Betriebsratschef Frank Sell wählt deutliche Worte in Richtung Konzernführung. Foto: Bosch

Bosch hat scheibchenweise den geplanten Abbau von mehr als 3500 Stellen angekündigt. Besonders betroffen ist die Sparte Autozulieferung. Betriebsratschef Frank Sell spricht von einem Kulturwandel und sagt, warum er die Streichungen nicht akzeptiert.

Es ist die herausforderndste Zeit, die Frank Sell in seiner schon langen Tätigkeit als Mitarbeitervertreter bei Bosch gerade erlebt. Dabei treiben den Betriebsratschef nicht nur die Entwicklungen in seinem Konzern um, sondern auch die der gesamten deutschen Autoindustrie. „Wir rasen mit 200 auf eine Wand zu, und keiner wagt es, als Erster zu bremsen“, sagt Sell.

 

Herr Sell, Bosch gilt seit jeher als ein verantwortungsvolles und soziales Unternehmen. Ist diese Einschätzung noch gültig, nachdem nun mehr als 3500 Stellen gestrichen werden sollen?

Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Auf der einen Seite sind da die gewaltigen Umbrüche, die bewältigt werden müssen. Hinzu kommt die Unsicherheit auf den Märkten. Niemand kann heute sagen, wie sich konkret welche Technologie in den nächsten Jahren entwickelt. Da kommen viele Unternehmen an ihre Grenzen.

Und auf der anderen Seite?

Bosch treibt die Transformation mit einer besorgniserregenden Fülle von Maßnahmen, mit hohem Tempo und brachialer Gewalt voran – und das nicht nur über Stellenabbau, sondern auch mit der Forderung, die Arbeitszeit abzusenken. Und das alles, obwohl wir keine Wirtschaftskrise im eigentlichen Sinne haben und Bosch positive Geschäftszahlen vorweisen kann. Trotzdem will man das Personal abbauen und das Entgelt der Beschäftigten absenken. Ich sehe in diesem harten Durchgreifen schon einen Kulturwandel.

Erwarten Sie bereits die nächste Hiobsbotschaft für die Beschäftigten, nachdem nun auch im Werkzeug-Bereich weitere 560 Stellen gestrichen werden sollen?

Aktuell scheint es keine weiteren Hiobsbotschaften für die Beschäftigten im Mobility- Bereich in nächster Zeit zu geben. Aber das macht dem Betriebsrat schon genug zu schaffen. In diesen verrückten Zeiten halte ich aber meine Hand nicht ins Feuer, dass dies lange Bestand hat. Die technologischen Umbrüche der Transformation werden gerade den Zulieferern noch extrem viel abverlangen.

Anders als börsennotierte Konzerne muss Bosch keine Aktionäre bei Laune halten und könnte teure Technologien mit einem längeren Atem vorantreiben. Trotzdem werden neue Technologien wie der Lasersensor nicht weiterverfolgt. Bei Batteriezellen fürs E-Auto steigt man erst gar nicht ein. Was bedeutet der Verzicht auf Technologien für die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens?

Man weiß immer erst hinterher, ob man richtig oder falsch lag. Ganz klar ist für mich aber: Bosch ist technologisch hervorragend aufgestellt, wir haben super Leute und gute Ideen. Wenn wir bei Bosch die Transformation nicht hinbekommen, wer dann? Bei den Themen Brennstoffzelle und Wasserstoffmotor sind wir weltweit ganz vorne. Wir haben dafür alles, nur die Infrastruktur fehlt. Deshalb müssen wir auch dafür kämpfen, dass diese Technologien in Deutschland angesiedelt werden.

Ist Deutschland hier auf Kurs?

Das Produktportfolio im Bereich Wasserstoff könnte eine riesige Wertschöpfung mit sich bringen, wird aber stiefmütterlich behandelt. In Feldern wie dem Transportwesen sehe ich enorme Chancen. Stattdessen wird darüber geredet, dass wir ganz wenig Wasserstoff haben und es von Anfang an nur grünen Wasserstoff geben darf. Was dabei vergessen wird: Unser Strom ist tiefbraun und nicht grün, wie wir es gerne hätten. Wir brauchen große Mengen Wasserstoff, auch wenn er wegen des Strommix zunächst nicht komplett grün ist. In diesem Bereich könnten wir Weltmarktführer sein. Wir haben tolle Ideen und Produkte, doch dem stehen in Deutschland gerade mal zwei Wasserstofftankstellen für Lkw gegenüber. Da kann einem das Herz bluten. Wir stehen mit der Technologie bereit. Was wir brauchen, ist Wasserstoff, Wasserstoff, Wasserstoff . . .

