Foto:  

Zum Thema Integration durch Spracherwerb hat unser Leser Friedhelm Hoffmann aus Tübingen die folgende Meinung.

Am 20. Februar lud der PEN Berlin in die Musikschule zur Diskussion zwischen dem Schriftsteller Frédéric Schwilden und Ryyan Alshebl zum Thema Heimat. Aus dem Publikum wurde das Problem mangelhaften Spracherwerbs aufgeworfen, was Integration blockiere. Alshebl, selber Musterbeispiel für Spracherwerb, bestätigte die Türöffnerfunktion von Sprache.

 

Ein Phänomen

Am Phänomen Alshebl, der acht Jahre nach der Flucht aus Syrien in Ostelsheim Bürgermeister wurde, sollten sich andere jedoch nicht messen müssen. Ein Sprachturbo, wie er ihn hingelegt hat, ist nur wenigen gegeben. Außer Talent setzt das voraus, dass man in der Schule schon eine Fremdsprache lernen musste. Kommen Migranten aus bildungsfernem Milieu, gar Analphabeten, wäre es unfair, aus ihren schlechten Deutschkenntnissen Integrationsverweigerung herauszulesen. Manchmal lernen eben erst die Kinder Deutsch.

Nicht allzu hohe Erwartungen

Als Islamwissenschaftler, der modernes Standardarabisch erlernen musste, hänge ich Erwartungen nicht allzu hoch. Unter studierten deutschen Nahostexperten sind mir in dreißig Jahren nur zwei – beide ohne Professur – begegnet, die Standardarabisch nachweislich so gut beherrschen, dass sie an Diskussionen teilnehmen können. Ich wüsste nicht von einem einzigen Professor der Islamwissenschaft, Arabistik und ähnlicher Nahostfächer, der das Standardarabische in Wort und Schrift aktiv beherrscht. Häufig können sie es nur lesen, oft nicht einmal dies. Selbst dass Sprachkenntnisse bloß vorgetäuscht werden, ist viel häufiger, als die fachfremde Öffentlichkeit es für möglich hielte.

Fürs arabische Publikum habe ich dieses Manko ausführlich in der marokkanischen Online-Zeitung „Hespress“ besprochen. Wenn aber hoch spezialisierte deutsche Wissenschaftler, gar Professoren, die für den Spracherwerb mehrere Jahre Zeit hatten, daran scheitern, sollte man dann nicht mit Migranten, die nicht zu dieser Bildungselite gehören, nachsichtig sein?

Friedhelm Hoffmann,Tübingen

Schreiben Sie uns: leserbriefe@schwarzwaelder-bote.de. Mit der Übersendung erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihr Leserbrief in der Printausgabe, im E-Paper sowie im Onlinedienst des Schwarzwälder Boten veröffentlicht wird. Wir behalten uns Kürzungen vor. Leserbriefe entsprechen nicht notwendig der Meinung der Redaktion.