So einen ungewöhnlichen und berührenden Abend dürfte das Kurtheater Schömberg noch nicht erlebt haben. Selten lagen Lachen und Weinen näher beieinander.
Klar, Kino berührt die Emotionen. Doch dieses Mal steckte kein Drehbuchautor dahinter, der sich eine fiktive Handlung ausgedacht hat. Gezeigt wurde eine Dokumentation aus dem wirklichen Leben – das grausam und doch wieder schön sein kann.
Der Film „Ein Traum von New York“ von Julia und Armin Schnürle feierte Premiere. Geschildert wird ein Schicksal, das kaum zu begreifen ist. Bis zum 12. Juni 2019 ist die damals 16-jährige Julia eine herausragende Schülerin, treibt Sport und tanzt. An diesem Tag wird sie an einem Fußgängerüberweg in Malcesine am Gardasee überfahren. Nach jahrelangen Krankenhausaufenthalten und Therapien sitzt sie heute im Rollstuhl, kann sich nur mit einem Computer verständlich machen.
Das sah alles noch viel schlimmer aus. Als sie in die Kinderklinik Schömberg kam – es war nach dem Krankenhaus in Trient und der Uniklinik Tübingen ihre dritte Station – befand sie sich in einem wach-komatösen Zustand, wie das Physiotherapeutin Sarah Widmaier und Logopädin Tanja Göttler im Film schildern. Sie zeigte keinerlei Mimik, konnte nicht schlucken, nicht einmal ihre Zunge bewegen.
Starker Überlebenswille
Julia hat sich in einer Art und Weise ins Leben zurückgekämpft, das ihre Psychologin Viktoriya Novikova-Bouikidis beeindruckte. Eine solche Präsenz, Tiefe und Kraft, einen solchen Überlebenswillen habe sie bislang kaum einmal erlebt. Als sie erfuhr, dass Vater Armin Schnürle Filmemacher ist, stand für sie fest: Julias Geschichte muss erzählt werden.
Zielpunkt war eine Reise nach New York, die Schnürle seinen beiden Kindern versprochen hatte, wenn sie das Abi haben. Daran war bei Julia nach ihrem Unfall nicht einmal im Ansatz zu denken. Dass diese Reise, der Traum von New York, Wirklichkeit wurde, zeigt, über welche Kraft sie verfügt.
Heute führt sie Tagebuch, schon weil sie Probleme mit ihrem Kurzzeitgedächtnis hat und ihr das hilft, ihre Erinnerung zu bewahren. Sie schreibt wie gedruckt. Als sie versuchte, im Laufe der Therapie etwas zu Papier zu bringen, krakelte sie einen einzigen Buchstaben auf eine DIN-A-4-Seite. Ein weiteres Beispiel, das zeigt, welche Fortschritte sie gemacht hat.
Eine Ode an das Leben
Der Film will eine Ode an das Leben sein, so Schnürle bei der Premiere. Julia lebt gern und zeigt, dass „jedes Leben lebenswert ist“, wie ihr Vater sagt.
Dabei hilft ihre Patchwork-Familie, die Eltern sind geschieden. Neben ihrem Vater und den Geschwistern ist das vor allem ihre Mutter Nicole Schnürle-Bohn, „die beste Mama der Welt“, wie Julia sagt. Bei ihr wohnt sie. Zwei Tage in der Woche kümmert sich ihr Vater um sie.
Julia und ihr Papa Armin haben zusammen den Film erarbeitet. Haben das umfangreiche Filmarchiv der Familie durchforscht und Ideen entwickelt. Auch das für beide ein schmerzhafter Prozess, kamen doch viele Erinnerungen zurück.
Auch viel Humor zu spüren
Am Ende ist den beiden ein Film gelungen, der nicht runter zieht und auf die Tränendrüse drückt. Er hat, wie beabsichtigt, das Gegenteil bewirkt. Es ist viel vom Humor von Vater und Tochter zu spüren. Aber es wird ebenso gezeigt, wenn sie mit diesem schier unbegreiflichen Schicksal hadern. Dann wird auch geweint.
Wie nah Freude und Trauer beieinander liegen können, zeigt eine Sequenz, als Julia in Köln ein Konzert ihres Idols Shawn Mendes besucht. Begeistert geht sie mit. Und vergießt danach doch Tränen. Sie spürt dann, wenn sie den anderen Fans zusieht, was sie alles nicht mehr kann.
Am Ende gab es stehende Ovationen und minutenlangen Beifall. Das ist im Kino sicher nicht oft der Fall. Ein weitere Vorstellung gibt es am Donnerstag, 18. Juni, 19.30 Uhr im Kurtheater Schömberg.