Bertram Jenisch vom Landesamt für Denkmalpflege und die archäologische Leiterin vor Ort von ArchaeoBW, Katarina Fellgiebel, stehen vor einem Grab in Hochmössingen, auf das sie bei der Ausgrabung gestoßen sind. Foto: Elena Baur

Ein neues Baugebiet soll in Oberndorf-Hochmössingen erschlossen werden. Nun wurden „Hinter der Kirche“ archäologische Grabungen durchgeführt. Das wurde gefunden.

Gerade, meterlange Schnitte im Rasen, Erdhügel wie riesige Maulwurfshügel, Absperrbänder und Baustellenzäune stehen auf der Wiese hinter dem Friedhof in Hochmössingen. Auf dem Gebiet „Hinter der Kirche“ soll ein neues Baugebiet erschlossen werden.

 

Doch derzeit sieht es alles andere als nach Baugebiet aus. Baustelle ja, aber warum so lange Streifen, die etwa einen Meter tief sind? Aufklärung bietet ein Blick auf den Bereich hinter dem Friedhof. Mitten in der Grube sind einige Bereiche bunt markiert umrandet. Und auch einige Menschen mit gelben Warnwesten sind rund um die Baustelle unterwegs. Auf ihren Westen steht: „ArchaeoBW“.

Hochmössingen schon früher Ort von Funden

Eine Frau stellt sich als die archäologische Leitung für diese Grabung vor. Katarina Fellgiebel ist ihr Name. Gemeinsam geht es durch die geraden Schnitte in der Wiese zu Bertram Jenisch. Er ist Experte vom Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart. Er kann genauer erklären, warum hier zunächst die Archäologie die Hand drauf hat.

Lange Schnitte in der Wiese und Absperrbänder markieren die zu erforschenden Bereiche. Foto: Elena Baur

Wenn es zu einer Baumaßnahme kommt, wie hier die geplante Erschließung eines neuen Baugebiets durch die Stadt Oberndorf, dann sollen verschiedenen öffentliche Träger ihre Anregungen, Vorschläge und Bedenken einreichen – so auch das Landesamt für Denkmalpflege. In dessen Datenbanksystem würde nachgeschaut, ob bereits Fundstellen in der Nähe registriert sind, und ob so die Möglichkeit besteht, dass auf der geplanten Baufläche archäologische Befunde unter der Erde warten.

„Vor der Hacke ist es dunkel“

Das ist in Hochmössingen der Fall. Jenisch deutet auf die Gebäude im hinteren Teil der Fläche. Als diese Häuser in der Römlinsdorfer Straße gebaut wurden, seien bereits Gräber aus der Merowinger Zeit – also aus dem sechsten bis siebten Jahrhundert nach Christus – gefunden worden.

Das sei auch nicht ungewöhnlich. „Alle Orte mit der Endungen ,-ingen’ haben Gräber.“ Das sei das archäologische Einmaleins. „Es kommt nur darauf an, wie groß der Friedhof ist“, erklärt der Experte. Er nutze dabei gerne einen alten Bergbau-Spruch: „Vor der Hacke ist es dunkel“, sagt er und lacht.

„Vor der Hacke ist es dunkel“ beschrieb Experte Bertram Jenisch die Arbeiten bei archäologischen Grabungen. Hier hackt eine archäologische Helferin an einer Fundstelle. Foto: Elena Baur

Doch ganz so dunkel ist es im nördlichen Bereich bei den eben genannten Wohnhäusern nicht. Dort wurde durch das Team rund um Katarina Fellgiebel das Territorium fleißig unter die Lupe genommen. Und auch dort wurden Gräber gefunden – mindestens acht Stück wie die Leiterin vor Ort informiert.

Keine Grabbeigaben gefunden

Mit einem Blick in das Grab kann unschwer erkannt werden: Hier liegt ein intaktes menschliches Skelett. Lediglich der Schädel ist etwas eingefallen. Die Experten vermuten, dass es sich um ein Grab aus einer jüngeren Zeit als die ein paar Meter weiter liegenden Merowinger-Gräber handelt. Denn diese seien in der Regel mit vielen Grabbeilagen geschmückt. In diesem Grab seien bis Mitte der Woche aber keine Beigaben gefunden worden, so Fellgiebel.

In einem der Gräber wurde ein intaktes Skelett gefunden. Lediglich der Schädel ist eingefallen. Foto: Elena Baur

Dieses Grab wurde aber nur exemplarisch aufgemacht, erklärt die Expertin. Denn: Bei den Grabungen gehe es nicht darum, die Funde auszugraben, sondern sie zu schützen.

Insgesamt acht Gräber konnte das archäologische Team bei seiner Untersuchung finden. Foto: Elena Baur

Das bestätigt auch Bertram Jenisch. Mit den Arbeiten solle der Eingriff minimiert werden. Dieser ganze Vorgang schaffe Planungssicherheit für die jeweiligen Akteure. So könne zum Beispiel an Stellen, an denen Funde in der Erde liegen, oberhalb Parkplätze oder ein Spielplatz entstehen, anstatt eines Hauses mit Unterkellerung. Falls es aber beispielsweise für eine Hauptwasserleitung keine andere Möglichkeit einer Umlegung gebe, dann werde in solchen Bereichen archäologische Begleitung bei den Maßnahmen vor Ort sein, berichtet er.

Gemeinsam Lösungen finden

„Wir vom Landesamt für Denkmalpflege winken nicht mit dem drohenden Zeigefinger. Wir sprechen denkmalfachliche Empfehlungen aus“, stellt Jenisch klar. Gemeinsam werde dann eine vernünftige Lösung gefunden. Das sei aber erst möglich, wenn die Funde dokumentiert und ausgewertet seien. Erst mit dem Vorliegen des Gutachtens und der Empfehlungen, könne das Planwerk für das Baugebiet konkret beschlossen werden.

Ein Bagger schaufelt alle Schnitte wieder zu. Foto: Elena Baur

Positiv für das Projekt sei aber, dass es auch einige fundfreie Flächen gebe. Lediglich der Wiesenabschnitt, der an den hinteren Teil des Friedhofs angrenzt, weist weitere Funde auf. Dunkle Verfärbungen verraten, dass sich dort etwas im Boden befand – und zwar Holzpfosten, berichtet die archäologische Leiterin.

„Natürliche Zerstörung“ durch Erosion

Das sind Hinweise auf ein Gebäude. Vor allem die Pfosten, die direkt hintereinander in einer Reihe auftauchen, würden auf eine Wand schließen lassen. Interessant sei vor allem, dass die Pfostenreste aber nur noch wenige Zentimeter tief in der Erde seien, zeigt Jenisch an einem Beispiel. Das bedeutet, dass dort der Boden mal etwa einen Meter höher war als heute. Durch natürliche Erosion wie Regen sei das Gelände am Hang über die Jahre abgetragen worden. Jenisch nennt es „natürliche Zerstörung“.

Die archäologischen Helfer untersuchen die Holzpfosten hinter dem Friedhof genauer. Foto: Elena Baur

Übrigens: Die archäologische Grabung ist mittlerweile abgeschlossen. Ein Baggerfahrer hat alle Schnitte wieder verschlossen.