Im Weinberg werden derzeit die Weichen für den Jahrgang gestellt. Gleichzeitig steht die Branche unter Druck, weil der Weinkonsum sinkt und die Kosten steigen.
Das Frühjahr ist eine sensible Zeit für Winzer. Im April entscheidet sich noch kein Jahrgang – aber die Weichen werden gestellt. Wer jetzt nach Prognosen für das Weinjahr fragt, kommt nicht weit. Zu viel kann noch passieren. Der größte Unsicherheitsfaktor bleibt der Frost, mit dem Winzer bis tief in den Mai rechnen müssen.
„Der Austrieb war sehr früh“, sagt der Schliengener Winzer Thomas Harteneck. Er produziert bio-organischen Wein nach demeter-Prinzipien. Dass die Vegetationsphase im Schnitt immer früher beginnt, ist eine Folge des Klimawandels. Prinzipiell sei das zunächst unproblematisch, sagt Harteneck – die Gefahr, die Triebe durch späten Frost wieder zu verlieren, sei dadurch aber besonders groß.
Eine frühe Blüte bedeute oft auch eine frühe Lese. Entsprechend habe sich auch die Ernte längst in den August vorgezogen. Harteneck verweist auf das Jahr 2020. Damals gab es ebenfalls einen frühen Austrieb – danach sorgten warme, trockene Bedingungen für reife, aromatische Weine.
Blüte und Reife entscheiden über Ertrag
Ob das auch dieses Jahr so sein wird, ist längst nicht ausgemacht. Bis zur Lese folgen noch mehrere kritische Phasen. Vor allem die Blüte im Juni, die den Ertrag bestimmt, sowie die spätere Reifezeit, die für Aroma und Zuckergehalt verantwortlich ist. Ein Problem ist für Harteneck die bisherige Niederschlagsverteilung: „Die Niederschläge im letzten Winter waren nicht ausreichend, um eine gute Grundversorgung für die Sommerzeit zu haben. Eine gute Regenverteilung über die Vegetationsperiode war in den letzten Jahren schon nicht mehr gegeben.“ Falls es im Gesamtjahr zu Wasserknappheit kommt, sei ein besonderes Begrünungsmanagement vonnöten. Was das bedeutet: Die Begrünung wird reduziert oder angepasst, damit sie den Reben nicht zu viel Wasser entzieht – auch wenn das zeitweise weniger Vielfalt im Weinberg bedeutet. Winzer wie Harteneck, die für Bioanbau einstehen, befürworten grundsätzlich eine Begrünung – aus Gründen der Biodiversität und zum Schutz vor Erosion. Aber: Sie steht in Konkurrenz zu den Reben, was das verfügbare Wasser betrifft. „Wir wollen ja auch im Herbst etwas zum Ernten haben“, sagt Harteneck. Die Begrünung könne man schließlich „nicht in Flaschen füllen“.
Harteneck sieht die Branche insgesamt im Wandel: „Der deutsche Weinbau erlebt eine Zäsur.“ In Baden hat sich die Rebfläche 2025 um 312 Hektar reduziert. Mittlerweile wird darüber debattiert, ob Rodungsprämien eingeführt werden sollen, wie in der Schweiz. Dort erhalten Weinbauern Geld, wenn sie in den kommenden zwei Jahren Rebberge stilllegen.
Sorge um das Kulturgut Wein
Verantwortlich für die Weinkrise ist vor allem der sinkende Weinkonsum, gerade bei Jüngeren. Weniger Alkohol – grundsätzlich eine positive Entwicklung. Für Harteneck bleibt dabei aber die Genussmentalität auf der Strecke. Auch an das Ersatzprodukt alkoholfreier Wein als Rettung für die Branche mag er nicht glauben: „Meiner Meinung nach ist das ein Marktsegment mit begrenztem Potenzial und wird den rückläufigen Konsum insgesamt nicht auffangen können.“
Sinkender Konsum, stark gestiegene Betriebskosten: Wie die Winzer mit der Krise umgehen können, darauf gebe es keine allgemeingültige Antwort: „Wir haben eine so vielfältige Weinszene – letztlich ist das auch ein Qualitätsmerkmal für unsere einzigartige Kulturlandschaft. Das bedeutet aber auch, dass jeder Betrieb die Zukunftsfrage individuell beantworten muss.“
Etwas mehr Anerkennung für den Stellenwert des heimischen Weinbaus wäre Harteneck lieb: Dass die Deutschen im Gegensatz zu den französischen Nachbarn den eigenen Wein nicht schätzen, stößt ihm sauer auf. Er appelliert daran, dem jahrhundertealten Kulturgut Wein mehr Pflege angedeihen zu lassen – das gelte auch beim Einkauf.
Spätburgunder statt Rioja, Riesling statt Sauvignon Blanc aus Frankreich: „Es geht schon darum, Wein vorrangig von dort zu kaufen, wo man lebt“, sagt Harteneck. Die Winzer tragen zum Erhalt der Weinlandschaft bei, die viele Menschen zur Erholung und in ihrer Freizeit nutzen – und das zum Nulltarif, sagt Harteneck. Für ihn ist klar: „Die Weinkrise wird auch Einfluss auf die Kulturlandschaft haben, die wir so sehr schätzen.“