Interview mit Experten
: Das können Außenstehende tun, um Opfern häuslicher Gewalt zu helfen

InterviewHäusliche Gewalt betrifft viele Menschen. Sich Hilfe zu suchen, kostet oft Überwindung. Was Außenstehende tun können, wenn sie Partnergewalt im Bekanntenkreis vermuten, erklärt ein Experte vom „Weissen Ring“.
Von
Jennifer Merk,
Sebastian Ruckaberle
Region
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Partnergewalt Jennifer

Häusliche Gewalt betrifft viele Menschen. Wie Außenstehende helfen können, erklärt ein Experte.

KI/Midjourney/Sebastian Ruckaberle

„Mit wem hast Du geschrieben?“, fragt er, während er ihr Handy in der Hand hält und scrollt. „Gib es mir wieder“, bittet sie mit leiser Stimme. Die Stimmung kippt, er wird lauter, während sie versucht, beruhigend auf ihn einzureden. Doch wenige Minuten später eskaliert die Situation: Er schlägt ihr mit der flachen Hand ins Gesicht, sie stürzt zu Boden.

Szenen wie diese erleben in Deutschland viele Frauen. Laut Bundeskriminalamt (kurz BKA) waren im Jahr 2024 insgesamt 187.128 als Opfer von häuslicher Gewalt registriert. Die Dunkelziffer ist durch nicht bekannte Fälle jedoch deutlich höher. Natürlich können auch Männer Opfer häuslicher Gewalt werden – bei rund 70 Prozent der angezeigten Fälle handelt es sich jedoch um Gewalt gegen Frauen.

Oft schämen sich die Betroffenen für das, was in den eigenen vier Wänden passiert. Viele hoffen, dass die Beziehung irgendwann wieder besser läuft. Dass der Partner sich ändert und Reue zeigt. Und deshalb unternehmen sie zunächst nichts dagegen.

Für Außenstehende ist das oft unbegreiflich. Was sie tun können, wenn sie häusliche Gewalt im Bekanntenkreis vermuten oder gar davon wissen, und wie sie helfen können, wenn Betroffene tatsächlich um Unterstützung bitten, haben wir Jochen Link gefragt. Er leitet beim „Weissen Ring“ die Außenstelle Schwarzwald-Baar-Kreis und behandelt als eines seiner Schwerpunktthemen in der Prävention das Thema häusliche Gewalt. Außerdem ist er als Opferanwalt tätig.

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Herr Link, wie kann man einer von häuslicher Gewalt betroffenen Person Hilfe anbieten, ohne sie unter Druck zu setzen?

Wer vermutet oder weiß, dass ein nahestehender Mensch häusliche Gewalt erlebt, kann zunächst signalisieren: „Ich sehe, dass es Dir nicht gut geht, und ich bin für Dich da.“ Entscheidend ist, zuzuhören, die Schilderungen ernst zu nehmen und keine Vorwürfe zu machen. Betroffene sollten selbst bestimmen können, welche Schritte sie wann gehen möchten. Forderungen wie „Du musst ihn sofort verlassen“ können zusätzlichen Druck erzeugen und dazu führen, dass sich Betroffene zurückziehen. Hilfreicher ist es, konkrete Unterstützung anzubieten: „Was brauchst Du gerade?“ oder „Wie kann ich Dich unterstützen?“ Es ist wichtig, dass es häufig gerade vermeintlich kleine Schritte, wie etwa die Begleitung zur Polizei oder zu einer Beratungsstelle, sind, die viel bewirken können. Nahestehende Personen sollten aber auch das eigene Erleben beobachten und sich bei Bedarf unterstützen lassen. So können sich auch Angehörige und andere Bezugspersonen bei spezialisierten Beratungsstellen informieren und beraten lassen.

Was können Außenstehende konkret tun, wenn die betroffene Person die Situation verlassen möchte?

