt-Scherzone zu tun hat.

Hechingen - Martin Hensch ist Seismologe beim Landeserdbebendienst in Freiburg. Er berichtet, wie Experten die aktuellen Erdbeben in der Region einordnen.

 

Herr Hensch, im Zollernalbkreis bebt die Erde häufiger, oft rund um Albstadt. Wieso lag das Epizentrum so weit im Westen?

Momentan sind wir dabei, das Erdbeben bei Hechingen geologisch und tektonisch einzuordnen. Das Epizentrum liegt tatsächlich westlich von der Albstadt-Scherzone und zwar unter dem Hohenzollerngraben. Wir sind dabei, die Herdfläche zu bestimmen. Aus den Seismogrammen bestimmen wir, wie sich die Erde verschoben hat.

Also gibt es keine Verbindung zwischen den Beben bei Jungingen und dem Beben bei Hechingen vom Samstag?

Eher nein. Zwischen Hechingen und Balingen gab es aber schon 2017 eine kleine Sequenz, mehrere Erdbeben in einem kurzen zeitlichen Abstand. Es gibt keine Anzeichen, dass dies direkt mit der Albstadt-Scherzone zusammenhängt. Dass sich momentan auch Erdbeben südlich von Jungingen häufen, ist schon seit einiger Zeit der Fall. Das Erdbeben-Cluster zwischen Albstadt und Jungingen liegt auf der Albstadt-Scherzone. Tektonisch ist die ganze Zollernalb ein interessantes Gebiet.

Das Beben bei Hechingen war mit einer Stärke von 4,1 eines der stärksten der vergangenen Jahre. Lässt sich voraussagen, ob das das Hauptbeben war oder ob ein stärkeres kommt?

Die großen Erdbeben rund um Albstadt sind nur in der Albstadt-Scherzone bekannt. Dort gab es drei große Erdbeben in den Jahren 1911, 1943 und 1978. Ganz allgemein: Wir können Erdbeben nicht vorhersagen. Dass es nun eines mit einer Stärke von 4,1 gegeben hat, heißt nicht, dass ein schwereres Erdbeben wahrscheinlicher geworden ist. Auf der Alb ist es immer möglich, dass es stärker wackelt – das muss man einfach so sagen. Dass es irgendwann wieder eines wie etwa 1978 geben wird, ist wahrscheinlich. Aber ob in einem Jahr, in zehn oder hundert, das lässt sich nicht vorhersagen.

Können sich die Gebiete um Hechingen und die Albstadt-Scherzone gegenseitig beeinflussen?

Starke Erdbeben können benachbarte Verwerfungen durchaus beeinflussen, da sich das Spannungsfeld um das Erdbeben regional ändern kann. Bei einem Beben von 4,1 ist es aber eher unwahrscheinlich, dass es auf die Distanz von rund zehn Kilometern größere Wechselwirkungen gibt.

Was genau bewegt den Boden beim Hechinger Erdbeben?

Die Erdbeben auf der Zollernalb sind tektonisch verursacht. Hier werden Spannungen gelöst, die sich durch die Kollision der afrikanischen und der eurasischen Platte aufbauen. Primär haben sich durch diese Kollision die Alpen aufgefaltet, die Spannungen zeigen aber auch in Baden-Württemberg noch deutliche Wirkung. Fluide, so wie auf einigen Seiten im Internet diskutiert wird, spielen hier eine untergeordnete Rolle. Fluidinduzierte Erdbeben findet man eher in vulkanisch aktiven Gebieten.

Die vergangenen Erdbeben dauerten recht kurz. Wie lange kann die Erde beben?

Ein Beben dauert physikalisch gesehen so lange, wie der Bruch dauert. Es baut sich auf einer Bruchfläche eine Scherspannung auf. Bei einem kritischen Wert hält die Verwerfung nicht mehr. Das Bruchstück kommt ins Rutschen und es kommt zu einem Erdbeben, das baut einen Teil der Spannung ab. In Baden-Württemberg dauert so ein Bruch selbst bei den stärkeren Erdbeben selten länger als ein bis zwei Sekunden. Da sich aber verschiedene Erdbebenwellen unterschiedlich schnell ausbreiten, kann das Erdbeben je nach Abstand zum Epizentrum verschieden lang wahrgenommen werden. In der Regel kurz und stark nahe des Epizentrums, in größerem Abstand länger und schwächer.

Was passiert danach?

Die Daten des Messnetzes des Landeserdbebendiensts werden rund um die Uhr in Echtzeit nach Freiburg übertragen und automatisch ausgewertet. Bei einem stärkeren Erdbeben werden binnen weniger Minuten automatisch die Mitarbeitenden des Landeserdbebendienstes sowie das Lagezentrum der Landesregierung am Innenministerium in Stuttgart informiert. Im Anschluss werden die Daten manuell ausgewertet und parallel dazu Behörden und Öffentlichkeit mit aktualisierten Informationen auf dem Laufenden gehalten.

Sie sammeln beim Landeserdbebendienst Wahrnehmungsmeldungen, fragen etwa, ob man während des Bebens in einem Gebäude oder außerhalb war, in welchem Stockwerk man sich befand, ob Gegenstände schwankten. Wie werten Sie diese Informationen aus?

Sie sind sehr wichtige Zusatzinformationen für uns. Sie ermöglichen uns einen Überblick, wie sich das Erdbeben an der Oberfläche auswirkt. Aus den Daten unserer Messstationen können wir die physikalischen Herdparameter des Erdbebens berechnen, also Lokation, Tiefe und Stärke im Herd. Die Auswirkungen an der Oberfläche hängen jedoch von der Tiefe des Bebens sowie des geologischen Untergrunds ab, sie können nicht wirklich messtechnisch erfasst werden. Hierfür sind die Wahrnehmungsmeldungen aus der Bevölkerung sehr wichtig.

Und meistens werden klirrende Gläser oder kleinere Risse gemeldet?

Im Falle des Erdbebens am Samstag bei Hechingen ging es nicht darüber hinaus – und das ist auch etwa im Rahmen dessen, was man bei einem Beben der Stärke 4,1 erwartet.

Auch interessant: Geheimer Sprengplatz - was steckt hinter dieser Theorie?

Wenn es wieder wackeln sollte, vielleicht auch stärker, wozu raten sie? Schülern im Zollernalbkreis wurde früher in der Schule beigebracht, bei Erdbeben unter den Tisch zu gehen.

Die Baunormen sind bei neueren Häusern schon angepasst, das Haus wird im Fall des Falles eher stehenbleiben. Wichtig ist es, Ruhe zu bewahren, zumindest während des Erdbebens im Haus zu bleiben. Ein Beispiel: Auf der Treppe ist in der Hektik die Verletzungsgefahr besonders groß, vor dem Haus besteht am ehesten die Gefahr herabfallender Dachziegel oder Fassadenteile. Unter dem Tisch oder dem Türrahmen Schutz zu suchen kann bei einem starken Erdbeben sinnvoll sein. Überlegen sollte man aber vor allem vorher: Was könnte mir im Erdbebenfall den Fluchtweg versperren, was könnte mir auf den Kopf fallen? Schwere Sachen sollte man nicht unbedingt auf dem Schrank und schon gar nicht über dem Bett lagern. Dass es hier ein katastrophales Erdbeben wie in anderen Ländern geben könnte, ist aber höchst unwahrscheinlich.