Der obligatorische Spatenstich für das Projekt mit Grabungsleiterin Lena Regetz (Vierte von links) und (rechts daneben) Archäologie-Professor Alexander Heising, Ortsvorsteher Reiner Ullrich, Andreas Thiel vom Landesamt für Denkmalpflege und Grabungsleiter Christoph Wulfmeier. Foto: Niklas Ortmann

Archäologie-Studenten aus ganz Deutschland graben in den kommenden sechs Wochen am Römerkastell in Waldmössingen – und gehen dabei einem rätselhaften Bauwerk auf den Grund.

An diesem warmen Sommermorgen wandern viele Familien auf dem Rundweg um den Erlebnisbauernhof in Waldmössingen, der sie an Pferden, Schweinen, Kühen und dem Römerkastell vorbeiführt – was die meisten aber wohl nicht wissen: Dieser Tage lässt sich auf dem Schafbühl neben dem wiederaufgebauten Eckturm des Kastells auch eine archäologische Ausgrabung live mitansehen.

 

Auf den ersten Blick sieht es auch nach einer normalen Baustelle aus: Bauzäune, Container, Bagger und Bauhof-Mitarbeiter in orangener Arbeitsmontur. Im Schatten eines weißen Pavillons findet man aber eine Gruppe junger Menschen, die mit Spachteln eine Gesteinsschicht am Boden freilegen. Einige Meter weiter graben Männer mit Schaufeln den Boden auf, schütten die Erde in Schubkarren und laden sie am Rand der Grabungsfläche, die ungefähr so groß wie ein Volleyballfeld ist, ab.

Schon seit einigen Tagen graben auf dem Schafbühl elf Studenten aus ganz Deutschland – im Rahmen eines Lehrprojekts des Landesamtes für Denkmalpflege und der Abteilung für provinzialrömische Archäologie der Universität Freiburg.

Ein Schild weist den Weg zur Römergrabung. Foto: Niklas Ortmann

Einer von ihnen ist Louis Barucker. Er studiert klassische Archäologie an der Humboldt-Universität in Berlin, mit Ägypten und Sudan im Nebenfach – das gilt sogar unter Archäologie-Studenten als exotisch. In Baden-Württemberg war er bisher nur, als er auf dem Weg in den Urlaub durchgefahren ist.

Louis Barucker ist für das Projekt von Berlin nach Waldmössingen gekommen. Foto: Niklas Ortmann

Jetzt verbringt er den Sommer in Waldmössingen, wo er zwischen der Grabungsstätte und dem Erlebnisbauernhof als Unterkunft hin- und herpendelt. Er habe für sein Studium ein Praktikumsmodul benötigt und sei durch eine Studienkollegin auf das Grabungsprojekt aufmerksam geworden. Für ihn ist es aber weit mehr als nur Pflichtstunden: „Ich möchte gerne wissen, wie Grabungen so funktionieren.“

Fleißarbeit: Die Studenten legen Relikte aus der Römerzeit frei. Foto: Niklas Ortmann

Genau das möchte Alexander Heising, Professor für für Provinzialrömische Archäologie an der Uni Freiburg, den Studenten näherbringen: „Bei modernen Grabungen wird viel mit Drohnen gearbeitet. Es wird fotografiert und eigentlich gar nicht mehr richtig gezeichnet.“ Ihm sei es ein Anliegen, dass sich die Studenten mit dem Boden beschäftigen und diesen per Hand zeichnen – „nach Altväter-Art“.

Professor Alexander Heising und Grabungsleiterin Lena Regetz zeigen eine Karte des Römerkastells. Foto: Niklas Ortmann

Doch wonach graben die Studenten überhaupt? Jedenfalls nicht nach einem Münzschatz, den sich Ortsvorsteher Reiner Ullrich angesichts der „sehr strapazierten“ kommunalen Finanzen wünscht.

Heising klärt auf: Das Landesamt für Denkmalpflege habe vor einigen Jahren mit einem Magnetometer Untersuchungen im Gesteinsreich vorgenommen. Dabei sei ein Bauwerk entdeckt worden, das auch der Professor „ungewöhnlich“ nennt. Ein Ziel des Grabungsprojekts sei nun, zu entschlüsseln, welche Funktion das Gebäude hatte. Wurde dort Korn gelagert? War es eine „Fabrica“, also eine Werkstatt?

Studenten aus ganz Deutschland sind für das Projekt nach Waldmössingen gekommen. Foto: Niklas Ortmann

Eine erste Vermutung hat Heising bereits. Neben einer einzelnen Münze – nicht der von Ullrich erhoffte Schatz – haben die Studenten bereits einen abgebrochenen Meißel, Schnipsel von Buntmetall, die wohl zum Wiedereinschmelzen gedacht waren, und Bleigussreste gefunden.

Der aber wohl interessanteste Fund: Rund 80 Schuhnägel von Römersandalen, sogenannten Caligae, mit einer entscheidenden Besonderheit – die Nägel waren gar nicht erst in den Schuh einschlagen, sondern praktisch fabrikneu. „Wenn Sie das mal zusammennehmen: Meisel, fabrikneue Nägel, Schmelzreste… Für mich riecht das schon ein bisschen nach Fabrica“, gab Heising seine Vermutung bekannt.

Grabungsleiter Christoph Wulfmeier packt mit an. Foto: Niklas Ortmann

Ob diese Theorie Bestand hat, dürfte sich in den kommenden Wochen zeigen, in denen die Studenten mit den Grabungsleitern Christoph Wulfmeier und Lena Regetz weiter fleißig graben werden.

Einblicke in das Projekt

Ausstellung
Montags bis freitags von 10 bis 12 Uhr und von 13 bis 15 Uhr wird jeweils einer der Studenten im Römerkastellturm sein, um Interessierten das Projekt und die Funde zu erläutern. Auch der „Fund der Woche“ wird ausgestellt.