Wenn eine betroffene Person aus der Situation gehen möchte, können Angehörige eine wichtige praktische Stütze sein. Sie können gemeinsam mit ihr überlegen, wohin sie gehen kann, eine sichere Unterkunft organisieren, sie begleiten oder bei organisatorischen Dingen helfen. Sinnvoll kann es sein, wichtige Dokumente, Medikamente, Schlüssel, etwas Bargeld, Kleidung und notwendige Dinge für Kinder an einem sicheren Ort bereitzuhalten. Auch ein vereinbartes Codewort kann helfen, mit dem die betroffene Person im Ernstfall unauffällig signalisiert, dass sie Hilfe benötigt. Wichtig ist jedoch: Gerade die Trennungsphase kann mit einer erhöhten Gefährdung verbunden sein. Ein Ausstieg sollte deshalb möglichst sicher geplant und gegebenenfalls von einer Fachberatungsstelle begleitet werden.

Jochen Link vom Weissen Ring leitet die Außenstelle Schwarzwald-Baar-Kreis.

Jochen Link vom Weissen Ring leitet die Außenstelle Schwarzwald-Baar-Kreis. Eines seiner Schwerpunktthemen in der Prävention ist häusliche Gewalt und er ist als Opferanwalt tätig.

André Götzmann

Wie kann man bei der Suche nach einer sicheren Unterkunft, Beratungsstelle oder anderen Hilfsangeboten unterstützen?

Die Vielzahl an notwendigen Entscheidungen kann in einer solchen Situation überfordern. Angehörige können entlasten, indem sie gemeinsam nach Beratungsstellen, Frauenhäusern, Schutzwohnungen oder anderen Opferhilfeangeboten suchen, Telefonnummern heraussuchen, bei der Kontaktaufnahme unterstützen oder die betroffene Person zu einem Termin begleiten. Dabei sollte immer geklärt werden, welche Unterstützung sie tatsächlich möchte. Besondere Vorsicht ist geboten, wenn der gewalttätige Partner möglicherweise das Smartphone, gemeinsame Accounts oder den Standort kontrolliert. Recherchen nach Hilfsangeboten sollten dann möglichst über ein sicheres Gerät erfolgen. Auch digitale Spuren wie Suchverläufe, Standortfreigaben oder synchronisierte Konten sollten bei der Sicherheitsplanung berücksichtigt werden.

Was sollte man unbedingt vermeiden – insbesondere, wenn die Gefahr besteht, dass der gewalttätige Partner das eigene Eingreifen bemerkt?

Gut gemeintes Eingreifen kann die Situation unbeabsichtigt verschärfen. Angehörige oder nahestehende Personen sollten den gewalttätigen Partner deshalb nicht eigenmächtig konfrontieren, bedrohen oder ankündigen, dass die betroffene Person die Beziehung verlassen möchte. Auch unangekündigte Nachrichten, Anrufe oder offen sichtbares Informationsmaterial können problematisch sein, wenn Kommunikation oder Geräte kontrolliert werden. Ebenso sollten nicht ohne Absprache Passwörter geändert, Accounts gelöscht oder digitale Kontakte blockiert werden. Solche Veränderungen können bemerkt werden und eine Eskalation auslösen. Grundsätzlich gilt: Unterstützung muss immer mit der betroffenen Person abgestimmt und Sicherheit bei jedem Schritt mitgedacht werden.

Wie können Außenstehende reagieren, wenn die betroffene Person trotz Gewalt zunächst bei ihrem Partner bleiben möchte?

Für Angehörige kann es schwer auszuhalten sein, wenn eine betroffene Person trotz Gewalt in der Beziehung bleibt oder nach einer Trennung zurückkehrt. Druck, Vorwürfe oder ein Kontaktabbruch helfen jedoch nicht. Es kann für die betroffenen Personen eine Vielzahl guter Gründe geben, warum Menschen eine gewaltvolle Beziehung nicht oder nicht sofort verlassen können, etwa Angst vor weiterer Gewalt, finanzielle oder emotionale Abhängigkeiten, gemeinsame Kinder oder fehlende Wohnmöglichkeiten. Umso wichtiger ist es, die Verbindung nicht abreißen zu lassen und die Hand immer wieder ausgestreckt zu halten. Die betroffene Person selbst entscheidet, ob und wann sie diese annimmt. Angehörige können signalisieren: „Ich bin für Dich da, und Du kannst Dich jederzeit an mich wenden.“ Gleichzeitig kann gemeinsam überlegt werden, wie sich die Sicherheit erhöhen lässt, solange die Person in der Beziehung bleibt. Entscheidend ist, verlässlich ansprechbar zu bleiben, ohne Druck auszuüben oder der betroffenen Person Entscheidungen abzunehmen.

