Privat-Strom von der Börse im Test
: So spart man mit einem dynamischen Tarif bald 2000 Euro

Mit dem starken Anstieg der Strompreise vor einigen Jahren musste für unseren Autor ein neuer Stromanbieter her. Die Wahl fiel auf einen dynamischen Börsenstrompreis-Tarif. Ein Erfahrungsbericht mit Zahlen und moralischen Überlegungen.
Von
Robin Heidepriem
Oberndorf
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Wer keinen Smart Meter hat, kann mit diesem kleinen Gerät trotzdem Geld sparen. (Montage)

Heidepriem

Eines sei vorneweg festgehalten: Ich verbrauche schon mein ganzes Leben viel Strom. Ob für Computer, Konsole, Smarthome oder Küche - der Stromverbrauch lag auch ohne Elektroauto bei über 3000 Kilowattstunden pro Jahr. Zum Vergleich: Laut Stromspiegel benötigen andere Ein-Personen-Haushalte nur 1675 kWh im Jahr.

Mit diesem Verbrauch als Ausgangspunkt lohnt es sich erst recht, einen möglichst günstigen Tarif zu finden. Und im großen Strompreisvergleichsdschungel finden sich viele Optionen: Hoher Preis, aber große Wechselprämie; niedriger Preis für die Kilowattstunde, aber hohe Grundgebühr.

Strom von der Börse

Eine Art von Tarif hat mein Interesse letztlich für sich gewinnen können: Der dynamische Börsenstrompreis von Tibber. Hier zahle ich, was der Strom jede Stunde tatsächlich an der Börse (EPEX Spot) kostet. Kein monatlicher Abschlag, sondern am Ende jedes Monats genau das, was ich verbraucht habe.

Das Versprechen: Wer seinen Strom zu günstigen Zeiten verbraucht, kann richtig Geld sparen. Diese günstigen Zeiten sind dann, wenn der Strom von Erneuerbaren Energien in Massen an der Börse gehandelt wird. Also bei Sonnen- und Windstromüberschuss, bei welchem der Strompreis ohne Steuern und Netzgebühr bei 0 Cent oder teils sogar im Minusbereich liegt. Laut einem Rechenbeispiel von Agora Energiewende soll ein Haushalt im Jahr 2035 so 600 Euro an Stromkosten sparen können.

Seit Anfang 2025 sind Stromversorger mit mehr als 100.000 Kunden verpflichtet, einen dynamischen Tarif anzubieten. Doch viele halten sich laut dem Vergleichsportal Verivox mit der Werbung dafür zurück, da die Tarife schwer zu erklären sind.

Smarter Zähler oder Provisorium

Hindernis ist in vielen Haushalten außerdem derzeit der fehlende smarte Stromzähler. Normalerweise benötigt man für diese Art des Tarifs einen Smart Meter ("iMsys", intelligentes Messsystem) - also einen Stromzähler, der seinen Zählerstand über das Internet an den Anbieter sendet. Doch hierzulande hinkt der Ausbau hinterher.

Mein Messstellenbetreiber in Sulz am Neckar hat auch im März 2025 laut Bundesnetzagentur noch 0,00 Prozent aller Pflichteinbauten dieser neuen Zähler erreicht. Und wir reden hier nur von den Pflichteinbaufällen - also Nutzern mit mehr als 6000 Kilowattstunden Jahresverbrauch oder einer Solaranlage mit mehr als sieben Kilowattpeak (kWp) Einspeiseleistung.

Bei Tibber bietet man deswegen als Übergang bis zum Smart Meter den "Pulse" an. Ein kleines, batteriebetriebenes Gerät, das man auf die Infrarotschnittstelle einiger moderner Zähler aufsetzen kann. Der Pulse sendet dann über WLAN die Daten des Zählers an den Stromanbieter - und der registriert, in welcher Stunde wie viel Strom verbraucht wurde. Zudem kann man als Nutzer die Daten auch live in der App verfolgen und weiß so immer Bescheid, wie viel der eigene Haushalt aktuell benötigt.

Diese Transparenz des eigenen Verbrauchs lässt einem bewusst werden, was welche Geräte eigentlich tatsächlich so an Strom verbrauchen.

Waschmaschine erst später laufen lassen

Und wie war das jetzt bei mir konkret mit den günstigen und teuren Zeiten? Vor allem zum Start fiel es mir schwer, Haushaltsgeräte zu anderen Zeiten zu nutzen. Aber 2023, als ich den Tarif erst kurz hatte, hat man sich auch noch viele Gedanken gemacht und jeden Tag die Preise in der App geprüft. Über die Jahre hat sich das Verhalten aber nur da, wo es Sinn macht, angepasst. Wegen ein paar Cent Ersparnis verschiebt man nicht das Abendessen.

Und schnell wurde klar: Das größte Sparpotenzial haben logischerweise die größten Verbraucher. Neben dem Elektroauto sind das beispielsweise Waschmaschine und Trockner.

