Tamara Retzlaff war in Rottweil als Innenstadtmanagerin beim GHV angestellt. Doch seit der Corona-Impfung im vergangenen Jahr kommt sie gesundheitlich nicht mehr auf die Beine: eine Autoimmunreaktion. Sie verlor den Job und wendet sich nun mit ihrem Kampf gegen die Windmühlen des Systems an die Öffentlichkeit.
Rottweil - Besprechungen in der Arbeitsgruppe zum Rottweiler Innenstadtmanagement, Ideen für die nächste GHV-Aktion entwickeln oder Anfragen eines Einzelhändlers zu seinem Online-Auftritt beantworten, dann abends 20 Kilometer mit dem Rad zurück nach Hause. Arbeit, Aktivität, Sport – Tamara Retzlaff stand mitten im Leben, mitten im Geschehen, hatte ihre Work-Life-Balance gefunden. Seit August des vergangenen Jahres sieht das Leben der 28-Jährigen ganz anders aus, von Alltag will man gar nicht mehr reden. Seit Ihrer Corona-Impfung hat sie mit enormen körperlichen Einschränkungen zu kämpfen. "Meine Symptome sind umfassend", berichtet sie. Der Austausch findet schriftlich statt, denn eines ihrer größten Probleme ist, "dass ich mich kaum konzentrieren kann und Dinge vergesse. Vor allem hochgestochene Texte zu lesen, ist fast unmöglich." Für Telefonate oder gar eine direkte Unterhaltung ist sie nicht fit genug, selbst für E-Mails braucht sie mitunter mehrere Tage.
Bewusst für die Impfung entschieden
Sie hatte sich vergangenes Jahr bewusst dafür entschieden, sich impfen zu lassen. Lange wollte Tamara Retzlaff mit ihrer Leidensgeschichte nicht an die Öffentlichkeit zu gehen, "um kein Öl in das Feuer der Impfgegner zu gießen". Da sich an ihrer Situation jedoch nun seit sechs Monaten kaum etwas ändert, "es keine offizielle Anlaufstelle gibt und Facharzttermine eine Tragödie sind", hat sie sich mittlerweile anders entschieden. x-Mal sei mit dem immer gleichen Satz abgewiesen worden: Sie habe zwar klassische Long-Covid-Symptome, aber ohne positives PCR-Ergebnis könne sie nicht in der Long-Covid-Ambulanz, zur Reha oder sonstwas angenommen werden. Seit Monaten nagt es an ihr, abgespeist zu werden, ohne eine Anlaufstelle zu finden, bei der ihr geholfen wird. So fällt der Satz: "Hätte ich mich nicht für die Impfung, sondern für die Infektion entschieden, hätte ich wenigstens die Chance, Hilfe zu erhalten."
Ein Ärztemarathon
Besuche beim Hausarzt, Überweisungen zu Fachärzten wie Kardiologen, Lungenfachärzten oder Neurologen, unzählige Aufnahme-Versuche bei insgesamt 17 Long-Covid-Ambulanzen, immer wieder Schreiben an das Paul-Ehrlich-Institut, an das Bundesministerium für Gesundheit, an die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, an die Kassenärztliche Bundesvereinigung, an das Ministerium für Gesundheit in Baden-Württemberg oder auch an das Gesundheitsamt des Zollernalbkreises, Recherchen des gesamten persönlichen Umfelds zu möglichen Blutuntersuchungen, Kliniken und Anlaufstellen – der Alltag ist laut den Schilderungen von Tamara Retzlaff komplett auf den Kopf gestellt. Heute hat die 28-Jährige Probleme, einen kurzen Spaziergang auf ebener Fläche ohne Pause oder gar Ohnmacht zu absolvieren. Auf einem Surfbrett zu stehen, eine Wanderung durch eine Schlucht auf Kreta oder auf einer Bühne Schlager zu singen, sind wie Erinnerungen aus einem anderen Leben.