Wann sollten Außenstehende selbst aktiv werden und Polizei oder Rettungsdienste einschalten?

Die Selbstbestimmung der betroffenen Person ist wichtig, sie hat jedoch dort Grenzen, wo eine akute Gefahr für Leib und Leben besteht. Wer beispielsweise einen gegenwärtigen körperlichen Angriff beobachtet oder hört, konkrete Tötungsdrohungen mitbekommt, schwere Verletzungen feststellt oder eine unmittelbar eskalierende Situation wahrnimmt, sollte die Polizei unter 110 beziehungsweise bei einem medizinischen Notfall den Rettungsdienst unter 112 verständigen. Dabei sollte man sich nicht selbst in Gefahr bringen. Sind Kinder unmittelbar gefährdet, besteht ebenfalls besonderer Handlungsbedarf. Liegt keine akute Gefahr vor, ist es grundsätzlich sinnvoll, weitere Schritte gemeinsam mit der betroffenen Person zu planen und professionelle Beratungsangebote einzubeziehen.

Eine wichtige Botschaft für Angehörige ist dabei: Sie müssen und können die Situation nicht allein lösen. Ihre Aufgabe besteht nicht darin, die betroffene Person „zu retten“ oder Entscheidungen für sie zu treffen. Sie können die Hand ausstrecken, zuhören, praktische Unterstützung anbieten und den Zugang zu professioneller Hilfe erleichtern. Die betroffene Person entscheidet jedoch selbst, ob und wann sie diese Unterstützung annimmt. Gleichzeitig sollten Angehörige die eigenen Grenzen und Ressourcen ernst nehmen. Sie dürfen Verantwortung abgeben, sich selbst beraten lassen und Unterstützung in Anspruch nehmen. Denn auch für das Umfeld kann die Begleitung eines von Gewalt betroffenen Menschen sehr belastend sein.

„Weisser Ring“

Hilfsorganisation
Mit 3000 ehrenamtlichen Mitarbeitern, 40 000 Mitgliedern und 400 Außenstellen ist der „Weisser Ring“ nach eigenen Angaben Deutschlands größte Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität und Gewalt.

Arbeitsweise
Persönliche Betreuung, menschlicher Beistand, Zuwendung und Anteilnahme gehören als Grundelemente zur Arbeit. Damit wollen die Ehrenamtlichen Betroffenen ermöglichen, dass diese auf Basis richtiger Informationen und ohne Angst vor Kosten die für sich richtige Entscheidung treffen können. Ziel dabei ist es, dass die Betroffenen daraus Kraft schöpfen und neuen Lebensmut gewinnen.

Helfen
Wenn sich Betroffene an den „Weissen Ring“ wenden, ist gewährleistet, dass diese offene Ohren und Zeit zum Zuhören, kompetenten Rat und praktische Hilfe bekommen – schnell und unbürokratisch. Die Mitarbeiter prüfen gemeinsam mit den Hilfesuchenden, welche konkrete Unterstützung benötigt wird und was helfen kann, langfristig mit den Tatfolgen zu leben – egal, ob diese seelischer, materieller oder gesundheitlicher Natur sind.

Hilfsangebote bei Partnergewalt

Sollten Sie Gewalt erlebt haben oder sich aktuell in einer Gewaltsituation befinden, erreichen Sie unter der bundesweit gültigen Telefonnummer 116 016 das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“. Es ist rund um die Uhr besetzt und berät in 18 Sprachen. Es ist auch für Angehörige oder Freunde für von Gewalt Betroffenen gedacht. Unter hilfetelefon.de wird dort auch Onlineberatung angeboten.

Auch Männer, die Gewalt erlebt haben, finden Hilfe beim Hilfetelefon „Gewalt gegen Männer“ unter 0800-123 9900. Das Telefon ist Montag bis Donnerstag von 8 bis 20 Uhr sowie Freitag von 8 bis 15 Uhr besetzt. Onlineberatung (Chat und E-Mail) ist unter maennerhilfetelefon.de verfügbar.

Diese Recherche ist Teil einer NPG-weiten Kooperation zwischen den Redaktionen zu Partnergewalt in Baden-Württemberg angeführt von Paloma Schneider und Chiara Sterk.