Hunderte Migrantinnen und Migranten absolvieren Integrationskurse bei der Volkshochschule in Villingen-Schwenningen. Was lernen sie da eigentlich? Ein Besuch vor Ort zeigt: Vieles läuft gut – aber die Kursteilnahme allein reicht nicht aus.
An diesem Dienstagvormittag, um kurz nach zehn Uhr morgens, sind die Kursteilnehmer gerade wieder aus ihrer Pause zurück, haben sich an ihre Plätze im Raum 202 in der Volkshochschule in der Schwenninger Metzgergasse gesetzt und sind jetzt parat für Seite 87 im Kursbuch.
„Lesen Sie bitte“, sagt Kursleiter Hanzer Cec und das lassen sich einige nicht zweimal sagen: Flugs werden die Passagen vorgetragen, in denen es gerade um das Thema Wohnungssuche geht.
Das Buch, aus dem sie da vorlesen, ist die Grundlage für den sogenannten Modul-fünf-Integrationskurs und alle 20 Personen, die hier sitzen, büffeln damit und mit weiterem Lernmaterialien schon seit Monaten die deutsche Sprache. Noch rund 100 Unterrichtseinheiten haben sie vor sich – und dann steht die sogenannte B1-Prüfung an.
Auf dem Weg zur Prüfung
Auf diesen Deutschtest für Zuwanderer, wie er genauer heißt, werden sie sich in den nächsten Wochen noch gezielt vorbereiten, werden noch ausführlich Hören, Lesen, Schreiben und Sprechen üben, um dann hoffentlich die Prüfung erfolgreich zu meistern. Sie ist ihr erster Meilenstein hin zu einem Zertifikat, das es ihnen ermöglichen soll, sich hierzulande zu integrieren, sich einzubringen und eine Arbeit zu finden.
Das Thema Wohnungssuche, um das es im Text geht, den sie eben durchgenommen haben, hat sie selber alle schon betroffen. „Wie haben Sie Ihre Wohnung gefunden?“, fragt Lehrer Cec. Maria, Maxim und Nataliia aus der Ukraine antworten: über Bekannte, andere waren beim Immobilienmakler, auch eine Zeitungsannonce sei möglich, wird eingeworfen.
Hanzer Cec dankt und prüft dann das Textverständnis. Haben alle begriffen, worum es da geht? Die Antworten lassen darauf schließen, manchmal antworten mehrere Teilnehmer gemeinsam, manchmal auch einzeln auf direkte Nachfrage,
Kursleiter Cec lobt bei richtigen Antworten, korrigiert, wenn Fehler gemacht werden oder die Aussprache falsch ist.
Von Afghanistan bis Ukraine
Er schaut in eine Runde von Frauen und Männern aus Syrien, aus Afghanistan, aus China, der Türkei und Nigeria und aus der Ukraine. „Dass sie aus unterschiedlichen Ländern sind , ist gut für sie“, wird Hanzer Cec später im Gespräch mit der Redaktion sagen und erklären, warum das so ist: „So müssen sie sich untereinander auf Deutsch unterhalten und so lernen sie schneller.“ Immer dann, wenn die Gruppen zu homogen seien, komme es vor, dass in den Kursen zu viel untereinander in der Muttersprache geredet werde – das hatte man zuletzt erlebt, als viele Ukrainerinnen und Ukrainer teilweise in den Kursen unter sich blieben und eben mehr auf Ukrainisch miteinander sprachen. Und manchmal fehle es bei den Kursteilnehmern auch an der nötigen Motivation, manche würden vom Jobcenter geschickt und hätten leider gar kein echtes Interesse, die Sprache zu lernen.
Ohne Üben geht es nicht
Wer meine, dass der reine Besuch eines Integrationskurses schon dazu führe, dass die Teilnehmer hinterher super Deutsch sprechen und sich obendrein auch noch fast wie von alleine perfekt in die deutsche Gesellschaft integrieren, täusche sich gewaltig, macht er deutlich.
Er sage immer allen, dass sie die Sprache auch wirklich üben müssen, auch und vor allem außerhalb des Kurses. „Wenn sie nur Grammatik lernen, haben sie Probleme. Wenn sie in den Supermarkt oder die Apotheke gehen, fragt niemand nach Dativ oder Akkusativ.“ Wichtig sei, sich nicht nur auf die Prüfung zu konzentrieren, sondern die Sprache im täglichen Leben anzuwenden.
