Marielle Janotta aus Laufen hat ein Buch über Vögel geschrieben – kein dickes ornithologisches Fachwerk, sondern ein liebevoll gestaltetes Brevier mit 17 Kurzporträts heimischer Vogelarten. Der „Vogelsommer“ eignet sich gut als Weihnachtsgeschenk.
Wer in der Nähe des Bodensees und dazu noch naturnah aufwächst, hat gute Chancen, schon früh im Leben einiges über Vögel zu erfahren – den Unterschied zwischen Blau- und Kohlmeise kannte Marielle Janotta schon als kleines Mädchen.
Das Schlüsselerlebnis, das sie veranlasste, sich intensiver mit dem Thema Vögel zu befassen, hatte sie allerdings erst etliche Jahre später, und zwar auf einer Islandreise: Beim Anblick eines Papageientauchers mit schwarzem Frack, weißer Brust und buntem Schnabel war sie auf einmal Feuer und Flamme – und beschloss, künftig ein besonderes Augenmerk auf die Vogelwelt ihrer Urlaubsziele zu richten.
Im Lauf der Zeit machte sie mit allen möglichen Exoten Bekanntschaft, beispielsweise mit Tukanen in Panama, Tokos in Namibia oder Seeadlern in Norwegen. Vögel gibt es, anders als Insekten oder Fledermäuse, überall auf der Welt, selbst in unwirtlichsten Regionen – nicht zuletzt deshalb sind sie für Marielle Janotta ein Faszinosum.
Allerdings findet sich von den geflügelten Tropenbewohnern mit den kapitalen Schnäbeln kein einziger in ihrem Buch – spätestens während der Corona-Zeit fand Marielle Janotta heraus, dass auch die heimische Vogelwelt eine Menge zu bieten hat. Nach dem Ende der Pandemie gönnte sie sich eine Auszeit vom Beruf, zwei Sabbatjahre, in denen sie erneut ausgedehnte Reisen unternahm, den Blog „mytravelisland.com“ für Globetrotter ins Leben rief und sich in der „Naturgucker-Akademie“ des NABU zur zertifizierten Vogelbeobachterin ausbilden ließ.
Dort lernte sie unter anderem, Vögel im Feld aufzuspüren, mit Hilfe des einschlägigen Fachvokabulars – was ist ein „Bartstreif“, was eine „Flügelbinde“? – korrekt zu beschreiben und auch Vogelarten zu bestimmen, die nicht ganz so bekannt sind wie Blau- und Kohlmeise.
Kenntnisreichtum zwanglos verbunden mit Erlebnisberichten
Und sie beschloss, ein Buch zu verfassen. Keines mit wissenschaftlichem Anspruch – Marielle Janotta ist studierte Soziologin, keine Ornithologin –, sondern eines, das Kenntnisreichtum zwanglos mit Erlebnisberichten und Schilderungen persönlicher Eindrücke verbindet – „Nature Writing“ heißt diese literarische Disziplin, die sich wachsender Beliebtheit erfreut.
Ein Verleger war auch bald gefunden, und zwar ein spezieller: story.one, eine Initiative, an der unter anderem der Buchhandelsriese Thalia beteiligt ist, bietet angehenden Autoren an, ihre Erstlinge kostenlos zu drucken – Hardcover, mit ISBN-Nummer und der Option des deutschlandweiten Vertriebs im Großhandel. Die Geschäftsbedingungen: maximal 80 Seiten, maximal 17 Kapitel mit jeweils maximal vier Seiten. Bei story.one lernt man, sich kurz zu fassen.
Das hat Marielle Janotta getan. Ihr jüngst erschienener „Vogelsommer“ beschreibt in zwölf Kapiteln auf insgesamt 72 Seiten ein Dutzend heimischer Piepmätze – das Spektrum reicht vom Gimpel über Haussperling, Grünspecht und Neuntöter bis zum Turmfalken.
Erschöpfend können die Beschreibungen nicht sein; Janotta konzentriert sich auf gewisse Eigenheiten, etwa die unfassbare stimmliche Variabilität des Kolkraben – hast du Töne? O ja! – oder die Erdferne des Mauerseglers, der fünf Sechstel seiner Lebenszeit in den Lüften verbringt, fliegend jagt, fliegend schläft und sogar fliegend Nachwuchs zeugt. Jeweils eine Seite pro Kapitel enthält eine Kurzbeschreibung, und zwar eine bebilderte – die durchaus ansprechenden Aquarelle hat Marielle Janotta selbst gemalt.
Wie ist die Resonanz auf ihr Werk? In einem internen Wettbewerb der story.one-Autoren, an der immerhin 3700 teilnahmen, hat die Jury sie unter die besten 100 gewählt – für die ersten zehn hat es nicht ganz gereicht. Teilnahmebedingung war übrigens ein Höchstalter von 34 Jahren. Marielle Janotta versteht sich auch auf exaktes Timing – vor wenigen Tagen ist sie 35 geworden.
Das Buch: Marielle Janotta, Vogelsommer. ISBN: 978-3-7115-4105-5. Verlag story.one. 18 Euro.