Laut Zensus 2022 hat die Glücksgemeinde viel weniger Bürger als gedacht. Das will Bürgermeister Matthias Leyn so nicht stehen lassen. Die Kommune hat Widerspruch eingelegt, denn für Schömberg geht es um Millionen Euro.
Es geht ums Geld. Immer wieder. Auch am Mittwochvormittag, als ein Ausschuss des Regionalverbands Nordschwarzwald im Schömberger Rathaus tagt. Zur Begrüßung spricht Bürgermeister Matthias Leyn als Hausherr ein paar Worte.
„Man fühlt sich gerade allein gelassen als Kommune“, sagt Leyn. Er meint: allein gelassen von Bund und Land, mit immer mehr von oben verordneten Aufgaben und immer weniger vorhandenem Geld. Oder Bürgern. „Wir suchen gerade auch noch nach 500 Einwohnern laut Zensus“, erzählt der Schultes. Auch dabei geht es ums Geld, um viel Geld.
Das hatte Leyn in der jüngsten Sitzung des Schömberger Gemeinderats bereits mitgeteilt. Damals sagte er, dass die Glücksgemeinde fristgerecht Widerspruch gegen den Zensus eingelegt hat. Denn weniger Einwohner bedeuten weniger finanzielle Zuweisungen.
Worum geht’s? Etwa alle zehn Jahre wird in Deutschland eine Volkszählung vorgenommen. Grundlage sind die Zahlen aus Melderegistern. In Stichproben-Befragungen vor Ort wird dann geschaut, wer tatsächlich in einer Gemeinde wohnt. Die Abweichungen wiederum sind Grundlage für statistische Hochrechnungen.
Ganz Baden-Württemberg schrumpft
Erhebungsstichtag für den Zensus war der 15. Mai 2022. In Baden-Württemberg wurden laut Statistischen Landesamt rund 1,7 Millionen Personen in privaten Haushalten befragt.
Das Ergebnis: Das Bundesland hatte laut Zensus 2022 zum Stichtag gut 11,1 Millionen Einwohner und damit 1,2 Prozent oder gut 131 000 Köpfe weniger als gedacht.
Die Situation in Schömberg Hunderte dieser Einwohner fehlen nun auch in der Glücksgemeinde. Bisher ging das Statistische Landesamt davon aus, dass in Schömberg zum Stichtag 30. Juni 2022 – damit wird in der Regel kalkuliert – 8238 Menschen lebten. Dies teilt Stefanie Stocker von der Pressestelle der Gemeinde auf Nachfrage mit. Laut Zensus 2022 waren es allerdings nur 7730. Das sind 508 Einwohner weniger und damit ein deutlicher Unterschied.
Den kommentiert die Verwaltung wie folgt ebenfalls deutlich: „Offensichtlich wurde nicht richtig gezählt und das Steuerungsregister dilettantisch bedient, anders können wir uns das nicht erklären.“ Genanntes Steuerungsregister wurde für den Zensus 2022 geschaffen und enthält alle relevanten Anschriften. Das Register diente als Grundlage etwa für die Haushaltsstichproben.
Dazu schreibt Stocker: „Die Zählung erfolgte teilweise auf Stichprobenbasis und wir wissen nicht, welche Schätzungen vorgenommen wurden, wenn Bewohner nicht zu Hause waren.“
3,3 Millionen Euro weniger Geld in den kommenden fünf Jahren
Die Auswirkungen „Die Einwohnerzahlen des Statistischen Landesamts sind maßgeblich für die Schlüsselzuweisungen und Finanzausgleichsumlage“, heißt es aus dem Schömberger Rathaus weiter. Auf Basis der Zensus-Zahlen müsse die Gemeinde deshalb in den kommenden fünf Jahren mit rund 3,3 Millionen Euro weniger im Haushalt auskommen – dies in finanziell ohnehin herausfordernden Zeiten.
Die Auswirkungen der nach unten korrigierten Einwohnzahl greifen ab dem kommenden Jahr.
Schömberg hat deshalb am 21. Oktober Widerspruch eingelegt gegen das Zensus-Ergebnis. „Wir erhoffen uns, dass möglichst viele Kommunen, denen es genauso geht, einen Widerspruch einlegen, um eine Prüfung und Korrektur der Ergebnisse zu erzielen. Es kann nicht sein, dass der Zensus so weit weg von der Realität liegt und gleichzeitig als maßgebliche Grundlage für das finanzielle Solidarprinzip der Kommunen dient“, unterstreicht Bürgermeister Matthias Leyn.
Schömberg steht mit seinem Zensus-Schock im Kreis Calw nicht alleine da. 23 von 25 Kommunen haben nach der jüngsten Erfassung weniger Einwohner als gedacht. Lediglich Nagold und Calw verzeichnen Zuwächse, wie Nagolds OB Jürgen Großmann bereits Ende Juni in einer Gemeinderatssitzung berichtet hatte. Was sie noch verbindet: Beide Städte hatten erstmals eine eigene Erhebungsstelle eingerichtet.
Und die anderen? Wie hoch sind die Aussichten auf einen Erfolg für die plötzlich geschrumpften Gemeinden? „Das können wir nicht prognostizieren“, heißt es aus Schömberg.