Mit Landesrabbiner Moshe Flomenmann unterhielt sich die Redaktion über jüdisches Leben in Lörrach, Antisemitismus und über die Zukunft der Gemeinde.
Herr Flomenmann, was bedeutet Ihnen das 30-jährige Bestehen der Israelitischen Kultusgemeinde in Lörrach?
Wir müssen einerseits Bilanz ziehen, was wir in diesen 30 Jahren erreicht und erlebt haben. Wir reflektieren und wir lernen aus unseren Fehlern, wir schauen aber vor allem nach vorne. Wir möchten an so einem Feiertag nicht nur Sekt miteinander trinken, sondern vor allem den Blick zurück mit der Gegenwart und der Zukunft verbinden. Wir wollen natürlich die Wiedergründung vor 30 Jahren feiern, aber wir wollen auch deutlich machen, dass die Gemeinde nicht 30 Jahre jung, sondern Jahrhunderte alt ist. Die Geschichte begann 1670 mit dem Kauf des ersten jüdischen Friedhofs. 1808 wurde die erste Synagoge gebaut. Wir wollen also mit diesem Geburtstag an viele bemerkenswerte Daten erinnern. Und vor allem wollen wir unsere Zukunftspläne vorstellen.
Können Sie Beispiele nennen?
Die Synagoge darf zu keinem Zeitpunkt ein Museum werden. Es geht um aktives, jüdisches Gemeindeleben, es geht um junge Menschen, es geht um Kinder, es geht um Zukunft. Wir planen viele Projekte. Das neueste, das für mich persönlich eine sehr große Bedeutung hat, ist die Torarolle aus unserem Besitz, die ungefähr 200 Jahre alt ist. Sie wurde vor der Pogromnacht gerettet und zur Eröffnung der neuen Synagoge 2008 zurückgebracht. Doch diese Torarolle ist nicht koscher, nicht mehr geeignet für öffentliche Lesungen in unserem Gottesdienst. Es entstand nun eine Initiative mit Unterstützung von Landtagsabgeordneten, die uns finanziell darin unterstützt, diese Rolle wieder koscher zu machen, indem das Pergament ausgetauscht wird. Für uns bedeutet Gedenken an die Pogromnacht und Erinnerungen daran, wie das jüdische Leben vor dem Krieg war, nicht nur das Setzen eines Stolpersteins. Sondern dass wir das wiederherstellen, was es einst gab.
Eine Frage als Laie: Wieso ist die Torarolle nicht mehr koscher?
Das liegt daran, dass einige Buchstaben fehlen – durch das Alter, durch falsche Lagerung. Eine Torarolle besteht aus 304 805 Buchstaben. Und jeder einzelne ist wichtig. Wenn nur einer fehlt, verliert die gesamte Schriftrolle ihre Gültigkeit.
Wie kam es zur Realisierung der Synagoge in Lörrach?
Es kamen in den 90er-Jahren viele Menschen aus verschiedenen Ländern, auch aus der ehemaligen Sowjetunion, nach Lörrach. Und sie hatten Sehnsucht nach jüdischem Leben. Viele sagten: Wir wollen nicht nach Freiburg oder Basel fahren, um eine Synagoge zu besuchen. Es gab mutige Menschen, die sagten: Wir hatten einst eine Synagoge in Lörrach, jetzt möchten wir wieder eine haben. Dazu zählte unsere Vorsitzende Hanna Scheinker. Sie war von Anfang an mit dabei, sie ist ja auch Bundesverdienstkreuzträgerin. Sie hat sich stets für die Gemeinde eingesetzt. Warum eine Synagoge? Nun, es ist ja auch nicht üblich, dass ein Christ bis nach Freiburg fahren muss, um eine Kirche zu besuchen. In jeder Ortschaft gibt es zumindest eine Kirche. Und so träumten die Juden von einer Synagoge in Lörrach. Aber damals, 1995, hätten die Gemeindemitglieder nie gedacht, dass dieser Wunsch tatsächlich erfüllt würde. Sie waren nur voller Sehnsucht, dass sie sich treffen, Gottesdienst feiern und miteinander sein können.
