Vor 150 Jahren ist die Hamburg Amerikanische Uhrenfabrik – vormals Landenberger und Lang in Schramberg gegründet worden. Einst ein erbitterter Konkurrent von Junghans.
„Als [Prokurist] Paul Landenberger 1875, damals 27 Jahre alt und jung verheiratet, die Uhrenfabrik Gebrüder Junghans verließ, hatte er den festen Willen, selbst eine Uhrenfabrik aufzubauen. Er wollte seiner Schwiegermutter, die ihm die Teilhaberschaft [bei Junghans] verweigert hatte, beweisen, dass er nicht weniger als seine Schwäger fähig war, eine Fabrik zu leiten und zum Erfolg zu führen.“ Dies schreibt Horst Poller in seinem im März 2011 erschienenen Buch „Firma und Familie – Anmerkungen zu 150 Jahren Junghans-Uhren.
Und so war der Schramberger Traditionsmarke an der Geißhalde im gegenüberliegenden Göttelbachtal eine Konkurrenz in der eigenen Stadt erwachsen, obwohl der frühere Gründerboom zu dieser Zeit eher „in eine Gründerkrise umgeschlagen“ hatte, wie Poller weiter schreibt.
Zu schnell expandiert
In Philipp Lang aus St. Johann hatte Paul Landenberger einen Teilhaber gefunden, um 1875 die Uhrenfabrik Landenberger und Lang zu gründen. Vor allem durch den Export nach Großbritannien und Skandinavien konnte die Marke, die ein Pfeilkreuz als Logo hatte, punkten. Doch für die rasche Expansion reichten die Finanzmittel nicht aus (andere Quellen sagen, Philipp Lang habe zu viel Geld aus dem Unternehmen gezogen) und so musste das Unternehmen am Göttelbach sieben Jahre nach der Gründung Insolvenz anmelden, die durch Bürgschaften von Verwandten und Investitionen von Geschäftsleuten aus Hamburg in einen Vergleich umgewandelt werden konnte.
In eine Aktiengesellschaft umgewandelt
Gleichzeitig wurde das Unternehmen zu einer Aktiengesellschaft mit Sitz in Hamburg und firmierte ab 1883 als Hamburg-Amerikanische Uhrenfabrik AG – woraus schnell die Abkürzung H.A.U. wurde. Die Bezeichnung „Amerikanisch“ wurde aufgrund der „amerikanischen Fertigungsweise“ übernommen.
Bis zu 2200 Mitarbeiter
Zum Beginn des 20. Jahrhunderts zählte die H.A.U. – mittlerweile war der Sitz der AG in Schramberg – laut Poller rund 1000 Mitarbeiter. Bevor die H.A.U. mit Junghans fusionierte, war die Mitarbeiterzahl auf rund 2200 gestiegen, geworben wurde unter anderem mit dem Slogan: „Wo eine Spur nur von Kultur, findet man die Pfeilkreuzuhr“.
Konflikt mit eigener Schwiegermutter
Über die ganzen Jahre hinweg hatte es zwischen Paul Landenberger und seiner Schwiegermutter laut Horst Poller einen Konflikt gegeben. Landenberger habe nicht begreifen wollen, warum ihm die Junghans-Teilhaberschaft verweigert worden sei, obwohl er als Schwiegersohn zur Familie gehörte und auch seine Loyalität bewiesen habe. Gleichzeitig habe Landenbergers Weggang von Junghans und die Neugründung seine Schwiegermutter tief verletzt, da sie überzeugt gewesen sei, dass Landenberger ohne das bei Junghans erworbene Know-how es „nie zum konkurrierenden Uhrenfabrikanten gebracht“ hätte.
Feindliche Lager: Landenberger und Junghans
Jede der Parteien, so berichtet Poller, der 1952 die Tochter Lore von Arthur (II) Junghans und seiner Frau Luise geheiratet hatte, hätte in Schramberg Anhänger um sich gesammelt und so sei die Stadt über Jahre „in zwei feindliche Lager“ gespalten gewesen. Dieser Streit habe selbst vor Kindern nicht halt gemacht und Arthur (II) Junghans habe erzählt, so berichtet der Autor, wie in dessen Kindheit die Buben vom Göttelbach gegen die Junghanser vom Bühle und vom Bernecktal „Krieg“ geführt hätten.
Einen „Bürgermeister-Krieg“ entfacht
Und 1908 war es sogar zu einem regelrechten „Bürgermeister-Krieg“ gekommen, nachdem bekannt geworden war, dass der noch bei der Wahl 1902 sowohl von der Junghans- wie der Landenberger-Familie unterstützte Kandidat Edmund Harrer, eine Affäre mit einer Landenberger-Tochter hatte. Während Junghans die Wiederwahl befürwortete, sah Landenberger dies wegen „sittlicher Verfehlungen“ ganz anders.
Fusion mit Junghans
Erst der Erste Weltkrieg und die Notwendigkeit der Zusammenarbeit sorgte dann unter den Söhnen des Gründers, Paul junior, Richard und Kurt sowie Landenbergers Freund Victor Luschka, der dessen Tochter Frida geheiratet hatte, zu einer Entspannung, auch bedingt durch die spätere gesehene Notwendigkeit zur Zusammenarbeit aufgrund einer Absatzkrise Mitte der 1920er-Jahre. So wurde 1926 ein „Interessengemeinschaftsvertrag“ zwischen Junghans, der H.A.U. und den Freiburger Uhrenfabriken (Schlesien) geschlossen. 1930 kam es dann, rückwirkend auf das Vorjahr, zu einer Fusion der drei Firmen, das Pfeilkreuz war damit bald Geschichte.
Marke Pfeilkreuz
Die einst von der H.A.U. verwendete Marke Pfeilkreuz ist mit der Ergänzung H.A.U. Schramberg
seit 2003 eine Marke von Claudia Wezel, Niebel & Hahn, Manufaktur für Schmuck und Uhren, Schramberger Straße 4 in Schramberg-Sulgen.
Paul Landenberger
war der erste, der in Schramberg elektrischen Strom erzeugte. Fiel eine Demonstration des Gewerbevereins, dessen Vorsitzender Paul Landenberger war, am 7. Juni 1879 noch wegen eines Maschinenschadens aus, glückte diese jedoch am 30. August 1879.
Stadtarchivar Carsten Kohlmann
führt am Sonntag, 14. September, ab 14 Uhr einen Rundgang durch die H.A.U. Treffpunkt ist am Eingang.
Die Stadt Schramberg
feiert die 150 Jahre H.A.U. und gleichzeitig 25 Jahre Haus der Vereine im Technologie- und Gewerbepark H.A.U. am Samstag, 27. September, mit einem Tag der offenen Tür im Haus der Vereine von 10 bis 16 Uhr. Zudem haben zahlreiche Mieter im Gewerbepark geöffnet, ebenso die dortigen Museen.
Die Stadtmusik
lädt an diesem Tag ab 16 Uhr zum Fassanstich ihres 17. Oktoberfests.