Mit der Drohne suchen die Retter des Hegerings in Dornhan und Umgebung die Wiesen ab. Fast bei jedem Einsatz werden sie fündig – und verhindern so großes Tierleid.
Treffpunkt ist um 7 Uhr beim Schützenhaus: „Normalerweise fangen wir zwei Stunden früher an. Heute haben wir aber nur einen kleinen Auftrag“, sagt Hegeringleiter Daniel Saile. Kitzretter müssen Frühaufsteher sein.
Saile packt die im Auto mitgebrachte Drohne aus und stellt sie auf den Boden. Sie ist mit einer Wärmebildkamera ausgestattet. Von daher sollte es nicht zu warm sein. Der andere Grund für den frühen Start des Sucheinsatzes ist, dass die Landwirte mit dem Mähen der Wiesen bald beginnen wollen. Vorher soll überprüft werden, dass sich keine Rehkitze im Gras befinden.
Aus der Luft ist die Suche nach ihnen sehr effektiv. Wird ein Kitz von der Drohnenkamera entdeckt und aufgefunden, setzen die Helfer es mit Handschuhen in eine Kiste und stellen diese in den Schatten. Im Idealfall mäht der Landwirt gleich anschließend die Wiese, dann wird das Kitz wieder freigesetzt. Das Muttertier wartet oft schon in der Nähe.
Moderne GPS-Technik
Vor drei Jahren hat der Dornhaner Hegering das Fluggerät angeschafft. 6000 Euro hat es gekostet, das Land bewilligte dafür einen Zuschuss. Es ist nicht mehr das neueste Modell. Was aber neu ist: „Wir haben eine App gekauft.“ Der Hegering investierte in moderne GPS-Technik, mit der die Kitze auf den Zentimeter genau aufgespürt werden können. Dies erleichtert die Suche ganz erheblich. „Wir sind die ersten im Landkreis Rottweil, die diese Technik einsetzen“, sagt der Hegeringleiter.
Dieter Haibt ist der Koordinator: Er plane die Einsätze und habe damit den „aufwendigsten Job“ der Gruppe. Die Landwirte liefern digital die Koordinaten für die Wiesen, die sie als nächstes bewirtschaften. Sie müssen sicherstellen, dass keine Jungtiere darin versteckt sind. Die Drohnen-Gruppe des Hegerings bietet für die Landwirte eine ehrenamtliche Dienstleistung zum Tierschutz an. Die Zusammenarbeit mit ihnen habe sich inzwischen gut eingespielt.
Höchste Konzentration gefragt
Die Drohne fliegt selbstständig die Flächen ab. Matthias Wößner, einer der Piloten, sieht auf seinem Steuergerät die Aufnahmen der Kamera. Die Bilder werden zusätzlich auf einen zweiten Bildschirm dupliziert. Vier Augen sehen bekanntlich mehr. Es ist eine Konzentrationssache. Fällt ein Punkt auf, wird er heran gezoomt und geprüft, ob in der Wiese etwas drin ist. Und tatsächlich: „Da ist ein Reh. Das bewegt sich, es ist kein Kitz.“ Entwarnung, hier besteht kein Handlungsbedarf.
Die Kitzretter-Gruppe des Hegerings besteht aus etwa zehn Leuten. Es sind nicht nur Jäger und Jagdpächter dabei, sondern auch freiwillige Tierschützer. Bereits die ganze Woche über sind sie täglich frühmorgens draußen. Die Landwirte mähen jetzt das Gras für die Biogasanlagen. Die Hochsaison läuft schon aus, doch bald folgt der nächste Schnitt. Auch dann sind Kitze noch in den Wiesen.
Bis zu 90 Hektar an einem Tag
Bei den vielen Flächen in Dornhan und den Ortsteilen ist die Kitzrettung eine zeitintensive Sache. Bis zu 90 Hektar werden an einem Tag kontrolliert. Fast jedes Mal wird das Team fündig. Man braucht keine große Fantasie, um sich vorzustellen, welche Dramen sich ohne diesen Einsatz zum Tierwohl abspielen würden.
Ein frisch gesetztes Kitz im hohen Gras flüchtet nicht, es rollt sich zusammen und verhält sich still. Dem Mähwerk kann es nicht entkommen. Für Daniel Saile ist Drohnensuche „aktiver Tierschutz“. Das erklärt er auch, wenn Spaziergänger danach fragen. Aber inzwischen wissen die meisten Leute Bescheid, wenn sie der Gruppe mit der Drohne begegnen. Kitzrettung hat sich in der Bevölkerung herumgesprochen.
Die Aktion bleibt auch diesmal nicht unbemerkt: „Sucht ihr Kitze?“, fragt eine Spaziergängerin mit Hund die Gruppe beim Naturkindergarten – der zweiten Station. Wer dort draußen an der Brachfelder Straße wohnt, bekommt Wildtiere öfters zu sehen. „Bei mir vespern Hasen und Rehe meine Rosen“, erzählt die Frau. Die Rehe lassen sich auch von den Kindern im Naturkindergarten nicht stören.
Wieder werden die Kitzretter nicht fündig.Weiter geht es nach Gundelshausen. Die Streuobstwiesen bieten ideale Bedingungen für das Rehwild. Vor dem Ortseingang werden die Autos abgestellt. Erneut hebt die Drohne ab. Bis zu 100 Meter hoch könnte sie steigen, die Arbeitshöhe liegt jedoch bei 50 Metern. Man hört am Boden das Summen der kleinen Rotoren. Manchmal bekommt die Drohne Gesellschaft von neugierigen Milanen, die aber das Fluggerät in Ruhe lassen.
Die Kamera entdeckt einen Hasen in seiner „Sasse“. Er knabbert etwas, nimmt wohl sein erstes Frühstück ein, das auf die Retter erst nach Abschluss ihre Aktion wartet. Feldhasen haben ihre Jungen bereits im April zur Welt gebracht. Noch eine Entdeckung: „Das könnte eine Katze sein“. Bei genauerem Hinsehen stellt es sich als ein Eimer heraus.
Auch wenn kein Kitz gefunden wird, enttäuscht sind die Tierschützer nicht. „Man ist trotzdem sehr motiviert“, erklärt Matthias Wößner. Noch ist die Suche nicht beendet. Es geht an das andere Ortsende von Gundelshausen.
Kitz entdeckt
Eine idyllische Landschaft breitet sich hier aus, aber es gibt Stromleitungen. Das ist beim Start der senkrecht nach oben schießenden Drohne zu beachten. Jetzt wird tatsächlich ein Kitz entdeckt. Es liegt in einer Baumwiese, 174 Meter vom Drohnenlandeplatz entfernt. Die Stelle könnte leicht zu Fuß erreicht werden. Muss gehandelt werden? Die Gruppe berät sich. Daniel Saile ruft dem Landwirt an, dem die Wiese gehört. Es sei nicht vorgesehen, das Wiesenstück in nächster Zeit zu mähen. Saile entscheidet, das junge Tier dort zu belassen, wo es ist.
Noch einen freudigen Anblick bietet die Wärmebildkamera: Diesmal ist es eine trächtige Geiß, die sich im hohen Gras ausruht. Um 8.15 ist die Drohnensuche beendet. Die Landwirte sind mit ihren schweren Traktoren und Anhängern bereits unterwegs. Für die Kitzretter geht es zu einem ausgiebigen Frühstück nach Bettenhausen.