Der Jugendraum am Urteilsplatz bleibt auch über die Testphase hinaus bestehen. Foto: Köhler

In einem Leerstand soll weiterhin Leben herrschen: Die Stadt verlängert das Experiment einer Anlaufstelle für Jugendliche. Es kommt sehr gut an, berichtet Streetworker Thomas Hug.

Nach der Schule gemeinsam Hausaufgaben machen, kreativ sein oder einfach „chillen“, abends ein Tischkickerturnier oder gemeinsam Pizza backen: Das Experiment, einen Jugendraum in der Lahrer Innenstadt einzurichten, ist geglückt. Die Stadt Lahr setzt das Projekt daher fort – auch wenn künftig das Programm abgespeckt wird.

 

Entstanden ist die Idee eines Jugendraums beim sogenannten „Solution Lab“ im Januar. Straßburger Studenten hatten gemeinsam mit ihrem Dozenten Carsten Hutt vom Werk ISI in Reutlingen Ideen entwickelt, wie wieder Leben in die Lahrer Innenstadt – und im Speziellen in Leerstände – kommen könnte. Zwei davon setzte die Stadt Mitte April für vier Wochen um: Am Schlossplatz zog eine „Innovation Lounge“, ein Ort für die Lahrer Wirtschaft, ein. Am Urteilsplatz ins ehemalige Redaktionsgebäude der Badischen Zeitung war es eben der Jugendraum.

Polizei musste kein einziges Mal kommen

Streetworker Thomas Hug berichtete bei der Abschlussveranstaltung dieser Testphase von den Erfolgen: „700 Kinder haben wir erreicht“, sagt er. In Spitzenzeiten seien bis zu 80 Jugendliche im Jugendraum am Urteilsplatz gewesen, im Schnitt waren es etwa 40. „Für sie war es vier Wochen lang ein Safe Space“, sagt Hug. Die 50 Angebote seien allesamt gut besucht gewesen und das Beste: „Die Polizei musste kein einziges Mal kommen“, sagte Hug. Er zog daher das Fazit: „Ein Jugendraum in der Innenstadt funktioniert.“

Pizza backen war nur eines der Angebote. Foto: Thomas Hug

Entsprechend froh zeigte sich der Streetworker, dass das Angebot fortgesetzt wird. Eine Förderung der Arbeitsgemeinschaft Jugendfreizeitstätten macht dies möglich und auch der Eigentümer überlässt die Räume „auf unbestimmte Zeit“ den Jugendlichen. Hugs Dank gelte dem Schlachthof, dem Bürgertreffpunkt Stadtmühle und der Schulsozialarbeit, die mit Materialien unterstützt hätten. Auch die Eltern der Kinder und verständnisvolle Nachbarn hätten zum Erfolg beigetragen.

Die hohe Frequenz an Angeboten werde man nicht aufrechterhalten können. In einer Woche gab es etwa montags „Do it yourself“-Mode und später ein Indoor-Basketballturnier, dienstags eine Kreativwerkstatt und einen offenen Spieletreff, mittwochs häkeln und ein Tischkickerturnier und donnerstags konnten die Jugendlichen erst Pancakes und dann Pizza backen. Das Programm werde nun gekürzt, die offene „Afterschool“-Zeit ab 12.30 Uhr bleibe, es gebe künftig jedoch nur noch zweimal in der Woche Programm. Hug appellierte hier an Institutionen und Vereine, sich zu melden und selbst etwas anzubieten. Die Boxstaffel und die Drogenhilfe etwa hätten schon Interesse angemeldet.

Streetworker Thomas Hug zog ein positives Fazit. Foto: Köhler

Für Hutt war der Erfolg des Jugendraums der Beweis: „Man kann in vier Wochen etwas lostreten, das bleiben kann.“ Als Fortsetzung des Solution Labs haben sich seine Studenten in der vergangenen Woche erneut mit der Zukunft Lahrs beschäftigt – und weitere Konzepte erarbeitet. Student Steffen Alber stellte seine Vision der Stadt Lahr im Jahr 2040 vor. Dabei bezog er sich vor allem auf vier Räume: Der erste ist der Jugendraum, der zweite ein Wohnzimmer, ähnlich des in Lahr bereits bekannten Konzepts eines dritten Orts.

Diskussion über die Ausrichtung der Innenstadt

Der dritte ist eine Markthalle, wo Erzeuger auf Kunden treffen und ihre Produkte anbieten. Martina Mundinger vom Stadtmarketing brachte hier die Vielfalt der Stadt ins Gespräch mit verschiedenen Essensangeboten aus den verschiedenen Kulturen. Der vierte ist eine Werkstatt für Firmen mit Co-Working-Plätzen, Seminarräumen und Werkzeugen zum Ausprobieren – ähnlich wie bald im „Innolab“ am Flugplatz. Alber präsentierte auch einen KI-Assistenten, der gerade Jugendlichen dabei hilft, Anschluss zu finden. Die KI „Lara“ suche passend zu den Bedürfnissen Angebote heraus und könne auch gleich die Anmeldung vollziehen.

Aus dieser Vorstellung entwickelte sich eine Diskussion, welchen Fokus die Stadt allgemein in der Innenstadt setzen sollte. Stadtrat Eberhard Roth sprach von einem „Wandel vom Einkaufsort zum Begegnungsort“. Wirtschaftsförderer Robin Derdau bestätigte diese Entwicklung. „Es gibt jetzt schon Transformationsprozesse. 100 Prozent Handel wird es nicht mehr geben“. Hutt nannte die Zielsetzung einen „gesunden Mix aus Handel, Dienstleistung, Gastronomie und der Entwicklung neuer Produkte.“ Für Letzteres sei es wichtig, junge Leute in die Innenstadt zu locken, denn die seien „viel näher an der Technologie dran“.

OB Markus Ibert gefiel die Vorstellung sehr. Für Hutt, den die Verwaltung schon als potenziellen Flächenmanager im Blick hat, um Leerstände zu vermeiden beziehungsweise wieder zu füllen, hatte er nichts als Lob übrig. „Ich hoffe, wir sehen wir noch häufiger in Lahr“, sagte der Rathauschef. Hutt schien nichts dagegen zu haben: „Die Stadt Lahr hat was, denn sie hat echtes Potenzial.“

Neues Nagelstudio

Der Leerstand am Marktplatz, in dem das ursprüngliche „Solution Lab“ im Januar stattfand, ist inzwischen gefüllt. Dort ist seit einigen Wochen ein Nagelstudio beheimatet.