War es das jetzt mit Bildungsgerechtigkeit und kostenloser pädagogischer Ganztagesbetreuung? Rektoren und Elternvertreter befürchten das Schlimmste.
„Zurück auf Null“, kommentierte Tino Berthold, Vorsitzender des Gesamtelternbeirates Schulen VS, den Ausgang der Gemeinderatssitzung am Mittwoch.
Für die anwesenden Schulleiter und Schulleiterinnen der betroffenen fünf Ganztagsschulen war die Abstimmung für die „Rückabwicklung des Ganztagsbetriebes“ ein Schlag ins Gesicht. Eine der vielen anvisierten Sparmaßnahmen der Stadt. Am Mittwoch, 25. März, soll der Haushalt und damit auch das Sparpaket verabschiedet werden.
„Wir sind maßlos enttäuscht“, äußerte sich Elmar Dressel, Leiter der Villinger Südstadtschule, und damit einer der Leiter der fünf Schulen in der Doppelstadt, die Ganztagsschulen sind. Maßlos enttäuscht darüber, dass in der Bildungspolitik neue, respektive alte Wege eingeschlagen werden sollen: Die Stadt möchte künftig die Nachmittagsbetreuung stellen.
Bildungsgerechtigkeit?
Mit der Folge, dass Lehrkräfte abgezogen werden, die sich mit pädagogischen Kräften bislang die Betreuung teilen. Das „verzahnte Zusammenspiel von staatlichen Lehrkräften und städtischem pädagogischen Personal in der Mittagspause, der Hausaufgabenbetreuung sowie den Nachmittagsangeboten“ sei damit passé. Mit der Folge, so Dressel, im Gespräch mit unserer Redaktion, dass „wir uns von der Bildungsgerechtigkeit verabschieden und die Schule zum reinen Aufbewahrungsort wird.“ Der ursprüngliche Gedanke einer Ganztagsschule, die Bildungsgerechtigkeit, werde so „ad absurdum geführt“.
Nicht mehr kostenlos
Und noch einen weiteren Kritikpunkt sprechen die beiden an. Das neue Angebot soll nicht mehr kostenlos sein. Der einzige Vorteil, den Tino Berthold erkennen kann: Betreuungs-Module können flexibel gewählt werden.
Doch die meisten Eltern wählen ohnehin das Ganztagsmodell und „die müssen nun zahlen“. Und dies nicht wenig: Rund 70 Euro im Monat würden dann fällig. „So geht die Bildung vor die Hunde, und dann kostet es auch noch Geld.“
Der Brandbrief
Was Berthold in knappe Worte fasst, formulierten die betroffenen fünf Schulleiter in einem Art Brandbrief an Stadtspitze und Gemeinderat, vor der Sitzung am 11. März.: „Jeder junge Mensch hat ohne Rücksicht auf Herkunft oder wirtschaftliche Lage das Recht auf eine seiner Begabung entsprechende Erziehung und Ausbildung. Staat, Gemeinden und Gemeindeverbände haben die erforderlichen Mittel (…) bereitzustellen.“
Dieser Grundsatz werde durch die kostenlose Ganztagsbetreuung in besonderer Weise gewährleistet. Auch einem Kind bildungsfernerer Schichten oder ausländischer Eltern müsse es gestattet sein, ganztägig zu lernen oder sich die deutsche Sprache aneignen zu können.
„Viele Eltern wünschen sich die Beschulung an einer Ganztagsschule nicht nur, damit ihr Kind ’versorgt’ ist, sondern weil sichergestellt wird, dass die Kinder ganztägig lernen können“, heißt es weiter. Und: „ Die Unzufriedenheit von etwa 3600 Eltern unserer Kinder über unvermittelt anfallende Gebühren ist nicht zu unterschätzen, zumal die Kinder von Nachbargemeinden kostenlos die Ganztagsschule besuchen können.“
Die Brief endet mit einem Angebot: „Die Schulleitungen der fünf Ganztagsschulen sind sich bewusst, dass die Stadt große Einsparungen tätigen muss und wir sind bereit uns hier einzubringen.“
Fünf Ganztagsschulen gibt es in Villingen-Schwenningen. In Villingen sind dies die Südstadtschule, die Haslachschule und die Klosterringschule, in Schwenningen die Gartenschule und die Friedensschule. Rund 1800 Schüler besuchen diese fünf Ganztagseinrichtungen.