Was zeichnet eine Synagoge aus?
Sie ist nicht nur ein Gotteshaus, Synagoge bedeutet auf Hebräisch Beit Knesset, Haus der Versammlung. Es geht um Gebete, aber auch um soziales Miteinander. Eine Synagoge ist ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, wo mindestens eine Torarolle vorhanden sein muss, daraus wird gelesen und gesungen. Baulich muss das keine Kuppel oder ähnliches haben. Es geht um das Miteinander. Heute sind die Anforderungen an so einen Bau noch viel komplexer. Es dreht sich viel um die Sicherheit. Wir haben inzwischen einen Zaun, es gibt Security, Kameraüberwachung, eine Besucherschleuse, Panzerglas. Die Synagoge ist also auch eine Art Schutzraum für die Gläubigen.
Sie brauchen diesen Schutz, ist das aber nicht auch eine Art erzwungener Rückzug?
Ich denke nicht. Wir sind immer offen für die Stadt und die Gesellschaft. Natürlich würden wir lieber Brücken als Zäune bauen. Aber wir haben keine andere Wahl. Zu unseren Gottesdiensten kommen im Übrigen auch viele nicht-jüdische Menschen.
Wie gut sind Ihre Gottesdienste besucht?
Sie können das natürlich nicht mit den Besucherzahlen in einer Kirche an Weihnachten vergleichen. Aber es kommen jeden Schabbat um die 50 Menschen. Was mich sehr freut ist, dass zunehmend junge Menschen zu uns kommen, junge Familien, aber auch Alleinstehende. Und wir haben jetzt auch eine Kinderbetreuung während des Gottesdienstes. Es kommen alle soziale Schichten und alle Altersgruppen. Und interessierte nicht-jüdische Menschen, die sehen wollen, wie so ein Gottesdienst abläuft. Die müssen sich allerdings aus Sicherheitsgründen vorher anmelden.
Wie heterogen ist Ihre Gemeinde?
Wir sind eine Einheitsgemeinde, die steht allen Menschen offen, die gute Gedanken haben. Nur wer kommt, um zu provozieren, ist nicht willkommen.
Wie sieht das Gemeindeleben aus?
Wir treffen uns nicht nur zu Gottesdiensten. Es gibt einen Jugendclub, Ausflüge, Kinderaktionen, Gemeinschaftessen. Uns liegen alle Mitglieder am Herzen.
Viele Mitglieder stammen aus der ehemaligen Sowjetunion. Spielt der Ukraine-Krieg da eine Rolle Wird das thematisiert?
Nein, das ist bei uns kein Thema. Natürlich gibt es da unterschiedliche Meinungen. In der Synagoge steht der Schabbat im Mittelpunkt.
Was haben der 7. Oktober und das Massaker an Juden in Israel mit Ihrer Gemeinde gemacht?
Das hat uns sehr schwer getroffen. Nicht nur, weil quasi jeder Verwandte in Israel hat. Man muss bedenken: Nach dem 7. Oktober sind antisemitische Vorfälle in Deutschland sprunghaft angestiegen. Es geht also nicht nur darum, was in Israel passiert ist, sondern was in unserem Land passiert. Zwei Jahre dauerte der Krieg – ein Verteidigungskrieg, was oft vergessen wird. Viele sprechen über die Tragödie in Gaza, aber wenige erinnern daran, dass der Angriff auf Israel ein Massaker an Zivilisten war.
Ich vermisse manchmal die Deutlichkeit, zu zeigen, dass der Angriff von der Hamas ausging. Man sieht sonst keine Demonstrationen gegen Krieg und Verfolgung, nur „Free Palestina“. Auch in Lörrach gab es kürzlich eine Demonstration. Leider war der Tonfall dort nicht auf Dialog ausgerichtet – das zeigt, wie schnell Emotionen gegen Juden selbst gerichtet werden.
Sie unterstreichen immer wieder den Willen, Brücken zu bauen. Wie frustrierend ist dann diese Entwicklung?
