Seit 2015 steht das Mauerstück bei Michael Grimm neben der Bacchus-Vinothek. Die politische und künstlerische Botschaft regt viele Passanten zum Stehenbleiben, Fotografieren und Nachdenken an. Foto: Siegmeier

Der Fall der Berliner Mauer jährt sich am Samstag, 9. November, bereits zum 35. Mal. Auch in Rottweil steht ein Stück Mauer: bei Weinhändler Michael Grimm gleich neben der Bacchus-Vinothek. Wir haben nachgefragt, was es damit auf sich hat.

Als Michael Grimm das Stück Beton 2015 vor seinem Laden positionierte, wollte er ein klares politisches Zeichen gegen Rassismus setzen, sagte er damals im Interview.

 

Mittlerweile steht es an dem kleinen Weg neben der Bacchus-Vinothek und ist vielfach beachtet. Viele bleiben stehen und fotografieren das Kunstwerk, manche scannen den QR-Code, der angebracht ist, um mehr zu erfahren. Michael Grimm findet die unterschiedlichen Reaktionen „sehr interessant“.

„Das Mauerstück regt viele Leute zum Nachdenken an. Und das ist gut so“, sagt er. Auch wenn es sich nicht um ein Stück der Berliner Mauer handelt, wie Grimm verrät. Assoziationen wecke es dennoch – „und auch das ist gut so“, sagt er.

So ist die Idee entstanden

Aber wie ist damals die Idee entstanden, und woher stammt das Mauerstück? „Wir hatten 2014 anlässlich 25 Jahren Mauerfalls den mittlerweile wohl bekannten Fabelhaft-Wein mit Mauer-Themen etikettieren lassen. Auch das Schaufenster wurde mit eingestürzter Mauer gestaltet“, erzählt Grimm.

Als Bundeskanzlerin Angela Merkel dann im Jahr 2015 aus humanitären Gründen die Grenzen geöffnet habe, habe es viel Kritik gegeben. „Ich wollte ein solidarisches Zeichen setzen, obgleich auch ich Bedenken hatte. Fremde Menschen ohne Kontrolle der Person ins Land zu lassen, geht nicht. Da lief vieles nicht gut. Aber es gab auch viel menschliches Leid“, so Grimm.

Daraufhin habe er sich ein Stück Mauer besorgt. „Allerdings handelt es sich dabei nicht um ein Stück Berliner Mauer, wie viele denken. Auf der Fahrt nach Villingen-Schwenningen sah ich von der Straße aus Mauerstücke auf dem Gelände von Schuler Rohstoffe stehen. Bettina Schuler-Kargoll überließ mir ein solches Stück, und wir platzierten es vor unserem Haus. Mit einem Schild, das in Anlehnung an den Checkpoint Charly darauf hinwies, dass man immer und überall auch eine Grenze überschreitet. Robert Hak malte nach meiner Vorgabe die sich reichenden Hände auf die Mauer. In Weiß“.

Farben geändert

Mit Beginn des Ukraine-Kriegs setzte der Graffiti-Künstler Konstantin Müller auf dem Mauerstück ein „Zeichen des Friedens“. Der Künstler bemalte die Hände in den Farben von Russland und der Ukraine. Jetzt reicht Russland, mit den Farben Rot, Blau und Weiß, der Ukraine mit den Farben Gelb und Blau die Hand zum Frieden. Und seither trägt das Mauerstück den Titel „Handschlag für den Frieden“.

Mehr Mauern denn je

Doch wie steht Michael Grimm jetzt, 35 Jahre nach dem Mauerfall, zu „seiner“ politischen Botschaft. „Wir haben leider mehr Mauern denn je. In den Köpfen, in der Gesellschaft, im Zwischenmenschlichen. Das ist sehr schade“, bedauert er, und betont, dass „seine“ Mauer an Aktualität keinesfalls verloren habe. „Das Thema Grenze, das Schützen der Grenze, aber das Thema Ausgrenzung begegnet uns nahezu alltäglich. Und ich vermute mal, dass dies so sein wird, solange es Menschen gibt.“

Mauern sind, so Grimm, äußeres Zeichen von Grenzen, Gesinnung und Ängsten von Völkern, Staaten, Gemeinschaften, einzelnen Menschen. Mauern sichern und schützen. Aber sie grenzen aus, isolieren und sperren ein. Sie verhindern Austausch. Austausch von Waren, Kultur, Bildung, Meinung, Liebe.

„Mauern stehen überall. Die Mauer zwischen Ost- und West-Berlin ist überall. Auch in Rottweil. Sichtbar. Unsichtbar. Baut nicht jeder Mauern? Täglich? Durch Vorurteile, Mobbing. Ein Leben ohne Mauern – welche naiv-schöne Idee“, sagt er und betont, dass es um Toleranz und Freiheit gehe. „Und um Bildung – die Basis für Demokratie.“