Schildkröten im Flückigersee: Wann wird eine Population zur Gefahr - und was genau bedeutet „invasiv“?

Die nordamerikanische Buchstaben-Schmuckschildkröte ist nur eine gebietsfremde Art, die illegal nach Deutschland verschleppt wurde.
Thomas Frey/dpa- Im Flückigersee leben über 150 Schildkröten, teils mit nachgewiesener Fortpflanzung.
- Gebietsfremd heißt Herkunft, invasiv beschreibt Verhalten und Auswirkungen.
- Forschende prüfen Nahrung, Ausbreitung und Krankheitserreger der Tiere.
- Mögliche Folgen sind Konkurrenz zur Europäischen Sumpfschildkröte um Lebensraum und Nahrung.
- Nur wenige gebietsfremde Arten werden invasiv – Bewertung erfolgt per Risikoprüfung.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Es ist ein ungewöhnlicher Anblick am Freiburger Flückigersee: Schildkröten liegen auf Baumstämmen in der Sonne oder ziehen durchs Wasser. Mehr als 150 Tiere leben inzwischen in dem Gewässer, mindestens zehn verschiedene Arten werden dort vermutet. Einige haben sich nachweislich fortgepflanzt. Forschende wollen deshalb herausfinden, welchen Einfluss die Tiere auf das Ökosystem haben.
Doch nur weil die Schildkröten ursprünglich nicht aus Freiburg stammen, sind sie nicht automatisch invasiv. „Nicht jede gebietsfremde Art ist automatisch problematisch“, sagt Alexandra Ickes, Artenschutzreferentin beim NABU. Genau hier liegt ein wichtiger Unterschied: Gebietsfremd beschreibt zunächst nur die Herkunft einer Art – invasiv wird sie erst durch ihr Verhalten und ihre Auswirkungen in der neuen Umgebung.
Als gebietsfremd gelten Tier-, Pflanzen- oder Pilzarten, die nicht auf natürlichem Weg in eine Region gelangt sind, sondern durch den Menschen – absichtlich oder unbeabsichtigt. Bei Pflanzen kann das etwa durch Handel und Gartenbau geschehen, bei Tieren beispielsweise durch den Transport oder die Haltung als Haustier.
Was danach passiert, ist ganz unterschiedlich. Manche Arten können sich in der neuen Umgebung überhaupt nicht halten. Andere schaffen es zwar, sich dauerhaft anzusiedeln, bleiben dabei aber weitgehend unauffällig. „Nur ein kleiner Teil, etwa zehn Prozent, kann sich langfristig ausbreiten und dabei negative Auswirkungen entwickeln“, erklärt Ickes.
Wann wird eine Art zum Problem?
Ob eine gebietsfremde Art tatsächlich zum Problem wird, zeigt sich also erst mit der Zeit. Kann sie sich dauerhaft halten? Breitet sie sich weiter aus? Und vor allem: Was verändert sie dabei in ihrer neuen Umgebung? Für heimische Arten kann das zum Beispiel bedeuten, dass plötzlich ein neuer Konkurrent um Nahrung oder Lebensraum da ist. Manche eingeschleppten Tiere bringen außerdem Krankheiten mit oder verändern die Beziehungen zwischen verschiedenen Arten. Im schlimmsten Fall kann sich dadurch ein ganzes Ökosystem verändern.
Gerade in Gewässern können solche Veränderungen weitreichend sein. Ickes nennt als Beispiel die Quaggamuschel im Bodensee, die dort die Nahrungsketten beeinflussen kann. Auch der ursprünglich nordamerikanische Ochsenfrosch und Kalikokrebs können heimische Arten beziehungsweise Lebensräume beeinträchtigen.
Anpassungsfähigkeit als wichtiger Faktor
Die Schildkröten im Flückigersee sind ein gutes Beispiel für diese Unterscheidung. In Baden-Württemberg kommen vor allem verschiedene Formen der Buchstaben-Schmuckschildkröte vor, darunter Rotwangen- und Gelbwangen-Schmuckschildkröten. Auch Zierschildkröten wurden nachgewiesen. Ursprünglich stammen diese Arten aus Nordamerika.