Seit dem 7. Oktober geht es nicht um Netanjahus Politik. Leider wird aus berechtigter Kritik an Politik oft schnell pauschaler Judenhass. Der Aufruf „Kauft nicht bei Israel“ erinnert dabei schmerzhaft an die Parolen der 1930er-Jahre.
Es ist immer der gleiche Judenhass – nur in anderer Verpackung. Es fängt immer bei Juden an, hört aber nicht bei Juden auf. Es macht mich sehr traurig, dass ein Pfarrer in Langenau Polizeischutz braucht, weil er sich mit Israel solidarisiert hat. Was er erlebt, kann man gar nicht glauben.
Wie sicher fühlen sich Juden in Lörrach?
Es hat sich vieles verschoben. Dabei geht es weniger um Angst. Obwohl wir nicht umsonst all die Sicherheitsmaßnahmen aufgegleist haben. Die Lage hat sich dramatisch geändert, nicht nur in Deutschland. Wir müssen trotzdem das Licht in der Dunkelheit sehen und optimistisch bleiben. Auch wenn das nicht immer einfach ist. Ich als Rabbiner versuche immer, die Menschen zu beruhigen. Denn ich glaube, diese Angst ist kein guter Begleiter.
Gibt es dafür konkrete Beispiele?
Wir erleben immer wieder verbale Anfeindungen oder respektlose Gesten – aber auch viele Zeichen der Solidarität aus der Stadtgesellschaft. Die Masken sind gefallen. Jetzt sehen wir, wer tatsächlich unsere Freunde sind. Es war beispielsweise eine wunderschöne Geste, dass gerade jetzt eine Frau mit 40 Rosen vorbeikam, weil sie sich so gefreut hat, dass jetzt Frieden ist.
Reden wir von der Zukunft.
Gerne, wir machen viele schöne Projekte. Zum Beispiel machen wir einen Film über jüdisches Leben in Lörrach. Dieser Film wird auch an die Schulen versandt und als Vorbereitung für einen Besuch in der Synagoge gezeigt. Wir machen viele präventive Aktionen. Wir wollen auf unsere Art und Weise Judenhass bekämpfen. Die Menschen sollen sehen: Wir Juden haben keine Hörner auf dem Kopf, die Kippa dient nicht dazu, diese zu verdecken. Tatsächlich trauen sich viele Menschen nicht mehr, mit einer Kippa durch die Stadt zu gehen. In Lörrach ist die Welt aber soweit noch in Ordnung, wenn ich das mit Berlin oder Stuttgart vergleiche.
Wie wird das Datum 30 Jahre Israelitische Kultusgemeinde gefeiert?
Es wird hoffentlich schön gefeiert mit vielen Ehrengästen aus Politik, Religion und Stadtgesellschaft.
Wenn Sie über die Feier hinausschauen: Was wünschen Sie sich für das Miteinander in Deutschland?
Wir sollten Brücken bauen und auf Augenhöhe mit allen Menschen miteinander und nicht übereinander sprechen. Ich wünsche mir, dass wir heute richtig handeln, damit morgen kein neuer Gedenktag hinzukommen muss. Ich wünsche, dass wir uns nicht nur auf das Gedenken konzentrieren, sondern dass wir die jüdische Gemeinschaft unterstützen in Richtung Zukunft. Gedenkkultur hat zwei Seiten: die Erinnerung beispielsweise durch Stolpersteine, aber vor allem die aktive Unterstützung der jüdischen Gemeinde, damit das, was zerstört worden ist, wiederhergestellt werden kann. Wir gedenken der Zerstörung der alten Synagoge, aber wir wollen ein Zeichen für die Zukunft setzen.
Zur Person
Moshe Flomenmann
ist der Landesrabbiner von Baden. Er besuchte die Tora-Schule in Berdichev (Ukraine) und wanderte später nach Deutschland aus. Seit 2012 ist er Landesrabbiner von Baden. 2021 wurde er zum Polizeirabbiner des Landes Baden-Württemberg mit Zuständigkeit für den badischen Landesteil berufen. Flomenmann ist verheiratet und hat zwei Kinder.