Long-Covid-Diagnose doch keine Corona-Infektion
Es ist eine Geschichte, die klingt wie der Kampf von Don Quijote gegen Windmühlen oder wie Sisyphos’ Abmühen am Berg: Eine Long-Covid-Diagnose in einem Arztbericht hilft nichts, wenn es keine Belege für eine Corona-Infektion gibt. Und die Charité in Berlin bestätigt zwar, dass es Fälle von Covid-Erkrankungen ausgelöst durch die Impfung gibt, das so genannte Post Vakzin Syndrom, aber aus Kapazitätsgründen sei es nicht möglich, eine Sprechstunde anzubieten. Für Retzlaff ist das ein Skandal: "Menschen, die die Erkrankung durch die Infektion haben, erhalten Hilfe, Menschen, welche die Erkrankung durch die Impfung haben, erhalten keine". Seit Monaten müht sich die 28-Jährige ab, Hilfe zu bekommen. "Obwohl ich mich kaum konzentrieren kann und sich mein Zustand durch die Anstrengung verschlimmert, bin ich jeden Tag mehrere Stunden (mit Phasen dazwischen, in welchen ich einschlafe oder vor Schmerzen nicht mehr kann) damit beschäftigt, zu recherchieren, Kliniken anzurufen, mich mit anderen Betroffenen auszutauschen", schreibt Tamara Retzlaff. Die gesamte Familie sei mit eingespannt.
Gleichzeitig höre sie von ihrem Hausarzt bei jedem Termin, "dass die Krankenkasse ihm Druck mache. Auch, dass der Medizinische Dienst eingeschaltet wurde, höre ich ständig". Ein Mitarbeiter der Krankenkasse habe ihr bei einem Anruf gesagt, sie solle doch einfach mal Antibiotika nehmen, dann werde die Autoimmunerkrankung schon wieder verschwinden. So habe sie sich in ihrer Verzweiflung mittlerweile zu einem Antrag auf Reha drängen lassen – im Bewusstsein, dass sie bisher keine Behandlung erhalten hat und die Krankenkasse sie nach der Reha in die Erwerbsminderung abgeben wolle. "Aber was soll ich machen, wenn ich keine andere Hilfe erhalte? Es ist unglaublich frustrierend, dass sich an meiner gesundheitlichen Situation nichts verbessert, der Druck durch die Krankenkasse aber stetig wächst".
Kampf an mehreren Fronten
So ist es mittlerweile ein Kampf an mehreren Fronten: mit den Symptomen und gegen die Windmühlen des Systems. Drei Beispiele führt sie exemplarisch an:
Antikörper-Bluttests
Es gebe Antikörper-Bluttests, die nachweisen, ob der Patient eine Infektion hatte, und es gebe Tests, die nachweisen, ob der Patient Antikörper auf die Impfung entwickelt hat. "Durch eine Bekannte meiner Familie, welche in einem Labor arbeitet, erfuhr ich, dass diese Unterscheidung möglich ist. Wir suchten wochenlang in Eigenregie nach einem Labor". Schließlich sei das Blut eingeschickt, vom Labor aber zunächst das Ergebnis des falschen Test ermittelt worden. "Am Ende zahlte ich beide Blutuntersuchungen und die Blutabnahme aus eigener Tasche."
Das chronische Fatigue-Syndrom
Auf der Suche nach einer passenden Diagnose sei ein Verdacht auf das chronische Fatigue-Syndrom (CFS) gefallen, da es zur Symptomatik passe. Die Suche nach einer Klinik, die das abklären kann, habe über die unabhängige Patientenberatung Deutschland gezeigt: Die Charité Berlin sei die einzige Universitätsklinik, die eine Spezialsprechstunde für das CFS anbiete. Angenommen würden allerdings nur Patienten aus der Region Berlin/Brandenburg. "Aus diesem Grund bin ich gerade dabei, einen Termin bei einem Spezialisten in Wien zu vereinbaren, in der Hoffnung, dass Arztberichte aus Österreich in Deutschland anerkannt werden. Die Behandlungskosten in Wien, von ca. 150 Euro pro Stunde zahle ich selbst, da es mir wichtig ist, diese Verdachtsdiagnose abzuklären und es in Baden-Württemberg keine Anlaufstelle gibt."