Die Kalikokrebse sind eine Bedrohung für Gewässer im Südwesten bis Rheinland-Pfalz und nach Hessen geworden.
Uli Deck/dpaDass sie sich in Baden-Württemberg überhaupt halten können, liegt unter anderem an ihrer Anpassungsfähigkeit. „Die Buchstaben-Schmuckschildkröten stammen aus Regionen Nordamerikas, in denen ebenfalls deutliche jahreszeitliche Temperaturschwankungen auftreten“, erklärt Ickes. Auch das Klima könnte ihnen entgegenkommen. „Zudem können sie von milderen Wintern profitieren, die durch den Klimawandel häufiger auftreten.“ Hinzu kommt: Erwachsene Schildkröten haben in Baden-Württemberg nur wenige natürliche Feinde. Einzelne Populationen können sich deshalb langfristig halten.
Genau das lässt sich inzwischen auch in Freiburg beobachten. Die Tiere sind nicht nur vorübergehend in den See gelangt – sie können sich dort offenbar dauerhaft behaupten. Bei mehreren gebietsfremden Schildkrötenarten wurde bereits erfolgreiche Fortpflanzung nachgewiesen.
Das allein macht sie allerdings noch nicht zu einer invasiven Art, betont Ickes. Nun komme es darauf an, ob und welche Auswirkungen sie auf die heimische Tier- und Pflanzenwelt haben.
Konkurrenz um Nahrung und Lebensraum
Eine mögliche Folge wäre Konkurrenz mit heimischen Arten. „Invasive Tierarten können heimische Arten verdrängen, indem sie beispielsweise um Nahrung, Lebensräume oder Fortpflanzungsmöglichkeiten konkurrieren“, sagt Ickes. Bei den gebietsfremden Schildkröten gibt es dabei eine besonders naheliegende heimische Vergleichsart: die Europäische Sumpfschildkröte. Sie ist die einzige ursprünglich in Deutschland vorkommende Schildkrötenart. „Bei gebietsfremden Schildkrötenarten wie der Buchstaben-Schmuckschildkröte besteht vor allem die Sorge, dass sie mit unserer heimischen Art der Europäischen Sumpfschildkröte um geeignete Lebensräume und Nahrung konkurrieren könnte“, so die Artenschutzreferentin.
Ob diese Konkurrenz im Flückigersee tatsächlich zu einem relevanten Problem wird, ist allerdings noch Gegenstand der Forschung. Das aktuelle Projekt von Universität Freiburg und Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung untersucht unter anderem, was die Schildkröten fressen und welche Krankheitserreger sie möglicherweise tragen.
Die Unterscheidung zwischen gebietsfremd und invasiv ist deshalb mehr als eine Frage der Wortwahl. Sie entscheidet auch darüber, wie eine Art naturschutzfachlich bewertet wird.
Nicht jede fremde Art muss bekämpft werden
Auf europäischer Ebene werden invasive Arten anhand wissenschaftlicher Risikobewertungen beurteilt. Für bestimmte Arten können anschließend besondere Maßnahmen gelten. Der Blick auf den Flückigersee zeigt dabei, wie komplex die Situation sein kann: Dort leben viele Schildkröten, die ursprünglich nicht hierhergehören. Einige können sich fortpflanzen und dauerhaft überleben. Aber erst die Frage nach ihren tatsächlichen Auswirkungen entscheidet darüber, welche Bedeutung sie für das Ökosystem haben.
Die Freiburger Schildkröten sind damit ein Beispiel für ein Problem, das weit über den einzelnen See hinausgeht: Weltweit werden immer mehr Tier- und Pflanzenarten durch den Menschen in Regionen gebracht, in denen sie ursprünglich nicht vorkommen. Manche verschwinden wieder. Manche bleiben unauffällig. Und einige werden invasiv – mit Folgen für die Artenvielfalt.
