Patrick Bernau beim Studium Generale an der Dualen Hochschule in Lörrach Foto: Willi Adam

Bürokratie ist ein Übel, das an der Wurzel gepackt werden muss, meint Autor Patrick Bernau bei einem Vortrag in Lörrach. Dabei sollte man aber nicht jede sinnvolle Regel ausmerzen.

Würde man in all den gesellschaftlichen und politischen Debatten die Häufigkeit bestimmter Wörter ermitteln, dann landeten „Bürokratie“ oder „Bürokratieabbau“ gewiss unter den Top en. Weil bei derart inflationär verwendeten Begriffen stets eine gewisse Skepsis dahingehend angesagt ist, ob in ihrer Popularität nicht auch Populismus mitschwingt, wollte es der Journalist und Ökonom Patrick Bernau genauer wissen.

 

Das Ergebnis wissenschaftlicher Analyse und klassischer journalistischer Recherche hat er in einem Buch mit dem Titel „Bürokratische Republik Deutschland“ zusammengetragen, das am Dienstagabend Grundlage eines Vortrags im Rahmen des Studium Generale an der Dualen Hochschule Lörrach (DHBW) war.

Großes Publikumsinteresse

Das außergewöhnliche Interesse – im großen Endreß-Auditorium waren fast alle Plätze besetzt – deutete darauf hin, wie sehr das Thema die Menschen umtreibt. Einfache Patentrezepte vermittelte der Abend jedoch nicht. Der Referent beschrieb den Handlungsdruck und die Tücken bei der Problemlösung zwar eindringlich, aber dennoch frei von Polemik oder politischer Parteinahme.

Wie sehr Bürokratie bleiern auf vielen Bereichen unseres Lebens lastet und wie sehr Bürokratie absurderweise ihrer eigenen Überwindung entgegensteht, erläuterte Bernau an glaubwürdigen Befunden und Beispielen. So wurden laut Studien in Deutschland in den letzten Jahren deutlich mehr als die Hälfte aller neuen Stellen für bürokratische Zwecke geschaffen. Hätte im Jahr 2010 ein konsequenter Bürokratieabbau eingesetzt, könnte das Bruttoinlandsprodukt, also die jährliche Gesamtleistung der deutschen Volkswirtschaft, um 140 Milliarden höher liegen.

Gute Absichten dahinter

Allein diese Berechnung, angestellt vom glaubwürdigen Ifo-Institut, zeigt, dass sich mit der Lösung des Bürokratieknotens gleichsam ein Großteil unserer Probleme in Luft auflösen würde.

Aus solchen Befunden einfach abzuleiten, Bürokratie sei grundsätzlich von Übel und müsse beseitigt werden, greift nach Patrick Bernau zu kurz. Mehrfach betonte der Autor bei seinem Vortrag in Lörrach, dass trotz der allgemein negativen Konnotation hinter dem Begriff letztlich die gute und sinnvolle Absicht stehe, Dinge zu regeln, Gerechtigkeit herzustellen oder politischen Willen umzusetzen. Doch in aller Regel habe der bürokratische Wildwuchs bereits so sehr um sich gegriffen, dass Politik und Gesellschaft gar nicht mehr bis zum Kern der Güterabwägung vordringen könnten. Oder anders gesagt: Die meisten bürokratischen Wucherungen ließen sich laut Bernau beseitigen, ohne dass davon die Fragen, wie viel Sozialstaat wir uns leisten können, wie viel Klimaschutz sein muss und welches Gesundheitssystem finanzierbar ist, überhaupt tangiert werden.

Zu viele sind zuständig

Bernau machte diese These an Beispielen fest. So sei nichts gegen die gründliche Überprüfung und Zertifizierung von Krankenhäusern zu sagen. Allerdings müssten solche Verfahren für zahlreiche Teilbereiche nicht immer wieder aufs Neue komplett alle Daten erheben.

Am Beispiel eines norddeutschen Straßenbauprojekts erläuterte er, dass nicht eigentlich die naturschutzrechtlichen Auflagen ein Hindernis sein müssen, wohl aber die damit zusammenhängenden Abläufe auf Landes-, Bundes- und Europaebene. Am Beispiel sozialstaatlicher Leistungen führte der Autor vor Augen, dass ein Wirrwarr an Zuständigkeiten, Vorschriften und sich überlappende Leistungen den eigentlich guten Zweck der Hilfe völlig verstellen.

Heckenschere statt Säge

Weniger wäre mehr, lautet deshalb eine zentrale Botschaft des Abends. Eine weitere war an die Politik gerichtet: Weniger Aktionismus bei der Gesetzgebung und dafür weniger Gesetze, die dann aber auch auf ihre Wirksamkeit überprüft werden müssen, lautet hier Bernaus Rat.

Was also tun? Die Kettensäge ansetzen? Diesbezügliche Fragen aus dem Publikum verneinte Bernau. Stattdessen empfiehlt er die Heckenschere als probates Werkzeug. Mit ihr ließen sich die Dinge auf ein sinnvolles Maß zurechtstutzen, ohne gleich jede sinnvolle Regel niederzumachen.