Autoimmunreaktion
Eine andere Spur habe zur Information geführt, dass Autoantikörper ursächlich für Long Covid sein können. Diese zu bestimmen sei in der Theorie einfach: Blut abnehmen, via DHL selbst einschicken. Doch: Ein Arzt habe sich geweigert, Blut abzunehmen, da ihm 200 Euro für die Laboruntersuchung zu viel erschienen. "An diesem Tag kam ich unter Tränen aus der Praxis wieder raus. Ich war bereit, 200 Euro zu bezahlen", meint Retzlaff, wegen des massiven Drucks durch die Krankenkasse. "Ich hätte auch 2000 Euro für die Blutuntersuchung bezahlt. Ich hoffte, dass ich durch einen positiven Befund endlich Hilfe erhalten würde und nicht mehr dem massiven Druck der Krankenkasse ausgesetzt bin." Wochen später, als dann ein neuer Termin möglich gewesen sei, habe der Befund ein positives Ergebnis gezeigt. Blutabnahme, Versand mit DHL Express, Blutuntersuchung und Steuern seien erneut auf Kosten von Tamara Retzlaff selbst gegangen.
"Massiver Druck der Krankenkasse"
"Man kann also zusammenfassend sagen: Mein Hausarzt hat mir die Standard-Untersuchungen ermöglicht, jedoch haben diese zu keinem Ergebnis geführt. Durch private Aufträge habe ich inzwischen herausgefunden, dass mein Körper offensichtlich eine heftige Autoimmunreaktion entwickelt hat", blickt die junge Frau in ihre weitere Zukunft. Der positive Befund, auf eigene Initiative erhalten und aus eigener Tasche bezahlt, brachte Tamara Retzlaff weiter. Sie hat endlich, auch ohne Infektion, einen Termin in der Long-Covid-Ambulanz in Freiburg erhalten. Indes: Bisher gebe es nur einen medizinischen Ansatz bei einem positiven Autoantikörperbefund: die Apharese, auch als Blutwäsche oder Blutreinigungsverfahren bezeichnet. Diese könne bis zu 15 000 Euro kosten und werde nicht von der Krankenkasse übernommen.
Die Vernetzung funktioniert, doch es fehlt die zentrale Anlaufstelle
Die finanzielle Belastung ist also groß. Die Kosten für einen Anwalt will sich Tamara Retzlaff bislang sparen, um das Geld für die Untersuchungen und die Behandlung aufbringen zu können. Ein Antrag auf Beschädigtenversorgung würde im besten Fall eine monatliche Rente von 814 Euro ergeben, rechnet sie vor, dass das gerade einmal die Rate für den Studienkredit und die eine oder andere Blutuntersuchung decken würde. "Ich habe meinen Job verloren, mein Sozialleben verloren, befinde mich in einem nicht endenden Ärzte-Marathon und bisher ist keine Besserung meiner Situation in Sicht. Ich weiß nicht, ob ich je wieder erwerbsfähig sein werde", will die 28-Jährige nicht von persönlichem Pech reden. Sie fühlt sich von der Politik allein gelassen, weil es keine Anlaufstellen gibt. Und bei allem Verständnis für die Impfkampagne ist es für sie unverständlich, dass Nebenwirkungen ignoriert und nicht richtig erfasst werden. "Es wäre das Mindeste, eine angemessene Entschädigung zu erhalten", weiß sie mittlerweile von vielen, die wie sie völlig aus dem Leben gerissen sind.
Lawine an Anfragen
Ihre Entscheidung, mit ihrer Geschichte nun an die Öffentlichkeit zu gehen, habe eine wahre Lawine an Anfragen losgetreten. Nun wolle sich eine Selbsthilfegruppe im Zollernalbkreis bilden. Für andere Betroffene aber auch für Ärzte, die sich mit der Thematik auseinandersetzen möchten, hat Tamara Retzlaff eine E-Mail-Adresse eingerichtet: info@tamararetzlaff.de. Auf 32 Anfragen über ihren Instagram-Acount habe sie bislang reagieren können. In ihrer Tübinger Selbsthilfegruppe treffe sie sich mit 15 bis 20 Teilnehmern, zusätzlich in Online-Gruppen mit mehr als 180 Teilnehmern. "Die Vernetzung funktioniert, aber wir sind alle keine Ärzte, wir können diese Arbeit nicht leisten, da wir alle schwer krank sind", fasst sie einen ihrer zentralen Kritikpunkte zusammen: Es gebe keine zentrale Anlaufstelle für Impfnebenwirklungen.