Eine neue Regelung der Hebammenvergütung sorgt für Entrüstung – auch in der Helios Klinik Rottweil. Die Hebammen hoffen nun auf Unterstützung aus der Bevölkerung.
Dieser Tage geht ein Aufschrei durch die Reihen der Hebammen, denn der GKV-Spitzenverband, die zentrale Interessenvertretung der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen, setzt bei der Vergütung der Geburtshelferinnen gnadenlos den Rotstift an. Und Beleghebammen werden mit der neuen Gebührenordnung deutlich schlechter gestellt. Für manchen Leistungen bekommen sie künftig bis zu 70 Prozent weniger als sonst, andere werden gar nicht mehr vergütet.
„Ein wirtschaftliches und rentables Arbeiten wird unter diesen Bedingungen nicht möglich sein“, sagt Simone Fischer, eine der zwölf Beleghebammen an der Helios Klinik, stellvertretend für die Hebammengemeinschaft im Gespräch.
Keinerlei Spielräume
Durch die Änderung könnte die gesamte Geburtshilfe in Rottweil in Gefahr geraten, wenn sie es nicht schon ist, denn die Vergütung ab November lässt keinerlei Spielräume.
Schlimmer noch: Die Beleghebammen verdienen sogar weniger als bisher. „Und das geht gar nicht“, so Fischer im Namen aller. Seit zehn Jahren wurde die Gebührenordnung für die Beleghebammen nicht mehr angepasst.
Während Hausgeburtshebammen oder Hebammen in Geburtshäusern mit der künftigen Gebührenordnung, die im November in Kraft treten soll, deutlich bessergestellt werden, kommt bei den Beleghebammen unterm Strich weniger raus.
Nach Zahlen des deutschen Hebammenverbandes werden bundesweit gut ein Viertel aller Geburten in Kliniken von freiberuflichen Hebammen mit Belegsystem begleitet. In Baden-Württemberg haben derzeit 17 Kliniken ihre Geburtsstationen mit dem Belegsystem organisiert.
Tage ohne Geburt sind Tage ohne Einnahmen
In Rottweil gibt es das Belegsystem gut 20 Jahre, das Schwarzwald-Baar-Klinikum hat es vor zwei Jahren eingeführt. „Und wir sind total zufrieden mit dem System, da wir sehr vieles selbst gestalten können. Denn die Qualität der Geburtshilfe ist uns wichtig, denn nur, wenn die Frauen zu uns zur Geburt kommen, bekommen wir auch Geld. Tage ohne Geburt sind Tage ohne Einnahmen“, macht Fischer deutlich. Wenn es im Jahr statt 1000 Geburten nur noch 700 gebe, dann mache sich das radikal am Geldbeutel der Hebammen bemerkbar.
Bezahlt werden die freiberuflichen Hebammen über einen Pool der Hebammengemeinschaft. Das Geld, das die Hebammen den Krankenkassen für ihre Leistung in Rechnung stellen, fließt hier rein. Daraus werden letztlich alle nach einem Punktesystem – je nach Leistung – vergütet. Wer vollen Dienst hat, der bekommt natürlich mehr als die Bereitschaftshebamme, oder die im Ambulanzdienst.
„Aber wir haben das gut geregelt und damit sind alle zufrieden, denn wir können selbst festlegen, wie viele Hebammen pro Schicht im Kreißsaal anwesend sein sollen, oder in Bereitschaft sind. Wir können auch festlegen, wie lange eine Schicht dauert“, schildert Fischer und ergänzt: „Wir sind total entsetzt und fassungslos, dass das alles kaputtgemacht werden soll.“
Dass man jetzt für manche Leistung gerade mal noch 30 Prozent der bisherigen Vergütung erhalte, und für manche gar nichts mehr, das schlage dem Fass den Boden aus.
Bisher mehrere Frauen betreut
Das System ist auch deswegen für die Hebammen rentabel, weil sie mehrere Frauen gleichzeitig betreuen können, zwar nicht in der heißen Phase der Geburt, „da rufen wir dann natürlich die Bereitschaft hinzu“, aber bei Untersuchungen oder der Anfangsphase der Geburt.
Es sei durchaus üblich, dass auch eine zweite werdende Mutter betreut werde. „Man muss eine Frau, die mit ihren Wehen arbeitet, auch nicht die ganze Zeit betreuen, man kann sich unterdessen gut um eine zweite Frau kümmern und sie untersuchen. Das praktizieren wir seit Jahren mit Erfolg“, informiert Fischer.
Das dürfen sie künftig auch weiter tun, bekommen für die Betreuung der zweiten Frau aber nur noch 30 Prozent der regulären Vergütung, bei der dritten Frau ebenfalls, die Behandlung darf dann aber nicht länger als eine Stunde dauern. „Und für die Betreuung einer vierten Frau können wir dann gar nichts mehr abrechnen“, schildert Fischer.
Zu wenig Hebammen für 1:1-Betreuung
Eine 1:1-Betreuung, für die es nun einen Bonus gibt, sei generell natürlich wunderbar und wünsche sich jede Hebamme und werdende Mutter. „Dafür bräuchte es aber ganz andere Strukturen und viel mehr Hebammen, die es gar nicht gibt“, weiß Fischer und vermutet, dass das Belegsystem für die Kassen zu teurer sein.
Dabei machen die Kosten der Hebammen nur 0,27 Prozent für die Kassen aus. Anders können sich die zwölf Rottweiler Beleghebammen die Neuerung nicht erklären.
Für die GKV stellt sich die Situation anders dar. Sie hebt hervor, dass es nun mehr Geld gibt, wenn es in einem Team mehr Beleghebammen gebe. Dann sei nach ihrer Sicht eine 1:1-Betreuung möglich. Doch dann müssten ständig viel mehr Hebammen in Bereitschaft sein.
Dafür stellen die Krankenkassen allerdings kein Geld zur Verfügung. Dieses „Bereitstehen“ muss durch die Mischkalkulation aller Einnahmen mitbezahlt werden. „Das ist in der Praxis schlicht nicht umsetzbar. Da müssten an manchen Tagen zu den Diensthebammen noch zusätzlich fünf weitere in Bereitschaft sein, die auch bezahlt werden müssten,“ so die Hebamme. „Eine 1:1-Betreuung ist durch die Unplanbarkeit der Geburtshilfe in einem Krankenhaus schlicht nicht zu gewährleisten.“
800 Kinder pro Jahr in Rottweil
Wir haben auch Klinik-Geschäftsführer Moritz Lang dazu befragt. Er möchte am Belegsystem festhalten. „In der Helios Klinik Rottweil arbeiten wir seit Jahren erfolgreich mit einem engagierten, gut eingespielten Team aus zwölf erfahrenen Beleghebammen zusammen. Diese langjährige, vertrauensvolle Kooperation ist ein wichtiger Bestandteil unserer Geburtshilfe. Unser Anliegen ist es, die geburtshilfliche Versorgung am Standort Rottweil auch weiterhin zu stärken“, sagt er.
Jährlich kommen rund 800 Kinder im Rottweiler Kreißsaal zur Welt. Diese umfassende und qualitativ hochwertige Betreuung soll auch künftig „in bewährter Form und in enger Zusammenarbeit mit unseren Hebammen fortgeführt werden“, sagt er.
„Es geht ums absolute Überleben, nicht nur für uns, sondern für die gesamte Geburtshilfe in Rottweil“, machen die Hebammen deutlich und hoffen auf Unterstützung aus der Bevölkerung.