So läuft die Wäsche im Sommer nun halt Mittags mit Solarstrom. Oder das Auto lädt im Winter nachts und nach Möglichkeit am Wochenende, bei Windstromüberschuss und wenig Industriestromnachfrage. Nebeneffekt: Der Strom ist zu diesen Zeiten nicht nur günstig, sondern auch sauberer.

Und an manchen Tagen - es sind aber nur wenige - kostet der Strom tatsächlich nichts. Oder, noch viel besser, man verdient durchs Verbrauchen Geld. Aber natürlich passiert das nur selten. Die Regel ist eher, das der Strom in manchen Phasen zwar für 0 Cent gehandelt wird - aber die Netzentgelte in meinem Fall in Höhe von 24,7 Cent pro Kilowattstunde zahlt man trotzdem. 

Was das "Verschieben" konkret gespart hat

Tibber bietet neben dem dynamischen Tarif auch eine Alternative für Nutzer ohne WLAN am Schaltschrank an, die sich am Standard-Lastprofil orientiert und mit dem monatlichen Durchschnittsbörsenpreis abgerechnet wird. Hier gibt man die Zählerstände jeden Monat manuell in die App ein. Diesen Tarif nehmen wir zum Vergleich heran, ob das gezielte Verschieben des Stromverbrauchs sich lohnt.

In den letzten knapp 2,5 Jahren kostete mein Strom 4259,02 Euro. Mit dem Standard-Lastprofil - also ohne "Pulse"-oder smarten Zähler - hätte er 4578,86 Euro gekostet. Beim örtlichen Grundversorger wären 6093,20 Euro fällig geworden.

Damit ergibt sich eine Ersparnis im Vergleich zum Grundversorger von 1834,18 Euro in 29 Monaten - also rund 63 Euro im Monat. Ohne das Verschieben des Verbrauchs in günstigere Zeiten hätte man 319,84 Euro mehr gezahlt. Oder eben im Schnitt rund 11 Euro im Monat mehr. Dabei gab es mit dem Januar 2024 einen Monat, bei dem der dynamische Tarif 1,30 Euro teurer war als der Durchschnitts-Börsenpreis.

Das moralische Dilemma

Doch trotz des gesparten Geldes darf man nicht zu schnell einen Haken dranmachen. Denn der große Vorteil des Börsenstrompreis ist auch sein größter Nachteil. Wenn die Preise wieder durch Krieg oder andere globale Ereignisse stark steigen, muss ich diese enormen Preise sofort mittragen. Dank monatlicher Kündigungsfrist ist man jedoch schnell aus der Spekulation ausgestiegen.

Und damit kommt das moralische Dilemma ins Spiel: In einer Phase teuren Stroms wechselt man zurück zum Grundversoger, der aufgrund von langfristigem Stromeinkauf zu diesem Zeitpunkt seine Preise noch nicht den neuen Problemen am Markt anpassen kann.

Doch dank dem neuen, unverhofften Kunden muss der Grundversorger zusätzlichen Strom einkaufen - zum nun teuren Preis. Dem örtlichen Stromversorger gefällt das nicht und bestätigt das auch im Gespräch - denn sie sind gesetzlich verpflichtet, dem Billigpreis-Flüchtenden den selben Tarif anzubieten wie allen anderen Kunden.

Und dann, wenn die Börse sich wieder erholt, doch der Preis für Alle im Ort erhöht werden muss, wechselt der Kunde wieder zum billigeren Tarif. So schiebt man das Risiko der eigenen Börsen-Spekulation dem Grundversorger zu. Und zahlen dürfen es am Ende die anderen Kunden in der Grundversorgung - und damit die eigenen Nachbarn. Man profitiert also in guten Zeiten von den niedrigen Preisen, rettet sich dann aber in schlechten Zeiten in das unfreiwillige Fangnetz der lokalen Anbieter.

Für wen der Tarif tatsächlich etwas ist

Wer die technischen Möglichkeiten hat und bereit ist, seinen Verbrauch an die Schwankungen am Markt anzupassen, kann hier einiges an Geld sparen. Vor allem mit einem E-Auto oder anderen flexiblen Verbrauchern lohnt sich so ein Tarif. Ein mulmiges Gefühl, an der Börse zu spekulieren, bleibt aber. Auch wenn das Fangnetz bereitsteht.

Ausblick - was kommt da noch?

Zwei große Änderungen stehen den dynamischen Stromtarifen noch bevor. Im Oktober stellen die Anbieter auf einen viertelstündlichen statt eines stündlichen Rhythmus um. Das heißt, das sich ab dann jede Viertelstunde der Strompreis entsprechend der Nachfrage ändern kann.

Und zusätzlich soll es neben dem dynamischen Strompreis zukünftig auch dynamische Netzentgelte geben. Während ersterer durch die Verfügbarkeit des Stroms bestimmt wird, soll zweiteres die Auslastung des Stromnetzes besser verteilen. Es soll belohnt werden, wenn man das Auto nicht in Stunden hoher Auslastung lädt, sondern dann, wenn das Netz weniger strapaziert ist. Man verspricht sich so, die Kosten des Stromnetzausbaus deutlich zu senken. Wie Agora Energiewende angibt, sogar um bis zu 45 Prozent.

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