Lehrer rät: Immer Deutsch reden
Das Niveau B1, das zunächst alle anstreben, soll ausreichen, um ins Berufsleben einzusteigen, etwa, um eine Ausbildung zu beginnen oder in einem bereits im Heimatland erlernten Beruf hier nun Fuß zu fassen. Nur das Zertifikat zu haben, bedeute aber längst nicht, dass man nun die neue Sprache gut spreche und verstehe: „Mit Nachbarn, Bekannten, Freunden sollte man immer Deutsch reden“, rät der Lehrer.
Nun aber zurück zum Unterricht. Auf dem Stundenplan steht da an diesem Vormittag die Einheit „Verben mit Präposition“: Gelernt wird, wann man welches Vorwort benutzt, welches in welchem Fall anzuwenden ist und welches Fragewort bei welcher Präpositionalergänzung zum Einsatz kommt. Das alles und noch viel mehr müssen die Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer wissen, um die bundesweit einheitliche Prüfung zu bestehen. Gesetzt werden diese Standards im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.
Kritik an Bürokratismus
Den Lehrstoff erarbeiten wissenschaftliche Expertengremien des Ministeriums und an der Ausgestaltung gibt es durchaus auch Kritik: Das Niveau sei viel zu hoch, die Verordnungen viel zu bürokratisch. Damit würden Berufseinstiege eher verhindert und Sprachkompetenz nicht gefördert.
Auch wenn Lehrer Hanzer Cec nichts beschönigt, so weit geht er mit seiner Kritik nicht – von der Sinnhaftigkeit der Kurse ist er durchaus überzeugt – sie seien eben nur nicht der alleinige Schlüssel zum Erfolg.
Eine der Kursteilnehmerinnen aus Raum 202 wiederum bestätigt die scharfe Kritik ebenfalls nicht. Sie sei froh und dankbar, die Sprache auf diese Weise lernen zu können, sagt die Ukrainierin Nataliia Makarova. Jetzt ist ihr großes Ziel und das ihrer Mitschüler, die Prüfung erfolgreich zu meistern. Erst dann können sie nämlich noch die 100 Stunden Orientierungskurs unter der Überschrift „Leben in Deutschland“ absolvieren.
Was ist erlaubt ?
Den wiederum braucht zum Beispiel, wer eine Einbürgerung anstrebt, oder wer noch das Sprachniveau zwei erreichen möchte, das für manche Berufe zusätzlich gefordert wird. „Sie lernen in dem Orientierungskurs etwas über die deutsche Politik, das Wahlsystem und die Geschichte und über das Zusammenleben in Deutschland und sie erfahren, was hier erlaubt ist und was nicht“, erläutert Kursleiter Cec.
Eigene Migrationserfahrung
Er selbst zum Beispiel kann sich gut in die Menschen hineinversetzen, die in der Fremde einen Neuanfang wagen. Geboren ist der junge Mann in Rottweil als Kind einer aus der Türkei stammenden Familie. Als er 16 war, zog die Familie wieder zurück nach Konya in Zentralanatolien – und er musste sich nun dort eingewöhnen. „Ich musste mit“, sagt er trocken.
In der Türkei machte er sein Abitur und studierte dann in Ankara Deutsch als Fremdsprache. Mit dem Diplom in der Tasche, das in der EU anerkannt wurde, kam er wieder allein zurück nach Deutschland. Seit 2021 arbeitet er mit einer entsprechenden Zulassung des zuständigen Bundesamtes als Lehrer an den Volkshochschulen in Villingen-Schwenningen und Rottweil. „Es macht mir Spaß“, fasst er zusammen, „ich habe ja auch einen Migrationshintergrund. Ich weiß, wie sich ein solches Leben anfühlen kann.“
Der Kurs aus Zimmer 202 hat es ihm besonders angetan: „Die Atmosphäre ist angenehm und es sind alle motiviert und befreundet“ – das sei längst nicht immer so und deshalb besonders schön.
Die Kurse und warum das Ampel-Aus eine Rolle spielt
Was sind Integrationskurse?
