Unbekannte haben Grabstelen der Erlacher Höhe auf dem Calwer Friedhof mit Hakenkreuzen beschmiert. Foto: Reichstein

Unbekannte haben Gräber der Erlacher Höhe in Calw mit Hakenkreuzen beschmiert. Warum das wie eine Botschaft aus der dunkelsten Zeit deutscher Geschichte wirkt.

Seit mehr als 40 Jahren hilft die Erlacher Höhe Menschen im Kreis Calw in Not. Sie bietet Beratungs-, Wohn- und Betreuungsangebote für Menschen in Wohnungsnot, ein Qualifizierungs- und Beschäftigungsangebot für Arbeitslose, unterstützt Flüchtlinge.

 

Manchmal, so formulierte es Sebastian Kirsch von der Erlacher Höhe vor einiger Zeit, heiße Helfen auch, „das Scheitern begleiten“. Jemandem nach einem schweren Leben bis zum Tod zur Seite zu stehen.

„Die Würde des Menschen hört nicht mit dem Tod auf“

Und dafür zu sorgen, dass niemand namenlos im Nichts verschwindet und seine letzte Ruhe, seinen Frieden findet. Denn „die Würde des Menschen hört nicht mit dem Tod auf“, sagt Andreas Reichstein, Abteilungsleiter bei der Erlacher Höhe Calw-Nagold.

Auf dem Calwer Friedhof jedoch, wo sich mehrere Urnengräber für diese Menschen finden, „wurde dieser Friede gebrochen“, sagt Reichstein. Irgendwann zwischen dem 5. April und dem 4. Mai beschmierten bislang Unbekannte dort vier Sammelgrabstätten für sozial Schwächere. Drei davon gehören der Erlacher Höhe.

Mutmaßlich mit einem Permanentmarker kritzelten der oder die Täter je ein Hakenkreuz auf die Rückseite der Holzstelen, berichtet Benjamin Koch, Leiter der Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit beim Polizeipräsidium Pforzheim, auf Anfrage. Der Gesamtschaden belaufe sich auf mehrere 100 Euro.

Die Abteilung Staatsschutz der Kriminalpolizeidirektion in Calw hat die Ermittlungen aufgenommen. Es geht um den Anfangsverdacht des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen in Tateinheit mit Sachbeschädigung. Delikte, die im Extremfall mit mehrjährigen Haftstrafen geahndet werden können.

Die Polizei sucht nun Zeugen; diese können sich an den Kriminaldauerdienst in Pforzheim, Telefon 07231/1864444, wenden.

Dekan Erich Hartmann spricht sogar von einem „Anschlag“

Die Verantwortlichen bei der Erlacher Höhe hat der Vorfall indes erschüttert. „Da sind Menschen beerdigt“, sagt etwa der geschäftsführende Vorstand des Sozialunternehmens, Wolfgang Sartorius fassungslos. Eine solche Schändung und Störung der Totenruhe sei nicht akzeptabel.

Erich Hartmann, Dekan im evangelischen Kirchenbezirk und geschäftsführender Pfarrer der Kirchengemeinde Calw, spricht sogar von einem „Anschlag“ auf die Gedenkstätte. Einem gezielten Angriff auf die Würde der Verstorbenen.

Der Eingang zum Calwer Friedhof Foto: Jana Heer

Friedhöfe seien Orte des Friedens, der Trauer, der Erinnerung und des Respekts. „Wer dort Symbole des Hasses und der Menschenverachtung hinterlässt, verletzt bewusst diese grundlegenden Werte und stört die Ruhe eines Ortes, der allen Menschen Schutz und Besinnung bieten soll“, unterstreicht der Dekan.

Besonders erschütternd sei, dass die Tat Gräber von Menschen treffe, die zu Lebzeiten oft am Rand der Gesellschaft standen. „Ihr Andenken auf diese Weise zu entwürdigen, widerspricht allem, wofür wir als Kirche stehen“, erklärt Hartmann. „Wir beziehen klar Stellung gegen jede Form von Extremismus und menschenverachtender Ideologie. Solche Zeichen dürfen in unserer Gemeinde keinen Platz haben.“

Gerade in Deutschland und gerade in einer Zeit, in der Ansätze solcher Ideologien „wieder salonfähig zu werden scheinen“, trage „jede öffentliche Institution, auch die Kirche, Verantwortung, Erinnerung wachzuhalten und solchen Zeichen entschieden zu widersprechen. Schweigen würde als Gleichgültigkeit verstanden.“ Auch wenn es sich um vermeintlich kleine Vorkommnisse handle.

„Das ist kein Streich, keine Meinungsäußerung, sondern eine Grenzüberschreitung, die rechtlich wie moralisch verurteilt werden muss“, bekräftigt der Dekan.

Verdacht wächst, dass es sich um eine gezielte Aktion handelte

Erschwerend kommt hinzu: Es ist nicht das erste Mal, dass Gräber der Erlacher Höhe geschändet werden, erinnert sich Sebastian Kirsch. Vor rund zwei Jahren seien an einem Grab Blumen herausgerissen und ein Holzkreuz gestohlen worden.

Nach dem ersten Mal sei nichts unternommen worden, erklärt Kirsch. Niemand habe sich viel dabei gedacht. Nachdem nun wieder etwas geschehen ist – und zudem nur diese Gräber und keine anderen in der näheren Umgebung betroffen waren –, wächst der Verdacht, dass es sich um eine gezielte Aktion gehandelt haben könnte.

Vielleicht sogar eine Art Botschaft, die aus den Tiefen der dunkelsten Zeit deutscher Geschichte stammt.

Die Nationalsozialisten hatten Menschen am Rand der Gesellschaft als „Asoziale“ diffamiert. Unter der Gewaltherrschaft der Nazis wurden unter anderem Bettler, Obdachlose, Fürsorgeempfänger oder Prostituierte überwacht, verfolgt, verhaftet, zwangssterilisiert oder in Konzentrationslagern ermordet.

Erst im Frühjahr 2020 offiziell als Opfer anerkannt

Die Rassenideologie der Nazis erklärte vermeintlich „asoziales“ Verhalten mit „minderwertigen“ Genen – und lieferte einen Grund, gegen die Betroffenen vorzugehen, um eine „Schädigung“ der „erbgesunden Volksgemeinschaft“ zu verhindern, wie es im Nazi-Jargon hieß.

Jene Gruppe litt auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch unter Diskriminierung und Ablehnung, selbst durch andere Verfolgte der NS-Diktatur. Der Deutsche Bundestag erkannte sie erst im Frühjahr 2020 offiziell als Opfer der Nazis an.