Beim Besuch des Grünen-Spitzenkandidaten Cem Özdemir in der Waldlust platzte der große Festsaal aus allen Nähten. Auch die Stimmung war richtig gut.
Es waren bei weitem nicht nur die Parteifreunde und Anhänger der Grünen, die am Freitagnachmittag die Gelegenheit genutzt haben, den „vielleicht nächsten Ministerpräsidenten“ live in der Waldlust zu erleben. Gut gelaunt, witzig und eben auch ausgesprochen unterhaltsam – nicht unbedingt die herausragendsten Eigenschaften eines jeden Berufspolitikers – präsentierte sich der „anatolische Schwabe“, wie er sich selbst gerne nennt, seinem Publikum.
Für die gekonnte musikalische Umrahmung mit Swing, Latin und Jazz sorgte ein Trio, für den roten Faden Moderatorin Annette Maria Rieger. Dies auf Basis von Fragen, die die Besucher beim Einlass auf Bierdeckel geschrieben hatten. Zunächst dankte Özdemir aber der anwesenden Polizei und rief anlässlich der unsicheren politischen Weltlage in Erinnerung, in welch großartigem und auch freien Land wir leben. In Anbetracht der unberechenbaren Zollpolitik eines Donald Trump – „ein Mann der sich für den Friedensnobelpreis in’s Gespräch bringt, weil er Kriege zwischen Staaten löst, die überhaupt nie Krieg miteinander hatten“, riet er dazu, amerikanische Tech-Konzerne, die hier ihr Geld verdienten, unter EU-Recht zu stellen oder potenzielle chinesische Investoren zu verpflichten, zumindest das Zubehör, das sie bräuchten, hier einzukaufen.
Klare Worte zur internationalen Wirtschaftspolitik
Scharf kritisierte er den Kauf der Bahn von Elektrobussen in China und den Kauf der baden-württembergischen Polizeisoftware bei Palantir in den USA. Als Ministerpräsident werde er das Gespräch mit der Wirtschaft suchen und dafür sorgen, dass das nächste Palantir aus Europa kommt. Dasselbe gelte für Autobatterien. Özdemir witzelte über Erdogans Abneigung gegen seine Person: „Wenn er mich nicht möchte, hab ich ein paar Dinge richtig gemacht“ und kritisierte es, Vorschläge in der Politik danach zu behandeln, von wem sie gekommen seien. Deshalb werde er selbstverständlich auch mit dem bekannten „Foodblogger aus Bayern, der nebenbei Ministerpräsident ist“, zusammenarbeiten.
„Der nächste Ministerpräsident von Baden-Württemberg braucht einen Bezug zu Freudenstadt“
In Bezug auf Bürokratieabbau präsentierte er die Idee eines Effizienzgesetzes. Unterhaltsame Seitenhiebe auf die Bahnpolitik und Özdemirs Hinweis auf seine damals im Oberlinhaus absolvierte Erzieherausbildung vor dem Studium – „Ich finde, der nächste Ministerpräsident von Baden-Württemberg braucht einen Bezug zu Freudenstadt“ – sorgten für freudigen Beifall im Raum. Anhand der eigenen Bildungsbiografie und seines familiären Hintergrundes plädierte Özdemir für Chancengleichheit im Bildungssystem und dafür, Potenziale schon vor der Einschulung zu fördern. Özdemir outete sich als Anhänger einer Altersgrenze von TikTok und Instagram. Das letzte Kita-Jahr müsse verpflichtend und kostenlos sein. Dass ein Master umsonst sei und der Meister nach wie vor nicht, sei eine „sozialpolitische Sauerei ersten Ranges“. Er bezeichnete es in der Fragerunde als persönliche Verpflichtung, die AfD am weiteren erstarken zu hindern. Das abschließend aufgerufene Wolfsthema und die Abschussfreigabe durch die Landesregierung betrachtete Özdemir differenziert, warnte aber davor, das Thema zum Kulturkampf zu erheben.
Region stärken, Zukunft sichern
Wahlkreiskandidat Daniel Belling warnte in seiner kurzen Ansprache davor, sich von Kräften, die die Demokratie zersetzen wollten, spalten zu lassen. „Das lassen wir nicht zu.“ Demokratie lebe auch von Streit, aber auf Augenhöhe. Belling würdigte das Ehrenamt, das für Zusammenhalt sorge. Die Region brauche eine starke Infrastruktur, damit junge Menschen auch bleiben oder gerne zurückkehren. Junge und gut ausgebildete junge Leute brauche man auch, um das Land voranzubringen. Deshalb müsse man diese jungen Leute, die unter der Coronapandemie gelitten hätten, auch mental mit niederschwelligen Angeboten unterstützen, um deren mentale Gesundheit zu erhalten oder wiederherzustellen. Die Kappung der Gäubahn müsse man so kurz wie möglich halten. Wer ein Anliegen habe und gehört werden wolle, der solle auf ihn zukommen. Unruhige Zeiten erforderten eine Landesführung mit Ruhe, Augenmaß und Erfahrung. Özdemir bringe all das mit und verwurzelt in der Region sei er auch noch. „Da ist jemand der weiß, wie es geht.“