In Integrationskursen lernen Migrantinnen und Migranten sieben Monate lang Deutsch und das Wichtigste über Land und Leute. Dank ihrer hier erworbenen Kenntnisse soll es ihnen ermöglicht werden, sich in die Gesellschaft einzufügen und Arbeit zu finden. Große Abteilung
Bei der Abteilung Deutsch/Integration bei der VHS sind Dutzende Kursleiter tätig. 2023 gab es 18 914 Kurseinheiten. 1241 Personen absolvierten 69 Prüfungen. Für die Betreuung und Abwicklung der Kurse gibt es eine Vollzeit- und fünf Teilzeitstellen bei der Verwaltung. Das Angebot der VHS VS
Angeboten werden Integrationskurse von Niveau A1 bis B1, Alphabetisierungskurse, Erstorientierungskurse, Berufssprachkurse auf B2-Niveau, offene Deutschkurse, Einbürgerungstests und Sprachprüfungen. Zudem gibt es Beratungsangebote in einer offenen Sprechstunde und Beratungsabende mit Einstufung für die offenen Deutschkurse,, um so den jeweils passenden Kurs zu finden. Die offenen Deutschkurse A1.1 bis C1.2 finden zwei mal oder ein mal wöchentlich abends oder samstags statt. Diese Kurse beginnen wieder Ende Februar, die Anmeldung ist dafür jetzt möglich.
Wer bezahlt?
Im Grundsatz werden die Kosten zur Hälfte von den Teilnehmenden und zur anderen Hälfte vom Staat getragen. Für jede Unterrichtsstunde des Integrationskurses muss der Teilnehmende derzeit 2,29 Euro Kostenbeitrag zahlen. Der Kostenbeitrag für einen allgemeinen Integrationskurs beträgt 1603 Euro. Wer die Prüfung besteht, bekommt einen Teil des Geldes wieder zurück. Unter Umständen besteht aber auch die Möglichkeit zur Kostenbefreiung, wenn man zum Beispiel Bürgergeld , Hilfe zum Lebensunterhalt oder Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz bezieht. Auch Beschäftigte mit geringem Einkommen können auf Antrag von der Kostenbeitragspflicht befreit werden. Der Anteil des Staats wird über den Bundeshaushalt finanziert. Wie geht es weiter?
Zuletzt gab es in der Bundesregierung Überlegungen, die Mittel für die Kurse erheblich zu kürzen. Nach dem Ampel-Aus herrscht Ungewissheit. Die Kursanbieter wissen nicht, wie viel Geld sie nächstes Jahr bekommen werden. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat den Trägern zwar mitgeteilt, dass die Kurse erhalten bleiben und „notwendige Mehrbedarfe für 2025 auch während einer vorläufigen Haushaltsführung“ gedeckt sein. Aber welcher Etat den Trägern zur Verfügung steht, ist weiter offen. Erst mit einer neuen Regierung und einem verabschiedeten Bundeshaushalt dürfte darüber Gewissheit herrschen – und das kann dauern.
Die Kurse
In Integrationskursen lernen Migrantinnen und Migranten sieben Monate lang Deutsch und das Wichtigste über Land und Leute. Dank ihrer hier erworbenen Kenntnisse soll es ihnen ermöglicht werden, sich in die Gesellschaft einzufügen und Arbeit zu finden. Wer bezahlt?
Im Grundsatz werden die Kosten zur Hälfte von den Teilnehmenden und zur anderen Hälfte vom Staat getragen. Für jede Unterrichtsstunde des Integrationskurses muss der Teilnehmende derzeit 2,29 Euro Kostenbeitrag zahlen. Der Kostenbeitrag für einen allgemeinen Integrationskurs beträgt 1603 Euro. Wer die Prüfung besteht, bekommt einen Teil des Geldes wieder zurück. Unter Umständen besteht aber auch die Möglichkeit zur Kostenbefreiung, wenn man zum Beispiel Bürgergeld , Hilfe zum Lebensunterhalt oder Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz bezieht. Auch Beschäftigte mit geringem Einkommen können auf Antrag von der Kostenbeitragspflicht befreit werden. Der Anteil des Staats wird über den Bundeshaushalt finanziert. Wie geht es weiter?
Zuletzt gab es in der Bundesregierung Überlegungen, die Mittel für die Kurse erheblich zu kürzen. Nach dem Ampel-Aus herrscht Ungewissheit. Die Kursanbieter wissen nicht, wie viel Geld sie nächstes Jahr bekommen werden. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat den Trägern zwar mitgeteilt, dass die Kurse erhalten bleiben und „notwendige Mehrbedarfe für 2025 auch während einer vorläufigen Haushaltsführung“ gedeckt sein. Aber welcher Etat den Trägern zur Verfügung steht, ist weiter offen. Erst mit einer neuen Regierung und einem verabschiedeten Bundeshaushalt dürfte darüber Gewissheit herrschen – und das kann dauern.