Thomas Fritschle kauft im Kreuzermarkt ein. Foto: Michael Merk

Das Sozialkaufhaus Kreuzermarkt hat mitten im Nagolder Burgcenter wieder geöffnet. Wer dort einkauft und welche Umstände dazu führen, davon berichtet ein Betroffener.

Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sind es circa neun Euro pro Tag, die eine Person benötigt, um sich gesund und ausgewogen zu ernähren. Die Grundsicherung rechnet mit 6,51 Euro, die ein Erwachsener jeden Tag für Nahrung und Tabakwaren zur Verfügung hat.

 

Das sind für viele nur nackte Zahlen, doch für Thomas Fritschle ist es die blanke Realität. Der gelernte Metzger kauft deshalb auch gerne im Nagolder Kreuzermarkt ein. Er ist so mutig und spricht offen über seine Situation und auch über einige Gründe, die dazu geführt haben.

Zu Diabetes-Erkrankung kam multiple Sklerose hinzu

Es kam einiges zusammen. Zu viel, um sich an eine genaue Abfolge zu erinnern. Durch eine schwere Verletzung beider Beine konnte er seinen Beruf in einem Warenhaus nicht mehr ausüben. Zu der bereits bestehenden Diabetes-Erkrankung wurde multiple Sklerose diagnostiziert. Er war fast ein halbes Jahr bettlägerig und musste gepflegt werden. In diesem Zeitraum kam dann noch die Trennung von seiner Frau hinzu.

Restaurantbesuch ist ein Luxus

Der 57-jährige suchte Hilfe bei der Erlacher Höhe. Dort fand er eine Unterkunft und Unterstützung. Auf die vergünstigten Waren im Sozialkaufhaus ist er angewiesen, um über die Runden zu kommen. Ein Restaurantbesuch ist für ihn ein Luxus, der für den Großteil der Gesellschaft zur Selbstverständlichkeit gehört.

Diakonieläden, Sozialkaufhäuser oder die Tafeln ermöglichen Kunden günstige Einkaufsmöglichkeiten. Damit erhalten sie finanzielle Spielräume, um die knapp bemessenen Regelsozialleistungen zu kompensieren. Darüber hinaus bieten sie für Menschen auch soziale Kontakte.

Mutter von vier Kindern schaute anfangs aus finanziellen Gründen vorbei

Dies ist auch ein Grund für Claudia M., die lieber anonym bleiben will, dort regelmäßig vorbeizuschauen. Die Mutter von vier Kindern schaute anfangs aus finanziellen Gründen vorbei. Sie habe sich vorher informiert, ob der Markt auch für sie in Frage komme. Ihr Mann hat einen Beruf, zwei ihrer Kinder sind schon ausgezogen und trotzdem nutzt sie gerne das Angebot. Ihr sei es zwar nicht peinlich, dort gesehen zu werden, aber in ihrem Umfeld spricht sie dies nicht offen an.

Wolfgang Sartorius ist der geschäftsführende Vorsitzende der Erlacher Höhe. Seiner Meinung nach sollten Lösungsansätze keine weiteren Einschränkungen für Betroffene beinhalten. Vielmehr sollte die Politik aufhören, „reflexartig nach unten zu treten“, denn das kratze an der Würde der Armen. Ein Leitspruch für ihn sei: Armut in einem armen Land ist ein Mangel an materiellen Gütern. Armut in einem reichen Land ist ein Mangel an Gerechtigkeit.

Situation ist auch körperlich belastend

Fritschle geht offen mit seiner Situation um. Seit drei Jahren ist er auf das Bürgergeld angewiesen und lebt zur Zeit in einer eigenen Wohnung. Allerdings muss er dort viele Treppenstufen bewältigen. Aufgrund seiner immer noch bestehenden Einschränkungen beim Gehen stelle dies für ihn eine große Belastung dar. „Ich suche dringend etwas Ebenerdiges“, sagt er und er würde sich freuen wenn jemand eine barrierefreie Wohngelegenheit in Aussicht hat.

Ihn stellen die regelmäßigen Arztbesuche vor große Hürden. Nicht nur körperlich, sonder auch finanziell. Da sein Hausarzt und viele seiner Fachärzte in Böblingen beheimatet sind, ist er auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen. Das bedeutet wiederum eine weitere Belastung seines schmalen Budgets.

Erlacher Höhe bietet auch Reisen an

Trotzdem hat er die Zuversicht nicht verloren und freut sich auf die anstehende Reise nach Ligurien. Viele einkommensarme Menschen haben selten oder nie die Chance, Urlaub zu machen. Die Erlacher Höhe bietet dies, auch dank der Unterstützung durch Einzelspenden, regelmäßig an. Der gebürtige Gechinger hat darauf gespart und freut sich auf die Fahrt.

Mit zwei Kleinbussen geht es eine Woche nach Nordwestitalien. Für ihn und die anderen, die sich einen solchen Ausflug normal nicht leisten könnten, steht ein gemietetes Ferienhaus bereit. Dort warten Sonne, Strand, Kultur und Zeiten der dringend benötigten Ruhe auf die Gruppe. Eine Auszeit vom Alltag, die auch – und gerade – Menschen brauchen, die sich in schwierigen Lebenssituationen befinden.