Die Region Stuttgart ist vom Stellenabbau besonders betroffen. Hätte sich das nicht auch anders verteilen lassen?

Die Frage lautet doch: Müssen wir die Stellen überhaupt streichen? Dass ausgerechnet im Software-Bereich gekürzt wird, ist aus unserer Sicht zu kurz gedacht. Um schnell bessere Zahlen zu schreiben, wird heute Personal abgebaut. Und in zwei Jahren reden wir darüber, dass uns die Software-Ingenieure fehlen. Wir lehnen den Personalabbau ab, gerade weil Bosch so viele Chancen in neuen Technologiefeldern hat. Dass die Veränderungen nur zulasten der deutschen Standorte gehen sollen, wird nicht akzeptiert.

Auch die Autohersteller haben Probleme mit der Beschäftigung und ziehen immer mehr Aufträge an sich, die früher an Zulieferer gegangen wären. Geht die Jobsicherung der Hersteller zulasten der Zulieferer?

Insbesondere im Bereich der Elektromobilität wird die Wertschöpfung geringer. Außerdem gibt es viel mehr Wettbewerber, als wir das aus der Vergangenheit gewohnt waren. Als Drittes kommt dazu, dass die Autohersteller mehr selbst machen wollen, um die eigenen Leute auszulasten. Das Kuchenstück wird jetzt also dreifach kleiner. Der Kampf um die Wertschöpfung der Elektromobilität allein wird die Herausforderung der Transformation nicht lösen. Zulieferer, Hersteller und die Politik müssen alle an einem Strang ziehen für eine erfolgreiche Industriepolitik in Deutschland.

In der Mobilitätssparte von Bosch soll es bis Ende 2027 keine betriebsbedingten Kündigungen in Deutschland geben. Lässt sich das halten?

Diese Vereinbarung ist wichtig, und die Beschäftigungssicherung bis Ende 2027 hat Bestand. Sie gibt den Beschäftigten Sicherheit. Trotzdem mache ich mir um die Beschäftigung in Deutschland Sorgen. Im deutschen Mobility-Bereich wurden in den letzten vier Jahren schon 4000 Stellen abgebaut. Nun stehen weitere 3000 im Raum. In den nächsten sieben, acht Jahren scheiden viele der Beschäftigten altersbedingt aus. Dadurch wird der Standort allerdings stark geschwächt. Gleichzeitig sehen wir einen Personalaufbau in anderen Weltregionen und Niedrigkostenstandorten.

War diese Entwicklung zwangsläufig?

Es ist schon lange absehbar gewesen, dass Produkte für den Verbrenner auslaufen werden. Da hätte man früher umsteuern können. Zum Beispiel wurden bis vor Kurzem noch Hunderte Beschäftigte im Software-Bereich eingestellt. Jetzt sollen die gut qualifizierten Menschen für viel Geld wieder abgebaut werden. Das versteht niemand. Es handelt sich um einen hausgemachten, von der Firma verursachten Strukturbruch.

Wie lässt sich die Lage stabilisieren?

Wir wollen mit dem Management über Chancen für die deutschen Standorte sprechen und nicht nur über Personalabbau. Mit der Politik sollten wir noch einmal gemeinsam überlegen, was ein vernünftiger Plan zur CO2-Reduzierung ist, ohne den Ast abzusägen, auf dem wir sitzen. Mir kommt es vor, als würden wir gerade mit Tempo 200 auf eine Wand zurasen, und keiner wagt, als Erster auf die Bremse zu treten. Das ist bedrohlich, wir sind hier nun mal auf die Autoindustrie angewiesen. Bei aller Wertschätzung: Wir brauchen in der Region Stuttgart auch Industrie und können nicht nur von unseren Dichtern und Denkern leben.

Frank Sell

Amt
Der 48 Jahre alte Frank Sell ist seit knapp vier Jahren Gesamtbetriebsratschef Mobility Solutions der Robert Bosch GmbH. Auf den Bereich Autozulieferung entfallen rund 60 Prozent des Umsatzes. Weltweit arbeitet mehr als die Hälfte der rund 420 000 Mitarbeiter in diesem Bereich. Gleichzeitig ist Frank Sell auch Stellvertretender Vorsitzender des Bosch-Aufsichtsrats.

Werdegang
1992 begann Sell am Bosch-Standort Feuerbach eine Ausbildung zum Industriemechaniker. In Feuerbach startete er 1998 auch seine Tätigkeit für den Betriebsrat, dessen Vorsitzender er 2017 wurde. sto