Fleischgenuss löst bei immer mehr Menschen allergische Reaktionen aus. Schuld ist zumeist ein Zeckenstich in der Vergangenheit. (Symbolfoto) Foto: Axel Heimken/dpa

Regelmäßig diagnostizieren Allergologen an der Tübinger Hautklinik das Alpha-Gal-Syndrom – eine durch Zeckenstiche ausgelöste Fleischallergie. Die Fallzahlen steigen.

Die Symptome des Alpha-Gal-Syndroms treten meist erst drei bis sechs Stunden nach dem Verzehr von Rind-, Schweine- oder Lammfleisch auf. Sie reichen von einem Juckreiz auf der Haut über Übelkeit und Bauchschmerzen bis hin zu Atemnot oder gar einem lebensbedrohlichen Kreislaufkollaps. Auslöser für die allergische Reaktion sind Zeckenstiche.

 

Die Fleischallergie, wie das Alpha-Gal-Syndrom umgangssprachlich genannt wird, ist mittlerweile keine Seltenheit mehr. Manfred Kneilling ist Dermatologe, Oberarzt und Leiter der Allergologie an der Hautklinik in Tübingen. Er sagt: „In der Allergologie der Universitätshautklinik Tübingen diagnostizieren wir regelmäßig das Alpha-Gal-Syndrom. Die Fallzahlen steigen langsam an.“

Die Rolle des Klimawandels

Die steigenden Zahlen hängen mit dem Klimawandel zusammen. Kneilling sagt: „Aufgrund der milderen Winter und der längeren Vegetationsperioden hat sich die Aktivitätssaison von Zecken stetig verlängert auf bis zu zwölf Monate. Zudem verschiebt sich die Nordgrenze der Ixodes ricinus-Besiedelung (häufigste europäische Zeckenart, Anm. d. Red) in Europa kontinuierlich in den Norden. Deshalb ist von einer stetig steigenden Anzahl von Zeckenstichen auszugehen.“ Dies berge die Gefahr der zunehmenden Alpha-Gal-Sensibilisierung von Menschen.

Die Sensibilisierungsquote für Alpha-Gal (Menschen, die bereits Kontakt mit dem Allergen hatten, Anm. d. Red.) aufgrund von Zeckenbissen liege in Endemiegebieten wie Süddeutschland und Österreich bei bis zu 20 Prozent der Bevölkerung, erklärt Kneilling. Erfreulich sei jedoch: Am Alpha-Gal-Syndrom mit tatsächlichen allergischen Beschwerden würden in Endemiegebieten nur 0,5 bis 3 Prozent der Bevölkerung leiden.

In Deutschland eher unbekannt

Das Alpha-Gal-Syndrom ist in Deutschland bis heute nicht sehr bekannt – und oft bleibt es unerkannt. Kneilling sagt: „Da es aufgrund der verzögerten Symptomatik, drei bis sechs Stunden nach dem Verzehr der Alpha Gal-haltigen Lebensmittel, zur Anaphylaxie (akute allergische Reaktion, Anm. d. Red.) kommt, wird es häufig, trotz stetig steigender Fallzahlen, nicht erkannt.“ Nach einem Abendessen mit Verzehr von Alpha-Gal-haltigen Lebensmitteln (rotes Fleisch) komme es deshalb zumeist erst im Laufe der Nacht im Bett zu Beschwerden. Der Zusammenhang mit dem Verzehr von rotem Fleisch werde daher zumeist nicht erkannt und die Beschwerden fehlgedeutet.

Überhaupt ist die Fleischallergie hierzulande erst seit der Jahrtausendwende bekannt. „In Deutschland und auch in unserer Region werden bereits seit der Erstbeschreibung des Alpha-Gal Syndroms Anfang der 2000er-Jahre Alpha-Gal-Syndrom-Patienten diagnostiziert“, berichtet Kneilling. Die Fälle habe es auch davor schon gegeben. „Man wusste zu der Zeit nur noch nicht, worum es sich handelt“, sagt der Arzt.

So kommt es zur allergischen Reaktion

Doch warum kommt es zu allergischen Reaktionen nach dem Genuss von Fleisch? Schuld ist laut Kneilling ein Zucker namens Galactose-Alpha-1,3-Galactose, kurz Alpha-Gal. Er kommt bei fast allen Säugetieren vor, nicht jedoch beim Menschen. „Auslöser sind zumeist Zeckenstiche. Hierbei übertragen die Zecken Alpha-Gal-haltige Moleküle und Speichelproteine in die Haut von Menschen. Das Alpha-Gal wird vom Immunsystem des Menschen als fremd erkannt. Dies führt zur Aktivierung des Immunsystems und schließlich zur Bildung von spezifischen Antikörpern gegen Alpha-Gal.“ Wirtstiere für Zecken seien vor allem Säugetiere wie Nagetiere und Rehe, bei denen sich Alpha-Gal im Blut befindet, der Mensch sei ein Fehlwirt.

Verzehrt ein Mensch mit Alpha-Gal-Syndrom dann beispielsweise Alpha-Gal-haltiges Rindfleisch, kommt es aufgrund der spezifischen Antikörper gegen Alpha-Gal zu allergischen Reaktionen wie Nesselsucht, Juckreiz, Übelkeit, Bauchschmerzen, Durchfall, Atemnot oder Kreislaufkollaps.

Einige Berufsgruppen besonders gefährdet

Je mehr Zeckenstiche im Laufe des Lebens, umso höher sei die Wahrscheinlichkeit einer Sensibilisierung und einer Allergie gegenüber Alpha-Gal, sagt Kneilling. „Deshalb sind Menschen, welche im Laufe ihres Lebens häufig von Zecken gestochen werden, (Gärtner, Jäger, Landwirte) besonders gefährdet.“

Was ist zu tun, wenn man am Alpha-Gal-Syndrom leidet?

Ratschläge von Manfred Kneilling
Zur Vermeidung potenzieller lebensbedrohlicher allergischer Reaktionen ist für Alpha-Gal-allergische Patienten laut Kneilling der konsequente Verzicht auf Nahrungsmittel mit hohem Alpha-Gal-Gehalt erforderlich. Dazu zählt Säugetierfleisch („rotes Fleisch“): Rind, Schwein, Schaf, Ziege, Wild. Der Arzt sagt: „Bei Alpha-Gal-Syndrom-Patienten besteht ein gesteigertes Anaphylaxie-Risiko beim Verzehr von Organen mit besonders hoher Alpha-Gal-Konzentration: Niere, Leber, Milz, Lunge, Herz, Darm, Thymus. Deshalb: Vorsicht vor Wurstwaren (Leber-/ Blutwurst) und Gerichten mit Innereien.“ Auch Kuh-, Schaf- und Ziegenmilch und deren Produkte enthalten Alpha-Gal, allerdings in deutlich geringerer Konzentration als „rotes Fleisch“. „Deshalb tolerieren die meisten Alpha-Gal-allergischen Patienten Milch sehr gut“, sagt Kneilling. Vorsicht ist auch beim Verzehr von Gelatine-haltigen Produkten wie Süßwaren, Kapselhüllen, Desserts, Gummibärchen oder Marshmallows geboten. Alpha-Gal-allergische Patienten sollten außerdem berücksichtigen, dass auch Lebensmittelzusatzstoffe tierischen Ursprungs Alpha-Gal-haltig sind (zum Beispiel Rinderfett, Talg, bestimmte Aromen oder Bindemittel).