Florian Kling freut sich bis heute „wie ein Honigkuchenpferd“ über seine Arbeit. Foto: Kamuf

Halbzeit für Calws Oberbürgermeister. Die ersten vier Jahre seiner Amtszeit waren geprägt von Krisen. Doch darauf will Florian Kling seine Arbeit nicht reduziert wissen. Seine Bilanz gibt ihm Recht. Was angestoßen wurde, muss nun umgesetzt werden – und noch mehr soll kommen.

Am 2. Dezember 2019 – der 1. war ein Sonntag – nahm Florian Kling erstmals als Calws Oberbürgermeister auf dem Chefsessel Platz. Die Hälfte der achtjährigen Amtsperiode ist vorbei.

 

„Unglaublich, wie die Zeit vergeht“, sagt Kling, als er sich zum Gespräch mit unserer Redaktion trifft. Für ihn fühle sich vieles noch gar nicht nach Halbzeit an, erzählt er – und noch immer freue er sich „wie ein Honigkuchenpferd“, wenn er daran denke, welche Aufgabe er verrichten darf.

Krisen Dabei begann Klings Arbeit alles andere als reibungslos. Noch bevor er richtig starten konnte, rutschte er – zusammen mit dem Rest der Welt – in den Krisenmodus. Corona griff ab März 2020 um sich, legte Wirtschaft und öffentliches Leben lahm. Nun musste er sich beweisen.

Und vielleicht kam dem Oberbürgermeister hier sein „Sicherheitsdenken“ zugute, ein Überbleibsel der Bundeswehrlaufbahn des Hauptmanns der Reserve.

Corona-Maßnahmen und Flüchtlingsunterkünfte

Denn Kling begann schnell, die Krisenbewältigung in Angriff zu nehmen, ließ etwa Desinfektionsmittel selbst produzieren, als es überall knapp wurde, oder schloss sich einige Monate später mit Althengstett zusammen, um ab Anfang 2021 Antigentests für Erzieher anbieten zu können – lange, bevor es flächendeckend Teststationen gab.

Als im Februar 2022 Russland die Ukraine angriff, bemühte sich die Stadt rasch um Wohnraum. Im Unterschied zu vielen anderen Kommunen im Land konnte Calw dadurch sogar mehr Flüchtlinge aufnehmen, als der Verteilungsschlüssel es vorschreiben würde.

Projekte Doch Kling ist es wichtig, seine Arbeit nicht auf Krisenmanagement reduzieren zu lassen. „Es ist trotzdem unheimlich viel passiert“, unterstreicht der Oberbürgermeister.

Kling stellte beispielsweise die Bürgerbeteiligung auf neue Beine, schuf das Bürgerforum Innenstadt und einen Jugendbeirat. Unter seiner Regie entstand das Sanierungsgebiet Nördlicher Stadteingang, das in den kommenden Jahren eine Aufwertung desselben erleichtern soll. Nicht zu vergessen auch die Umgestaltung des Stadtgartens oder die Belebung der Innenstadt, die durch Millionen an Fördergeldern vorangetrieben werden soll. Oder die Digitalisierung der Schulen, unter anderem mittels Glasfaser sowie digitaler Tafeln.

Nicht voll umgesetzt, nur angestoßen

Viele dieser Projekte sind noch längst nicht voll umgesetzt, nur angestoßen. Gerade angesichts des aktuell besorgniserregenden Milliarden-Lochs im Bundeshaushalt kann der Oberbürgermeister indes auf einen Vorteil verweisen: Fördermittel, die bereits bewilligt sind. Ob es in der kommenden Zeit noch große Zuschüsse von Bund oder Land geben wird, scheint dagegen fraglich.

Fördermittel Bereits während Corona, so berichtet Kling, habe die Stadt für etliche Projekte den Hut in den Ring geworfen, um an Zuschüsse zu kommen – und sicherte sich so Gelder in mehrfacher Millionenhöhe, etwa für die Innenstadt, das Hesse-Museum, die Gemeindehalle Stammheim oder den Stadtgarten. Geld, das jetzt „verarbeitet“ werden kann.

Niederlagen Nicht alles, was Kling anpackte, war indes von Erfolg gekrönt. Darunter fällt die Entwicklung des Deckenfabrik-Areals. Im Sommer dieses Jahres brach die Stadt nach drei Jahren Verhandlungen die Gespräche ab – weil keine gemeinsame vertragliche Grundlage gefunden worden sei. Ein Wermutstropfen, bekennt der Oberbürgermeister.

Deutlich gescheitert

Auch das Vorhaben, den Verkehr in der Innenstadt neu zu regeln, um diesen zu reduzieren (unter anderem mit Einbahnstraßen), scheiterte erst vor Kurzem deutlich – weil weder Anwohner noch Gemeinderat sich mit den Einzelheiten anfreunden konnten.

Und nicht zuletzt ist Kling auch über immer wieder vorkommende Verzögerungen nicht glücklich. Kommunalpolitik, so sagt er aber, sei eben manchmal „das Bohren dicker Bretter“ – unter anderem aufgrund von Bürokratie.

Verwaltungs-„Wandel“ Hinter all dem steckt jedoch auch viel Arbeit „im Verborgenen“. Denn ohne seine „hervorragende Verwaltung“, wie er sie nennt, könnte der Oberbürgermeister wenig ausrichten.

Ein Schritt von vielen

Und diese, so erzählt Kling, wollte er von Anfang an mitnehmen, teils umstrukturieren und mehr ineinandergreifen lassen. Dazu brauchte es auch eine Strategie sowie eine Position, von der aus die Zusammenarbeit bei Vorhaben koordiniert werden kann. Die Stabstelle Strategie und Projekte war geboren. Ein Schritt von vielen, um die Verwaltung mehr zusammenwachsen zu lassen und flexibler aufzustellen.

Arbeitsphilosophie Viele Themen, mit denen er heute zu tun hat, waren Kling zu seinem Amtsantritt noch vergleichsweise fremd. Für ihn gehört es bis heute daher dazu, „ganz tief in Themen einzusteigen“ und „sich auch mal dreckig zu machen“ – also selbst eine Aufgabe der Kollegen zu erledigen, um sie zu verstehen. „Mein Schrank daheim ist voll mit Lehrbüchern“, verrät der Oberbürgermeister. Auf die nicht ganz ernst gemeinte Frage, ob er eigentlich auch „nur“ 40 Stunden arbeite, muss Kling grinsen. „Bissle mehr“, meint er dazu nur.

Ausblick In der zweiten Hälfte seiner Amtszeit, so verrät der Oberbürgermeister, soll nun die Entwicklung der Stadtteile mehr in den Fokus rücken, nachdem in den ersten vier Jahren vor allem die Kernstadt im Mittelpunkt stand. Unterdessen gibt es natürlich auch in der Kernstadt noch einiges abzuarbeiten. Anlässlich seiner „Halbzeit“ plant Kling zudem, Bürgergespräche in jedem Ort anzubieten.

Solange er es als sinnstiftend empfindet

Und danach? Kling ist deutlich: Solange er seine Arbeit als sinnstiftend empfinde, er das Gefühl habe, etwas bewegen zu können, und solange die Bürger das ebenso wollen, möchte er Oberbürgermeister bleiben.